1. kreisbote-de
  2. Lokales
  3. Kempten

Quo vadis Afghanistan?

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Dr. Reinhard Erös informierte über die soziale und politische
Situation in Afghanistan nach dem Abzug der westlichen Truppen.
Der Weltladen Kempten hatte ihn eingeladen, der Pfarrsaal von
St. Lorenz war sehr gut besucht.
Dr. Reinhard Erös informierte über die soziale und politische Situation in Afghanistan nach dem Abzug der westlichen Truppen. Der Weltladen Kempten hatte ihn eingeladen, der Pfarrsaal von St. Lorenz war sehr gut besucht. © Heinz Haselbach

Kempten – Dass der ehemalige Bundeswehrarzt Dr. Reinhard Erös für die „Kinderhilfe Afghanistan“ brennt, ist in jedem seiner Sätze spürbar.

Vom Weltladen Kempten eingeladen, referierte er im Pfarrzentrum St. Lorenz vor etwa 80 Personen über seinen jahrzehntelangen humanitären Einsatz in diesem Land der Extreme am Hindukusch. Jetzt, wo das öffentliche Interesse dem Krieg in der Ukraine gilt, schlittert der Vielvölkerstaat nach zwei Missernten in eine brutale Hungersnot.

Erös skizzierte eingangs die Geschichte und Kultur Afghanistans und berichtete von einem früher unpolitischen, friedlichen Islam in den 1980er Jahren, der nie expansiv, nie missionarisch gewesen sei. Der „unschöne“ Islam kam aus Saudi-Arabien importiert 1990 mit den Taliban ins Land: „Jetzt sind alle fromm.“

Mit 1,3 Billionen Dollar war Erös zufolge der 40-jährige Krieg in Afghanistan der längste und teuerste der Menschheit. Er habe im Westen 4.000 Todesopfer und im Land ungezählten Menschen das Leben gekostet. Auch 345 Kinder seien getötet worden, davon die Hälfte durch die NATO. Zivile Opfer wurden, so Erös, zynisch als „Kollateralschaden“ bezeichnet. Dabei sei nicht jeder Taliban ein Terrorist. Die Taliban seien vielmehr, nach unseren Vorstellungen, religiöse Irre, meist kampferfahrene Analphabeten. Dank seiner Hilfseinsätze als Arzt bereits in der Zeit der russischen Besatzung hat Erös das Vertrauen der Bevölkerung erworben, wie er angab: „Vertrauen ist die wichtigste Kreditkarte.“ Er habe seinen eigenen Umgang mit den religiösen Führern gefunden und könne auf Umwegen Geld ins Land bringen, um die über 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der von ihm gegründeten Projekte zu bezahlen. Wenn er mit den Taliban z. B. tagelang über weitere Mädchenschulen oder die Öffnung von Universitäten für Frauen verhandelt, nennt er dies „Tee trinken mit dem Teufel“. Alles gehe nur über „Bildung, Bildung, Bildung, vor allem für Mädchen“. Empathie und die vier „H“, d. h. Herz, Hand, Hirn und Humor prägen Erös‘ Grundeinstellung, wie er sagt. Wenn er vom Afghanistaneinsatz der Bundeswehr und von staatlicher Entwicklungshilfe spricht, fällt sein Urteil allerdings vernichtend aus. Von den 80 Millionen Steuergeldern kamen bei den Projekten nur 24 Millionen an; es wurden Unsummen verschleudert. Erös berichtete von entscheidenden Ereignissen und Fehlern, die in der westlichen „Lückenpresse“ nie oder nur nebenbei erwähnt wurden und werden.

Der „Krieg gegen den Terror“ von US-Präsident Bush nur drei Tage nach den Anschlägen vom 11. September 2001 verkündet, endete nach 20 Jahren mit dem schmählichen Abzug der mächtigsten Armee der Welt. Wenn jetzt die ca. 50.000 Ortskräfte, die bei den Deutschen gearbeitet haben, außer Landes gebracht werden sollen, sei zu bedenken, dass sie alle gut verdient hätten, privilegiert und gebildet seien.

Laut Erös kämpfen die Afghaninnen, von denen 90 Prozent auf dem Land leben, aktuell vor allem darum, ihre Kinder zu ernähren, während in Kabul eine verschwindende Minderheit gegen das Regime der Taliban protestiere.

Die zahlreichen Projekte des Vereins „Kinderhilfe Afghanistan“ werden ausschließlich mit privaten Spenden finanziert, da öffentliche Gelder stets mit Auflagen und bürokratischem Reibungsverlusten verbunden wären. Schwerpunkte sind laut Erös derzeit die Bekämpfung des Hungers, d. h. die Versorgung armer Familien mit Lebensmitteln, die Verbesserung der medizinischen Versorgung auf dem Land, Photovoltaik-Anlagen auf Dächern und die Gründung christlich-moslemischen Schulen in Pakistan. Die Vereinsarbeit erfolgt ehrenamtlich, den einheimischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Projekten werden ortsübliche Gehälter bezahlt.

Erös ist es mit seinem spannenden, engagierten Vortrag, auch mit seinen mitunter drastischen Formulierungen, gelungen, einige Wissenslücken des Publikums zu füllen. Es erwies ihm mit starkem Applaus hohen Respekt und Anerkennung für sein Lebenswerk, das er mit unermüdlichem Einsatz und nicht zuletzt mithilfe seiner Familie weiterführt.

Infos & Spendenkonto

Ausführliche Informationen auf der Website: www.kinderhilfe-afghanistan.de

Spendenkonto: Kinderhilfe Afghanistan: Liga Bank Regensburg, IBAN: DE08 75090300 00013250 00, BIC: GENODEF1M05

Auch interessant

Kommentare