Die Lebensretter kommen im Morgengrauen 

Rehkitze: Mit Drohnen gegen den Tod im Gras 

Drohnen mit Wärmebildkamera sind teuer, werden aber staatlich ge- fördert. Ihr Einsatz erhöht die Überlebensrate von Rehkitzen deutlich.
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Drohnen mit Wärmebildkamera sind teuer, werden aber staatlich gefördert. Ihr Einsatz erhöht die Überlebensrate von Rehkitzen deutlich.
  • Lutz Bäucker
    VonLutz Bäucker
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Frauenzell – Jürgen Prestel muss früh aufstehen für sein gutes Werk, sehr früh sogar. „Morgens um vier geht’s raus und hinaus auf die Wiesen“, sagt er, „das muss sein.“ Denn wenn er zu spät kommt, könnte es zu spät sein für viele Rehkitze, die in diesen Tagen im hohen Gras der Allgäuer Wiesen zur Welt kommen. 

Prestel ist Jäger in Buchenberg und er will möglichst viele Kitze vor dem Tod auf der Wiese retten. Dank wärmebildkamerabewehrter Drohnen gelingt ihm das immer öfter.

Landwirte unter Zeitdruck

Ohne den Einsatz der Kitzretter wie Prestel und vieler anderer Jäger haben die jungen Rehe keine Chance: riesige Mähmaschinen mit messer- scharfen Schneiderädern rollen in diesen Wochen über viele Wiesen in Bayern. Die Bauern stehen unter Zeitdruck. Weil das Wetter viel zu lange viel zu nass war und jetzt endlich die Sonne scheint, müssen sie die längst überfällige erst Mahd einbringen. Leider fällt der Schnitt genau mit der „Setzzeit“ der Rehe zusammen: die Geißen bringen im dichten Gras ihre Kitze zur Welt, meist zwei bis drei braune Fellbündel, mit der charakteristischen „Bambi“-Zeichnung auf dem Rücken. Gut getarnt vor Fein- den wie Fuchs oder Dachs, aber auch kaum zu entdecken von den Landwirten, die das erste Heu machen müssen. „Die Bauern sind gesetzlich dazu verpflichtet, Rehkitze und andere Säugetiere in ihren Wiesen zu finden und in Sicherheit zu bringen“, erklärt Prestel beim Gang über eine drei Hektar große Wiese auf der Hochfläche bei Walkenberg, wer das nicht tue, könne hart bestraft werden.

Ergreifender Moment: Mia (li.) und Finnia sehen zum ersten Mal ein echtes „Bambi“.

Staat fördert Wärmebild-Drohnen

Früher liefen vor dem Schnitt Dutzende von Menschen mit Spürhunden durchs dichte hohe Gras, das war zeitaufwendig und brachte allzu oft nicht den gewünschten Erfolg. Viele Rehkitze wurden grausam „niedergemäht“. Seit einigen Jahren fliegen Drohnen über die riesigen Flächen. „Mit einer entsprechenden Wärmebildkamera finden wir damit fast jedes noch so gut versteckte Kitz“, freut sich der Jäger aus Buchenberg. Die Geräte sind teuer, sie werden aber vom Staat finanziell gefördert.

Sicherheit unterm Wäschekorb

„Die beste Flugzeit für uns ist morgens zwischen fünf und halb acht“, schmunzelt Prestel, „wenn Boden und Luft noch kühl genug sind, um die circa 25 Grad warmen Kitze als gelb-rote Punkte auf unseren Drohnendisplays sehen zu können.“ Dann sausen die Jäger und ihre Helfer los, packen die bewegungslos im Gras kauernden Winzlinge in Wäschekörbe , unter denen die Kitze am Wiesenrand in Sicherheit sind.

Kitze retten macht glücklich

Am Spätnachmittag nach dem Grasschnitt, wenn die Mähmaschinen weg sind, kommt Prestel zurück. Heute hat er Mia und Finnia dabei, zwei Mädchen, die Bambis bisher nur als kuschelige Stofftiere kennen. Die beiden hocken gespannt im Gras, Prestel hebt vorsichtig den roten Wäschekorb hoch. „Uiii!“, flüstert Mia, „da ist es ja!“ Das Kitz kauert in einer Grasmulde, mit großen braunen Augen schaut es den Kindern direkt ins Gesicht, das Näschen schnüffelt, der Atem geht schnell. Ein ergreifender Moment, niemand sagt etwas, alle stehen ehrfurchtsvoll vor der kleinen Kreatur. „Diese wunderschönen Tiere retten zu können, das ist ein sehr beglückendes Gefühl“, sagt Jürgen Prestel mit belegter Stimme. „Es macht mich jedes Mal zufrieden und dankbar.“

An diesem Tag haben er und seine Kollegen Dieter und Uwe vom Kreisjagdverband Kempten ein knappes Dutzend Kitze gerettet. „Da vergisst man das frühe Aufstehen und ist den ganzen Tag über beschwingt.“ Er wünscht sich, dass noch mehr Landwirte die Kitzretter mit ihren Drohnen vor dem Grasschnitt zum Überflug anfordern. Dann könnte die Überlebensrate der Jungtiere noch höher werden.

Fiepsen für die Familie

Fünfzig Meter weiter wartet das nächste Kitz darauf, dass der blaue Wäschekorb angehoben wird. „Die Geiß kommt, sobald wir weg sind, die beobachtet alles aus sicherer Entfernung“, weiß Prestel. Durch hohe Fieps-Laute kommunizieren Kitz und Geiß und finden so schnell wieder zusammen. „Keine Angst, den Kleinen passiert nichts.“ Mia läuft trotzdem nochmal rüber an den Waldrand. „Ich schau nur schnell nach, ob das Kitz noch da ist“, sagt sie. Sicher ist sicher.

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