Rathausgespräch "Schulen"

Austausch zeigt Engagement, aber auch viele Unklarheiten auf

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Beim Rathausgespräch „Schulen“ gab es reichlich Diskussionsstoff, viel Lob von Thomas Kiechle an die Schulen, ohne die eine Stadtgesellschaft sich nicht entwickeln könne, und den Aufruf, die Zukunft miteinander zu gestalten.

Kempten – Seit seinem Amtsantritt vor fünf Jahren lädt Oberbürgermeister Thomas Kiechle regelmäßig verschiedene Gruppen zum Gesprächsaustausch ins Rathaus ein. Am Donnerstag trafen sich Kemptener Schulleiter, Elternbeiräte, Amtsleiter und Stadträte zur Diskussion um die Zukunft der Schulen im Stadtgebiet. Die Schrannenhalle war gut gefüllt, der Fokus lag auf vier Themen, die in verschiedenen Gesprächsgruppen behandelt wurden. Das eindeutige Ergebnis: Auch wenn die Zustände an Kemptens Schulen gut sind, ist Schulentwicklung schwierig und eine enorm große Herausforderung für alle Beteiligten in vielen Bereichen, allen voran die Digitalisierung.

„Keine Angst, wir machen heute Abend keine Gruppenarbeit.“ Auch das leidige Thema Parken an den Schulen bleibe gerne ausgeschlossen. Damit beginnt Kiechle seinen Impulsvortrag und kommt sogleich darauf zu sprechen, dass die Förderung des vorschulischen und schulischen Bereichs eines der fünf strategischen Ziele sei, die der Kemptener Stadtrat 2015 verabschiedet hat. Dazu gehört unter anderen das erfolgreich laufende Projekt „Zukunft bringt’s“. 

Die Schule als positiven, schülergerechten Lern -und Lebensort zu gestalten, die Inklusion voranzutreiben sowie die bauliche und technische Ausstattung sind einzelne Bausteine des Projekts, das aufgrund der zu hohen Anzahl an Schulabbrüchen an Mittelschulen ins Leben gerufen worden war. „Hier sehen wir bereits gute Verbesserungen“, sagt Kiechle. Dass Kempten vom Staatsministerium zur Modellregion Inklusion ernannt wurde, zeige auch, dass die Stadt auf dem richtigen Weg sei. 

Er betont: „Inklusion betrifft jeden einzelnen, nicht nur die Schulen. Es ist herausfordernd und anstrengend und kann nur im Zusammenwirken gelingen.“ Ein endloses Thema ist die Schulbauoffensive. 100 Millionen Euro – die höchste Summe bayernweit – seien über Jahre bereits investiert. „Wir machen das gern, aber solche Beträge sind nicht leicht zu stemmen.“ Über 50 Millionen Euro werden bis 2022 in Schulen und Kitas gesteckt, aktuell sind die Sanierungen für 11,4 Millionen Euro am Hildegardis-Gymnasium fertiggestellt worden und die Modernisierung des Carl-von- Linde-Gymnasiums für 11,8 Millionen Euro stehen dieses Jahr noch an. Dass die Stadt dynamisch und in nennenswertem Umfang wächst, zeigen einige Zahlen: In den nächsten drei Jahren werden 500 neue Kindergarten- und 170 weitere Krippenplätze benötigt. In den nächsten fünf Jahren wird es gemäß dem bayernweiten Trend 500 Grundschüler mehr geben.

Große Frage: Wie werden Schulen digital? 

Der dringend nötige Ausbau der Digitalisierung macht auch vor den Schulen nicht Halt. Interessant ist, was Armin Rothenhäuser, Koordinator für Informations- und Kommunikationstechnik und moderne digitale Medien an Schulen, in der Diskussionsrunde zur Notwendigkeit der digitalen Aufrüstung in Schulen sagt: „Es gibt keine Mehrheit dafür. 20 Prozent der Lehrer sind begeistert, ansonsten zieht sich eine sehr zwiegespaltene Meinung durch die Lehrer- und Elternschaft.“ Die weiterführenden Schulen sind standardmäßig mit digitalen Klassenzimmern – d.h. mit Laptop für die Lehrer, Beamer, Leinwand und Dokumentenkamera – ausgestattet. Darüber hinaus für alle Kinder Tablets anzuschaffen, ist nicht nur ein hoher finanzieller Aufwand, sondern auch aktuell nicht praktikabel. 

