Den Opfern ein Gesicht geben

Holocaust-Gedenktag

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Die Mädchen der Maria-Ward-Schule hatten Rosen, Osterglocken und Tulpen mitgebracht, die sie zum Gedenken der ermordeten jüdischen Mitbürger und Mitbürgerinnen auf der Grabplatte niederlegten.

Die Mädchen der Klasse 9a der Maria-Ward-Schule waren bestens vorbereitet und haben dieses Gedenken an die jüdischen Opfer des Holocaust würdig gestaltet.

Am jüdischen Friedhof in Kempten stehen die Grabsteine mit den Namen derjenigen aus unserer Stadt, die in Ghettos und Vernichtungslager verschleppt wurden und dort umgekommen sind. Den Opfern der nationalsozialistischen Terrorherrschaft „ein Gesicht“ zu geben, war das Anliegen der Mädchen. Jede las eine Kurzbiographie und legte dann eine Rose, eine Osterglocke oder eine Tulpe auf der großen Grabplatte ab. Der letzte Satz vieler Lebensgeschichten lautete: „Ihre/Seine Spur verliert sich in Piaski, in Theresienstadt, in Ausschwitz…“

Die Mehrheit der jüdischen Familien in Kempten hat ihren Lebensunterhalt durch Handel verdient. Die Familie Kohn beispielsweise betrieb ein Fachgeschäft für Bekleidung und Schuhe, auch mit Käse und Vieh wurde gehandelt. Bis die kleine jüdische Gemeinde im Laufe der Schreckensjahre des Zweiten Weltkriegs zerschlagen wurde. Der damalige Oberbürgermeister Dr. Otto Merkt hatte sich vergeblich gegen die Deportationen gewehrt und wurde abgesetzt.

Auf dem kleinen Friedhof steht auch ein neuerer Grabstein mit den Namen der sechs jüdischen KZ-Opfer, die alle nach Kriegsende im Ausländerlazarett an der Rottachstraße starben: Berich Bornstein, Lola Eisner, Leon Essig und Salomon Feder aus Polen, Boris Drujan aus Litauen, Imre Grünhut aus Ungarn.

„Dona nobis pacem“ der bekannte Kanon wurde von der kleinen Musikgruppe gespielt und der Psalm 130, „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“ gebetet. Weniger geläufig ist wohl das ebenfalls eindrucksvolle, fast schon pathetische Gebet der Vereinten Nationen, das von einer Schülerin vorgetragen wurde.

Bürgermeister Josef Mayr dankte den Schülerinnen und Lehrkräften, die diese Trauerfeier so eindrucksvoll gestaltet haben: „Es ist doch ein starkes Zeichen, wenn ein generationenübergreifendes Gedenken möglich ist.“ Mit großer Sorge erlebe er den Anstieg antisemitischer Töne und Gewalt in unserem Land. Er mahnte eine stärkere Kultur des Erinnerns an, denn „wer aufhört zu gedenken, beginnt mit dem Vergessen“. 

Elisabeth Brock

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