Serie: Kemptens Partnerstädte – Teil 1

Quiberon: Die belgische Partnerstadt, die eine französische wurde

Die langen Sandstrände an der Atlantikküste locken viele Touristen nach Quiberon.
+
Die langen Sandstrände an der Atlantikküste locken viele Touristen nach Quiberon.

Kempten – Mit Quiberon in Frankreich, Trient in Italien, Bad Dürkheim in Deutschland, Sligo in Irland und Sopron in Ungarn hat Kempten fünf Partnerstädte, mit denen die „Allgäumetropole“ teilweise seit einem halben Jahrhundert eng verbunden ist. Im Freundschaftskreis Partnerstädte e.V. ist jeder Vertreter des Vorstands zeitgleich Ansprechpartner für eine der fünf Partnerstädte. Der Kreisbote Kempten hat sich mit der Vereinsvorsitzenden Petra Le Meledo-Heinzelmann unterhalten, die Ansprechpartnerin für die französische Partnerstadt Quiberon ist

Teil 2 über Kemptens Partnerstadt Sopron findet sich hier.

Jedes Jahr besuchen offizielle Delegationen aller Partnerstädte die Allgäuer Festwoche. Neben den Veranstaltungen seitens der Stadtverwaltung seien es jedoch vor allem die informellen Beziehungen, die einen intensiven Austausch erlebbar machten, meint Le Meledo-Heinzelmann zu Beginn des Gesprächs. „Ich glaube, das würde auch unser OB Kiechle sofort so unterschreiben.“

Mit Quiberon an der Westküste Frankreichs hegt Kempten die älteste Städtepartnerschaft. Dieses Jahr steht das 50-jährige Jubiläum an. „Was nur wenige wissen, ist, dass Quiberon eigentlich eine belgische Partnerstadt werden sollte“, erzählt Le Meledo-Heinzelmann. „Damals machte der Bürgermeister St. Mangs gemeinsam mit ein paar Gemeinderäten eine Urlaubsreise nach Belgien. Als sie eine Autopanne hatten, halfen ihnen Belgier in einem kleinen Dorf, das Auto zu reparieren und es entwickelte sich eine lose Freundschaft daraus. Als es zwei Jahre später darum ging, eine Partnergemeinde zu finden, erinnerten sich die Politiker an die Begegnung und strebten eine belgische Partnerschaft an. Diese wurde letztlich von den Belgiern aufgrund der erlebten Grausamkeiten durch deutsche Soldaten während des Krieges abgelehnt“, erklärt Le Meledo-Heinzelmann.

Stattdessen entstand die Partnerschaft mit dem rund 5000 Einwohner großen Quiberon, das sich auf der Suche nach einer deutschen Partnerstadt in den Bergen 1968 an die Regierung von Schwaben wandte. Aus dieser Anfrage entstand ein Kontakt zum Heimkehrerverband in St. Mang. Der damalige Vereinsvorsitzende, Alfons Hörmann, nahm daraufhin zusammen mit Peter Wild, beides ehemalige Kriegsgefangene, erste Gespräche zum Vorsitzenden des Partnerschaftsvereins in Quiberon auf. 1971 wurde die Partnerschaft offiziell begründet und nach der Gebietsreform ein Jahr später von der Stadt Kempten übernommen. „Beflügelt vom von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle im Jahr 1963 unterzeichneten deutsch-französischen Freundschaftsvertrag haben sich in den darauffolgenden Jahren viele deutsch-französische Städtepartnerschaften entwickelt. Vordergründiges Ziel war es, die Freundschaft und den europäischen Frieden zu wahren. Das gilt schlussendlich auch für alle anderen Partnerstädte Kemptens“, so die Vereinsvorsitzende.

