Eine touristische Zeitreise in die Zukunft

Rechenschaftsbericht des ehemaligen Tourismusbeauftragten des Stadtrats Helmut Berchtold

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Kempten – Am Donnerstag vergangener Woche hat der neue Kemptener Stadtrat in seiner konstituierenden Sitzung neben anderen Ämtern auch das seines Beauftragten für Tourismus und Stadtmarketing neu vergeben: an Joachim Saukel von den Freien Wählern (FW).

Er übernimmt diese Aufgabe nach sechs Jahren von Helmut Berchtold (CSU). Im April hatte der scheidende Beauftragte des Stadtrats seinen Rechenschaftsbericht für die zu Ende gegangene Ratsperiode von 2014 bis 2020 vorgelegt. Die Förderung von Tourismus und Kultur in der Stadt zählt seit 2015 zu den vom Stadtrat damals einstimmig beschlossenen „Fünf strategischen Zielen 2030“, die Politik und Verwaltung als Leitlinien dienen sollen. 

In seinem 50-seitigen Bericht gibt Berchtold einen Überblick über die wirtschaftliche und organisatorische Entwicklung von Tourismus und Stadtmarketing während seiner Amtszeit, erläutert die Datenbasis seiner Ausführungen, stellt verschiedene touristische und marketingstrategische Projekte vor und gibt einen kritischen Ausblick auf zukünftige Vorhaben. Eine entscheidende Voraussetzung dafür, die Stadt Kempten „in ihrer Gesamtheit für die Zielgruppe Touristen zu vermarkten“ und so die lokalen touristischen Angebote „zukunftssicher“ zu gestalten, war die Neustrukturierung der institutionellen Basis: Für das kommunale Stadtmarketing-Unternehmen mussten eine zeitgemäße, geeignete Organisationsform und ein angemessenes Aufgabenprofil geschaffen werden. 

Folgt man der Einschätzung Berchtolds ist das gelungen: Nach einigen administrativen Experimenten „bezüglich der rechtlichen und wirtschaftlichen Zugehörigkeit“ ist Kempten Tourismus seit 2017 eine Abteilung der Kemptener Kommunalunternehmen (KKU). Unter diesen Rahmenbedingungen könne das Unternehmen eigenständig arbeiten und habe Handlungsmöglichkeiten gewonnen, die „in den starren Strukturen der Stadtverwaltung so nicht machbar waren“. Von „einer klassischen Tourist Information mit den Schwerpunkten ‚Gästeservice, Zimmervermittlung & Printmarketing‘“ habe sich das einstige Amt zur modernen Einrichtung für ein umfassendes „Destinations-Management“ entwickelt. 

Die Übersicht über die touristischen Projekte der vergangenen Jahre macht deutlich, dass die Arbeit dieses städtischen Management-Unternehmens nicht nur den Fremdenverkehr fördert und mit Übernachtungsgewerbe, Gastronomie und Einzelhandel zusammenarbeitet, sondern auch den städtischen Flair und die Lebensqualität der KemptenerInnen beeinflusst: Als „Ideengeber, Treiber und Macher“ habe Kempten Tourismus wesentlich dazu beigetragen, die Burghalde mit dem Märchensommer wiederzubeleben, den Weihnachtsmarkt mit der bespielten Kempten-Hütte und dem Weihnachtsbähnle attraktiver zu machen, die restaurierte König-Ludwig-Brücke und ihre Umgebung auch für SpaziergängerInnen zu erschließen und den umgestalteten Stadtpark schon bald mit Illuminationen das ganze Jahr über stimmungsvoll zu gestalten. 

Zudem habe das Tourismus-Team um seine seit 2017 amtierende Leiterin Stefanie Schmitt das Angebot an Stadtführungen „kontinuierlich ausgebaut“, sieben neue Reisebusparkplätze eingerichtet und arbeite daran, einen Wohnmobilstellplatz am Illerstadion zu planen, Kempten als radtouristischen Knotenpunkt infrastrukturell besser auszustatten und das Römerfest samt Rahmenprogramm gemeinsam mit dem Kulturamt zur selbstverständlichen „Regelmäßigkeit im Kemptener Jahreskalender“ zu machen. Diese vielfältigen Aktivitäten und noch zahlreiche andere entsprechen den acht „Handlungsfeldern“, die Kempten Tourismus gemeinsam mit dem Forum Tourismus – einer seit 2015 bestehenden, „gut funktionierenden Gesprächsplattform für alle wichtigen Partner rund um den Tourismus“ – erarbeitet hat. 