„Es fehlt an pädagogischer Ausbildung zum Umgang mit den Geräten im Unterricht“, gibt Rothenhäuser zu bedenken. Und eine ebenso wichtige Grundlage für den laufenden Betrieb der digitalen Technik sei auch noch nicht geschaffen: Ausreichend schulisches Personal für die Systembetreuung. Die Möglichkeit, in der Lehrerausbildung Systembetreuung als Zweitfach aufzunehmen, stellt eine Gymnasiallehrerin als Idee in den Raum. 

Die Verkabelung, schnelles Internet sowie WLAN sind in Kempten hingegen auf einem sehr guten Stand, da die Stadt früh auf den digitalen Zug aufgesprungen ist. Doch dieser Zug fährt anderswo noch mit angezogener Handbremse. Der Ausbau der digitalen Bildung ist ein Teil des Förderprogramms des Staates Bayern, außerdem werden vom Bund fünf Milliarden dafür veranschlagt. Es fehlen jedoch eindeutige Richtlinien zur Finanzierung und Mitfinanzierung durch die Kommunen. „Es ist eine dauerhafte Förderung nötig, aber Bayern drückt sich noch“, sagte Kiechle. Deutlich betont er, dass die Digitalisierung ein schweres Thema sei. 

Genau so lautet auch das Fazit nach den Gesprächsrunden am Ende des Abends: Es gibt keine einfache Lösung und kein digitales Allheilmittel. Kemptens Schulen sind ausbaufähig, aber je mehr Technik es gibt, desto mehr Probleme können auch auftreten, die mit der momentan viel zu schwach besetzten Systembetreuung in den Schulen nicht aufzufangen sind. Eine Wortmeldung bringt zum Abschluss eine ganz andere Sorge zur Sprache: Was wird eine permanente Strahlung durch WLAN mit unseren Kindern machen? Oberbürgermeister Thomas Kiechle wurde gebeten, sich damit auseinanderzusetzen.

Entwicklung der Ganztagsbetreuung 

Auch bei diesem Thema ist der Klärungsbedarf groß. Ab 2025 haben Eltern nach dem Koalitionsvertrag einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ihrer Kinder in der Grundschule. „Das neue Gesetz wird große Veränderungen in der Schullandschaft bringen“, sagte Marion Haugg, Leiterin des Amtes für Kindertagesstätten, Schulen und Sport. 

In München startete bereits an einer ersten Modellschule das Konzept der Kooperativen Ganztagsbildung. In Großstädten wird eine lange Betreuung der Kinder stärker gefordert. In Kempten sei aktuell noch zu wenig bekannt über die Wünsche der Eltern und die Schulleiter sähen eher einen Rückgang des Bedarfs nach kompletter Betreuung bis zum Nachmittag. Uneinig sind sich außerdem zwei Ministerien: das Sozialministerium sieht einen hohen Bedarf für die Ganztagsbildung, das Kultusministerium einen niedrigeren. 

Schulwegsicherheit

Für Kiechle handelt es sich hierbei um ein gesamtgesellschaftliches Thema, dem man sich ernsthaft widmen muss. „Es ist wichtig, dass sich auch Kinder und Eltern einbringen.“ Die Bereitschaft, ehrenamtlich als Schulweghelfer an der Straße zu stehen, ist rückläufig. Vom Bauamt ist zu hören, dass die Beschwerdelage über Gefahrenstellen nicht hoch sei und die untere Verkehrsbehörde etwaige Stellen im Blick habe. An der Haubenschloßschule startet in naher Zukunft ein Schulwegprojekt, das auch als Testmodell gelten soll. 

Wünsche und Anregungen

Vorwiegend von Elternseite gab es in der Abschlussrunde einige Fragen an OB Thomas Kiechle, Schulreferent Thomas Baier-Regnery und die anwesenden Amtsleiter: Warum werden Flüchtlinge nur an Mittelschulen aufgenommen? Wie finden Eltern den richtigen Religionsunterricht für ihr Kind oder wählen sie besser doch Ethik? Wie bedarfsorientiert ist die Schulbegleitung wirklich? Kritisiert wurde, dass an einigen Schulen der Elternbeirat zu wenig Akzeptanz erfährt. Auf die Frage, warum keine Schüler anwesend seien – um die es ja schließlich gehe – gab es eine schnelle Antwort: Die kommen morgen zum Klimaschutzgespräch.

Annette Mayr

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