"Einwanderin im eigenen Land"

Historiker und Journalist Ralph Bollmann spricht über Bundeskanzlerin Merkel

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Mit dem Buch „Die Deutsche: Angela Merkel und wir“ landete der Historiker und Journalist Ralph Bollmann (r.) 2013 einen Bestseller. Auf Einladung des Lions Club Kempten (M. Prof. Dr. Lázló Füzesi, Präsident Lions Club Kempten) sprach Bollmann über den Menschen Angela Merkel.

Kempten – Glaubt man den Worten von Bundeskanzlerin Angela Merkel dann wird ihre vierte Amtszeit ihre letzte sein.

2005 konnten sich die Unionsparteien knapp gegen Bundeskanzler Gerhard Schröder durchsetzen und Angela Merkel als Bundeskanzlerin inthronisieren. Seither hat Angela Merkel in weiten Teilen der Bevölkerung Zuspruch für ihre Politik erhalten. Gleichzeitig aber wendeten sich viele konservative Wähler von der CDU ab. Ralph Bollmann, 1969 in Kemptens Partnerstadt Bad Dürkheim geboren, ist Journalist und ein international gefragter Experte zur Bundeskanzlerin. 2013 veröffentlichte er sein Buch: „Die Deutsche: Angela Merkel und wir“, das zum Bestseller wurde. 

Bollmann studierte in Tübingen, Bologna und an der Humboldt Universität Geschichte, Politik und Öffentliches Recht. Im Anschluss besuchte Bollmann die Deutsche Journalistenschule in München und war u.a. Ressortleiter bei der taz. Heute ist Ralph Bollmann Korrespondent für Wirtschaftspolitik bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Richtungsentscheidungen Am vergangenen Montagabend war Ralph Bollmann auf Einladung des Lions Club Kempten zu Gast im Audimax der Hochschule Kempten. Dort sprach der Journalist zu den Gästen über sein Buch „Die Deutsche: Angela Merkel und wir“. Bollmann, der als Journalist häufig Angela Merkel auf Reisen begleitet, gab seine Einschätzung zum Wirken und Wesen der Bundeskanzlerin ab. Seinen Ausführungen stellte Bollmann eine Zusammenfassung aller richtungsweisenden Entscheidungen von Angela Merkel voran: Noch kurz vor ihrer ersten Amtszeit befürwortete Angela Merkel 2003 den dritten Irak-Krieg, als Bundeskanzlerin verweigerte sie 2011 die Teilnahme am Krieg gegen den libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi, sie setzte sich für den Mindestlohn ein, beschloß nach dem Reaktorunglück von Fukushima 2011 den Ausstieg Deutschlands aus der Kernernergie, garantierte den Bürgern im Jahr 2008 im Zuge der Finanzkrise: „Die Spareinlagen sind sicher“ und ließ im September 2015 die deutschen Grenzen für Tausende von Flüchtlingen aus Ungarn öffnen, was zu einer enormen Migrationswelle nach Deutschland führte, die die deutsche Gesellschaft bis heute polarisiert. 

„Zugrunde liegen ihren politischen Entscheidungen nicht Selbstlosigkeit sondern Eigenschaften wie Effizienz, Prinzipientreue und Beharrlichkeit, die bis zur Sturheit reichen kann“, so Bollmann. Dass sie, wie auch Altbundeskanzler Kohl, wenig eitel sei, werde von den Bürgern geschätzt. Sie gelte als eine Vertreterin des protestantischen Bildungsbürgertums. Nach anfänglichen Verirrungen, was Frisur und Kleidung betraf, fand die ehemalige Sprecherin des Demokratischen Aufbruchs und spätes Mitglied der CDU, ihren persönlichen Stil. Ralph Bollmann beschreibt Merkel als nur wenig volksnah und von ihrem Wesen nach als eher unterkühlt. Merkel, so analysierte Bollmann, kultiviert einen „Machtpragmatismus“ statt eines anpassungsfähigen Opportunismus. In den letzten Jahren attestiert Ralph Bollmann der Kanzlerin aber auch immer mehr den Gebrauch von Moral zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele. So werden Gegner ihres Umgangs mit der Flüchtlingskrise oder der Klimapolitik zunehmend moralisch gekontert. Fremd im eigenen Land Doch das eigene Handeln vornehmlich moralisch zu begründen, hat viele Menschen von Angela Merkel entfremdet. Ralph Bollmann beschäftigt sich mit der Frage: „Ist Merkel konservativ?“ und kommt zu dem Ergebnis, dass sie dies im klassischen Sinne nicht sei. Zwar hält Merkel trotz NSA-Abhöraffäre an der engen Partnerschaft Deutschlands zu den USA fest, in vielen anderen Bereichen aber, sei es im Klimaschutz, in der Flüchtlingsfrage, in Geschlechterfragen oder bei der Landesverteidigung, habe sie sich vom Weltbild der Konservativen gelöst und weitaus liberalere Vortstellungen angenommen.

In seiner Analyse spricht Bollmann auch über ihr Verhältnis zu den Deutschen. Bollmann nämlich erkennt bei der Kanzlerin ein gewisses Missfallen am deutschen Wesen, das sie für hysterisch, verwöhnt und geschichtsvergessen halte. Im Grunde habe Angela Merkel ihr Leben lang mit den Deutschen, die außerhalb ihrer Entourage standen, gefremdelt, seien es die „Kleinbürger ostdeutscher Provinienz“ oder die Wertkonservativen alter Schule in Westdeutschland. Die Deutsche Wiedervereinigung findet in Angela Merkel ihr Paradoxon: Sie ist als Kanzlerin der Westdeutschen mit Ostbiographie in keiner der beiden Welten geerdet. Im Anschluss an den Vortrag gab es für die Besucher die Gelegenheit Fragen an den Journalisten Ralph Bollmann zu stellen. Ein Zuhörer mochte wissen wie es mit der Klimapolitik der Kanzlerin weitergeht. Angela Merkel habe ja entgegen dem Drängen Frankreichs und der USA entschieden, das North-Stream II Projekt mit Russland fortzusetzen. Bollmanns Replik ist offen und ehrlich. Für die Realisierung der Klimaziele müsse Deutschland angesichts des angekündigten Verzichts auf Kernernergie und Kohlestrom zukünftig mehr auf Gaskraftwerke setzen, da die Grundlast des Stromnetzes nicht mit Erneuerbaren Energien garantiert werden könne. Das habe kurzfristig zu Irritationen zwischen Macron und Merkel geführt.

Jörg Spielberg

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