Ganz oben auf dieser Liste der strategischen Handlungsfelder findet sich die Etablierung der „Römerstadt“ Kempten als „touristische Marke“, und diese Gewichtung, so der Bericht, spiegele sich auch in einigen der originellen, innovativen und teils preisgekrönten Vermarktungsmaßnahmen der letzten Jahre wider: In einer Web-Serie kurzer Filme führt ein quasi vergessener römischer ‚Legionär‘ durch das heutige Kempten, während im 2018 erstmals erschienen, jährlichen Tourismusmagazin „Wilde Hilde“ die titelgebende Kaisergattin und Stifterin Hildegard den LeserInnen „persönlich“ zeigt, was Kempten zu bieten hat. Nachdem bereits 2013 eine eigens beauftragte Agentur die vielfältige Auswahl an kostenlosen Prospekten und Informationsbroschüren „authentisch“ und „spritzig“ überarbeitet hat, bekam auch der Web-Auftritt von Kempten Tourismus 2017 und 2020 ein neues Erscheinungsbild. 

Die zunehmende Digitalisierung dient nicht nur dem Bekanntmachen, Werben und Informieren, sondern ermöglicht auch neuartige touristische Angebote und Dienstleistungen wie 360-Grad-Filme, die BesucherInnen der Tourist Information mit Virtual-Reality-Brillen anschauen können, digitale Stadtführungen und Schnitzeljagden per App, die Buchung von Unterkünften, Touren oder Erlebnis-Paketen online. All diese Neuerungen und Projekte scheinen sich auszuzahlen, denn zwischen 2014 und 2019 sind in Kempten die Ankunfts- und Übernachtungszahlen nahezu kontinuierlich gestiegen; laut Berchtold übersteigen die Wachstumsraten von 84 bzw. 65 Prozent sogar „deutlich die regionalen und überregionalen“ im übrigen Allgäu und in Bayern. 

Auch Stadtführungen, Museen und Sehenswürdigkeiten seien in den letzten Jahren immer beliebter geworden. Damit die hiesige Tourismuswirtschaft diesen positiven Trend fortsetzen kann, fordert der ehemalige Tourismusbeauftragte, zukünftig bei allen einschlägigen Entscheidungen „Alleingänge“ zu vermeiden und „Planungen aus einer Hand, abgestimmt mit anderen Beteiligten,“ vorzunehmen. Kempten Tourismus müsse „als Gesprächspartner stärker in die Verwaltungsstruktur einbezogen werden“. In diesem Sinne hat Stadtrat Berchtold bereits im November 2017 per Antrag die „Konzeptionierung eines zentralen Stadtmarketings in Kempten“ angemahnt und schlägt nun vor, Kempten Tourismus zur Incoming Agentur weiterzuentwickeln: zum zentralen Kemptener Reiseveranstalter, der in Zusammenarbeit mit anderen Anbietern „unmittelbar verkaufsfähige Gesamtpakete“ schnürt. 

Zur Finanzierung der lokalen touristischen Infrastruktur könne von allen Tourismusbetrieben, die von diesem kommunalen Service wirtschaftlich profitieren, eine zweckgebundene Tourismusabgabe erhoben werden. Außerdem müsse auch das Forum Tourismus gestärkt werden: Dieses Beiratsgremium aus VertreterInnen verschiedener wirtschaftlicher und kultureller Unternehmen solle „in eine gesellschaftlich und politisch anerkannte feste Form“ gebracht und „zu einer Institution“ gemacht werden. Wirtschaftliches Potential haben aus Berchtolds Sicht vor allem Angebote für Familien, Tagesausflügler, Kongress- und Tagungstouristen sowie ausländische Gäste, letztere insbesondere aus Österreich. 

Auch um deren Bedürfnisse und Wünsche noch besser erfüllen zu können, fordert er, das ÖPNV-Angebot zu verbessern und die Führungen durch die Prunkräume der Residenz besucherfreundlicher zu organisieren. Wie sich die beschäftigungsintensive und gesamtwirtschaftlich bedeutsame Tourismuswirtschaft nach dem ‚Super-GAU‘ des wochenlangen Lockdown im Laufe der neuen Stadtratsperiode entwi ckeln wird, scheint zum jetzigen Zeitpunkt ungewiss, aber insgesamt sicher nicht hoffnungslos. 

kb/Antonia Knapp

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