Vom Heimkehrerverband initiiert, organisierte dieser viele Jahre, unter der federführenden Leitung von Pauline Wild, Jugendbegegnungen zwischen den Partnerstädten – „mit viel Liebe und Herzblut“, betont Le Meledo-Heinzelmann. Später wurde der Schüleraustausch vom Hildegardis-Gymnasium übernommen. „Das Hilde macht es ebenfalls sehr gut. Was ich persönlich ein bisschen schade finde, ist, dass dadurch jetzt nur noch die Französischklassen am Austausch teilnehmen können. Früher war das Angebot für alle offen und notfalls hat man mit Händen und Füßen kommuniziert.“ Der direkte Kontakt zu den Bewohnern Quiberons sei ihr aus der eigenen Erfahrung heraus sehr wichtig. Sie war bei ihrem ersten Jugendaustausch in die französische Hafenstadt 16 Jahre alt. „Ich war damals in einer Familie untergebracht, in der der Vater in jungen Jahren ein Widerstandskämpfer war, der mehrfach von deutschen Soldaten gerettet worden ist. Mit ihm habe ich mich sehr lange über die Bedeutung der deutsch-französischen Beziehungen unterhalten. Das hat mich so sehr geprägt, dass ich den Vereinsvorsitz im Freundschaftsverein übernommen habe.“ Wenn Le Meledo-Heinzelmann die Bürgerreise nach Quiberon organisiert, bietet sie allen Teilnehmern an, bei Privatpersonen statt im Hotel zu nächtigen, um direkte Begegnungen mit den Bewohnern zu fördern. Im vergangenen Jahr musste die Bürgerreise aufgrund der Pandemie abgesagt werden. Le Meledo-Heinzelmann hofft, dass diese im Jubiläumsjahr 2021 nachgeholt werden kann. Neben dem Schüleraustausch und den Bürgerreisen werden die Beziehungen zwischen den beiden Städten vor allem auf künstlerischer, kultureller und sportlicher Ebene gepflegt.

Die Halbinsel Quiberon lebt vom Tourismus. Die Côte Sauvage, übersetzt „wilde Küste“, wird teilweise als das westliche Pendant zur Côte d’Azur im Süden Frankreichs bezeichnet und zieht viele Wassersportler an. Historisch gesehen ist die Stadt keltischen Ursprungs. „Die Mentalität der Bretonen ist vergleichbar mit der der Allgäuer. Sie sind stolz auf ihre Herkunft und ihre Traditionen. Die bretonische Kultur wird sehr gepflegt“, erzählt die Vereinsvorsitzende.

„Die mit Leben gefüllten Verbindungen zu all unseren Partnerstädten haben wir auch der sehr guten Zusammenarbeit mit dem Haus International zu verdanken. Dort finden nicht nur unsere Vorstandssitzungen statt, sondern zahlreiche Veranstaltungen im Jahr, die die multilateralen Beziehungen zu unseren Partnerstädten ermöglichen“, erzählt Le Meledo-Heinzelmann abschließend, die sich über engagierten Nachwuchs im Verein freuen würde. Weitere Informationen über die Partnerstädte und den Freundschaftskreis sind unter www. freundschaftskreis-partnerstaedte-kempten.de und www.partnerstadt-kempten.eu abrufbar.

Dominik Baum

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Ein Blick in den Arbeitsalltag der Lungenfachärzte Dr. med. Reinhard Hettich und Dr. med. Bettina Miksch von Heigl, Hettich MVZ Kempten-Allgäu
Ein Blick in den Arbeitsalltag der Lungenfachärzte Dr. med. Reinhard Hettich und Dr. med. Bettina Miksch von Heigl, Hettich MVZ Kempten-Allgäu
Online-Aschermittwoch: Neues Format mit »vogelwilder Schalte«
Online-Aschermittwoch: Neues Format mit »vogelwilder Schalte«
Corona-Ticker Kempten: Inzidenzwerte schwanken leicht
Corona-Ticker Kempten: Inzidenzwerte schwanken leicht
Wie ergeht es Obdachlosen in der Pandemie und welche Hilfen bekommen sie?
Wie ergeht es Obdachlosen in der Pandemie und welche Hilfen bekommen sie?

Kommentare