Provenienzforschung angelaufen

Raubkunst in Kempten? Museen wollen Sammlung baldmöglichst überprüfen

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Das Depot ist bis oben hin voll. Erst nach seinem Umzug kann zur Herkunft der Werke geforscht werden. 
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Das Depot ist bis oben hin voll. Erst nach seinem Umzug kann zur Herkunft der Werke geforscht werden. 

Kempten – Mit einem Antrag hatte Stadtrat Andreas Kibler (CSU) das Thema in Kempten angestoßen: die Überprüfung der Kemptener Museen beziehungsweise Sammlungen auf Kulturgut, das während der Nazizeit verfolgungsbedingt entzogen wurde, um Objekte gegebenenfalls, soweit möglich, an die rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben.

Wie Museumsleiterin Dr. Christine Müller-Horn im Kulturausschuss einräumte, habe es in Kempten zwar keine Synagoge, aber eine jüdische Gemeinde gegeben „und man muss davon ausgehen, dass im Allgäu Museum Gegenstände sein könnten“, die untersucht werden müssen. „Es gibt auch konkrete Anhaltspunkte“, unter anderem Ankäufe zwischen 1933 und 1945 beim „einschlägig bekannten“ Münchner Auktionshaus Adolf Weinmüller, die angeschaut werden müssten. 

Anders sei die Situation beim Tora-Schmuck, der laut Inventarbuch seit 1. März 1939 im Besitz der Stadt Kempten, seit Oktober 1989 aber im Jüdischen Kulturmuseum Augsburg-Schwaben untergebracht sei. Aufgrund einer Verordnung habe die Israelitische Kultusgemeinde Kempten diese Exponate beim städtischen Pfandleihamt für 28,52 Reichsmark abgegeben und Oberbürgermeister Dr. Otto Merkt habe sie für 42,52 Reichsmark angekauft, der schriftlich erklärt habe, sie in seinem Arbeitszimmer aufzubewahren, um sie der Beschlagnahme durch die Gestapo zu entziehen. Danach habe er sie dem Allgäuer Heimatmuseum in Kempten übergeben.

Unterstützung für Provenienzforschung

Für die wissenschaftliche Untersuchung der Sammlungen gibt es laut Müller-Horn Förderung durch die Stiftung „Deutsches Zentrum Kulturverluste“ und auch die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern unterstützt die Museen bei der Provenienzforschung. Letztere habe dafür seit Februar 2016 (bis Mitte Februar 2019) ein Erstcheck-Projekt ins Leben gerufen. Im Juni 2018 sollen nun zwei von der Landesstelle gestellte Forscherinnen „einen ersten Blick“ auf die Sammlungsbestände in Kempten werfen und gegebenenfalls den Antrag auf langfristige Förderung beim Deutschen Zentrum für Kulturverluste unterstützen. 

Aus Platzgründen könne aber, so Müller-Horn, erst nach Umzug des Depots richtig geforscht werden. „Es ist so vollgestellt, dass niemand reingehen kann.“ Die notwendigen historischen Informationen liefere das Stadtarchiv, das für die Provenienzforschung „unentbehrlich“ sei. Birgit Geppert (CSU) wunderte sich, dass man erst jetzt, aufgrund des von Kibler gestellten Antrags, tätig werde. Es sei eben vor allem „ein logistisches Problem“, erklärte Müller-Horn. Man sei derzeit zunächst noch damit befasst zu inventarisieren, „erst dann kann die Forschung losgehen“. Man brauche auch „die nötige Infrastruktur“. Nach einstimmigem Beschluss des Gremiums soll die Verwaltung nun ein Maßnahmenpaket schnüren.

Christine Tröger

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