Auftakt ins Jubiläumsjahr

Reicholzried feiert 800. Geburtstag

+
Einer ihrer ersten Auswärtstermine führte die neue Bayerische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Marion Kiechle (Mitte), nach Reicholzried. Beim Festakt „800 Jahre Reicholzried“ trug sie sich in das Goldene Buch ein. Außerdem im Bild: (v.l.) Otto Schmid, Marktgemeinderat und 2. Bürgermeister von Dietmannsried; MdL Thomas Kreuzer; Werner Endres, 1. Bürgermeister von Dietmannsried und Landrat Anton Klotz.

Reicholzried – Mit dem Festakt „800 Jahre Reicholzried“ im Musik- und Bürgerheim des Dorfes startete der Ort am vergangenen Samstag in sein Jubiläumsjahr. Um das lange Bestehen gebührend zu feiern, hat der Arbeitskreis „800 Jahre Reicholzried“ ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt, mit Veranstaltungen, die sowohl die Historie zum Thema haben, die aber auch die Liebe der Einwohner zu ihrem Heimatort beweisen werden.

Zur Auftaktveranstaltung kamen zahlreiche Gäste in den Dietmannsrieder Gemeindeteil, der so malerisch auf einem Moränenendhügel liegt. So konnte 1. Bürgermeister Werner Endres einheimische Bürger sowie Vertreter aus Politik und Gesellschaft begrüßen, und Reicholzried von seiner besten Seite vorstellen. Sein besonderer Willkommensgruß galt der Bayerischen Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Marion Kiechle, die erst vor kurzem Mitglied im Kabinett der Bayerischen Staatsregierung wurde. Sie war die Festrednerin des Abends.

800 Jahre, so der Rathauschef eingangs, hätten Reicholzried zwar geformt, dennoch konnte der Ort seine Identität erhalten. Stolz auf das Alter, aber erfüllt mit Demut und Ehrfurcht gegenüber den Menschen, die sich hier angesiedelt haben und beim Festakt nicht dabei sein konnten, beschrieb Endres seine Gefühle an diesem besonderen Abend. Die musikalische Umrahmung hatte die Musikkapelle Reicholzried – mit über 240 Jahren Vereinsgeschichte einer der ältesten Blasmusikkapellen Bayerns – unter dem Dirigenten Georg Hartmann. Viel Beifall spendete das Publikum der Gruppe Shirazula Phantasia aus München für deren Präsentation historischer Tänze.

Die Kurzbetrachtung über 800 Jahre Reicholzrieder Geschichte von Dr. phil. Franz Rasso Böck, der ab 1992 acht Jahre lang in dem Ort nicht nur gewohnt, sondern ‚sich sofort wohl und angenommen gefühlt hat‘, fesselte die Zuhörer und machte Lust auf mehr. 1218 sei das Gründungsjahr von Reicholzried, so Dr. Böck, Leiter des Stadtarchivs Kempten, dies sei Fakt. Nicht überall sei dies so eindeutig wie in diesem Fall; hin und wieder passiere es schon, dass Dokumente gefälscht wurden, weil man stolz auf seinen Ort sein wollte. Seinerzeit waren Heinrich und Berthold von Richolfisriet, dem späteren Reich-

olzried, Zeugen in Ulm, als das Stift Kempten von Kaiser Friedrich II. die Vogtei erhielt. Somit wurde das heutige Reicholzried in der königlichen Urkunde erstmals erwähnt. Eine Besiedlung der Gegend habe wahrscheinlich schon früher stattgefunden. Das nahegelegene Sachsenried deute darauf hin. Vieles, was man aus der deutschen respektive europäischen Geschichte kenne, lasse sich auch auf Reich-

olzried herunterbrechen. Beispiele, die der Leiter des Kemptener Stadtarchivs u.a. vorbrachte, waren der Bauernkrieg (um 1524) oder der 30jährige Krieg (1632), mit dessen schrecklichen Folgen und Vorkommnissen. Beeindruckt zeigte er sich vom örtlichen Friedhof, der in seiner Schönheit seinesgleichen suche und dessen Areal bereits Trost spende. Die christliche Prägung sei eindeutig zu erkennen.

