Mit Fug und Recht zwei Flügel

Das Klavierduo Grau/Schumacher spielt in seinem Element

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Für die Zugabe setzten sich Andreas Grau (li.) und Götz Schumacher an einen Flügel.

Kempten – Das fünfte Meisterkonzert ging am Dienstagabend erfolgreich über die Bühne des Stadttheaters und war der ungewöhnlichen Besetzung von zwei Klavieren gewidmet. Da es sehr wenige Originalwerke für zwei Klaviere gibt, sind die Musiker in ihrer Repertoireauswahl zumeist auf Bearbeitungen von Originalen angewiesen und so ergab sich für das durchaus zahlreich erschienene Publikum den ganzen Abend lang die spannende Frage: Können zwei Klaviere das Charakteristische von Musik ohne den Mehrwert instrumentaler Klangfarben darstellen? Allein diese Frage machte auf das Programm neugierig. Dass dann noch das Thema „Fuge“ im Raum schwebte, steigerte zusätzlich das Interesse des musikalischen „Insiders“.

Die beiden Pianisten Andreas Grau und Götz Schumacher, die bereits seit vielen Jahren als renommiertes Klavierduo auftreten, stellten sich im Einführungsgespräch als profunde Kenner ihrer Musik heraus, was bei der oben genannten Ausgangslage, nämlich zum größten Teil auf Bearbeitungen angewiesen zu sein, auch durchaus nötig ist. 

Naheliegenderweise begann der Abend mit einer Komposition von Johann Sebastian Bach, an dem sich sehr schön die Repertoire- und Bearbeitungsproblematik eines Klavierduos zeigen lässt. Bach war der größte Bearbeiter und Umschreiber seiner eigenen Werke über die ganze Bandbreite der ihm zur Verfügung stehenden Instrumente hinweg. Er hat seine Noten in neugeschriebenen Stücken zweit- und drittverwertet, und er hat mit seinem unvollendeten Spätwerk, der „Kunst der Fuge“, eine Komposition hinterlassen, die frei ist von irgendwelchen Besetzungsvorgaben. Gleichzeitig ist Bach auch einer der wenigen, der mit seinem Konzert für zwei Klaviere BWV 1061a, dem ersten Stück des Abends, ein originäres Werk für zwei Klaviere geschrieben hat. 

Das Duo Grau/Schumacher arbeitete über die drei Sätze hinweg konzentriert und sauber den Geist der Bachschen Musik und ihre innere Motorik heraus. Etwas mehr Differenzierung im Hinblick auf Dynamik und Tempo hätte dem Vortrag allerdings gut getan. B

ei Mozarts Fantasie für eine Orgelwalze KV 608 als nächstem Stück war der Höreindruck dann eher etwas weiter vom fragilen Geist von Mozarts Musik entfernt, was aber weniger am Vortrag des Duos lag, sondern eher an der wuchtigen Bearbeitung Ferruccio Busonis, auf den wir noch zu sprechen kommen, und am Komponisten selbst, der sich schwertat mit der barocken Musikform einer Fuge. 

Schumanns sechs Studien in Kanonform op. 56 für Pedalflügel aus der Hand des Klaviermagiers Claude Debussy umgeschrieben für zwei Klaviere lag dem Duo und den beiden Flügeln besser. Bei diesem und auch dem nächsten Stück, César Francks Prelude, Fugue et Variation op. 18 hatte man den Höreindruck – obwohl auch Bearbeitungen –, es entstünde im Augenblick des Spielens etwas Neues, das stimmig und authentisch nur von den beiden Klavieren erzeugt werden könne. Insofern passte es auch ganz gut, dass beide Stücke hintereinander gespielt wurden, ohne durch die Pause, so wie es eigentlich im Programm vorgesehen war, getrennt zu sein. 

Der zweite Teil des Abends nach der Pause war dann einem 30-minütigen Werk von Ferrucio Busoni vorbehalten. Dieses genau wie Bachs Stück zu Beginn des Konzerts eines der wenigen, das vom Komponisten als Werk für zwei Klaviere geschrieben worden war, ein Originalwerk also. Ferruccio Busoni, der italienische Komponist, hat es monumental, um nicht zu sagen überladen angelegt, wollte er doch damit Variationen über den Kirchenchoral „Ehre sei Gott in der Höhe“ mit einer Weiterführung von J.S. Bachs unvollendetem Vermächtnis, der „Kunst der Fuge“ kombinieren. Eine Fuge ist eine von strengen Durchführungsregeln bestimmte Kompositionsform, die besonders in der Barockmusik und besonders von J.S.Bach zu höchster Vollendung gebracht wurde. Hierbei wird ein musikalisches Thema nacheinander in verschiedenen Stimmen einsetzend zu einem musikalisch sinnvollen polyphonen Ganzen aneinandergereiht. 

Bei Busonis „Fantasia Contrappuntistica“ gelang es den Musikern, ein heutzutage bereits ein wenig hermetisch erscheinendes Werk zu neuem Leben zu erwecken. Zumindest für die Zeit des Vortrags wurde so eine Idee des Klanggebäudes deutlich, das Busoni mit diesem Stück errichten wollte. 

In der Zugabe, für die sich beide Musiker an einen Flügel setzten und vierhändig spielten, wurde alle Theorie und Analyse hinfällig, es zeigte sich wieder einmal, dass wahre Musik direkt von den Musikern und ihren Instrumenten, ohne den Umweg über den Verstand zu nehmen, in die Herzen der Zuhörer gelangt. Zu hören war die durch und durch beseelte Anfangssonatine aus der Kantate Actus tragicus, BWV 106 von J.S.Bach.

Jürgen Kus

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