„Geburtstag ist das Echo der Zeit“, zitierte Prof. Dr. Marion Kiechle einen Spruch aus England. „Jubiläen sind immer ein Anlass, auf dieses Echo zu hören, denn wir müssen wissen, wie es einmal war“, so die Ministerin weiter. Sie war darüber informiert, dass Reicholzried über ein äußerst reges Vereinsleben – Musik, Gartenbau, Brauchtum, Landwirtschaft, kirchliche Organisationen – verfügt und hob in diesem Zusammenhang die Bedeutung des Ehrenamtes hervor. Niveau und lange Tradition bescheinigte sie dem Theaterverein. 

Einer der ältesten Landjugendverbände Bayerns befinde sich ebenfalls in dieser Gemeinde. Kunst und Kultur, so die Professorin weiter, brauche man zu allen Zeiten. Man dürfe dabei nicht beim bloßen Bewahren stehen bleiben; Kultur müsse auch staatlich betrieben werden, denn Bayern sei nicht vorstellbar ohne sie, mahnte die Staatsministerin. Reicholzried hat eine gute Zukunft, weil sich seine Bürger mit Herz und Verstand für ihre Heimat einsetzen, war sich Kiechle sicher.

„In der Theologie sehen wir, es gibt keine Geschichte, die nicht mit der von Gott geschaffenen Natur zu tun hat“, so der katholische Seelsorger Dr. Martin Awa in seinem Grußwort. Es seien 800 Jahre vergangen, in denen Menschen Freude, Schicksale und Mühen durchlebten und Reicholzried zu dem gemacht hatten, zu dem es geworden ist. Die denkmalgeschützte Pfarrkirche St. Georg und Florian gehört zur Pfarreiengemeinschaft Dietmannsried.

Zu den Rednern des Abends zählte auch Thomas Kreuzer, MdL und Fraktionsvorsitzender der CSU in München; er gratulierte Reicholzried auch im Namen des ebenfalls anwesenden Landtagsabgeordneten Thomas Gehring (B 90/Die Grünen). „Wir sind gerne gekommen“, sagte er. „Während andere Gemeinden noch ihre Urkunden suchen“, hob Kreuzer mit erfrischenden Worten hervor, „ist ihre urkundliche Erwähnung eindeutig belegt“, wandte er sich an die Reicholzrieder. So einfach wie es seinerzeit zugegangen sei, bedauerte er ein wenig – der König immer unterwegs, zwei Zeugen, eine Unterschrift und der Vertrag war gültig – funktioniere es in der heutigen Zeit leider nicht mehr. Solch ein Akt brauche Zeit, müsse viele Instanzen durchlaufen und zum Schluss würde doch jemand klagen, war seine Vermutung.

Charmant und jung

Er sei gern in das charmante und jung erscheinende Reicholzried, mit dessen imposanter Linde gleich am Ortseingang, gekommen, betonte Landrat Anton Klotz. Auch er lobte den Bürgersinn und die funktionierende Dorfgemeinschaft, vergaß jedoch auch die schweren Zeiten in der Vergangenheit nicht. Außerdem erinnerte er daran, dass Reicholzried, einst selbständige Kommune, im Zuge der Gebietsreform im Jahre 1972, zusammen mit drei anderen Orten, ein Teil von Dietmannsried wurde; Nicht einfach sei dies anfangs gewesen, die Wunden seien jedoch zwischenzeitlich verheilt. Dennoch, so der Landrat, das Dorf habe nie seine Charakteristik verloren. „Bleiben Sie sich und Ihrer Heimat treu, liebe Reicholzrieder“, gab Klotz den Gästen mit auf den Weg.

Der Festakt endete mit dem gemeinsamen Singen von „O Allgäu mein“ und der Bayernhymne. Anschließend fand ein Stehempfang statt.

Hildegard Ulsperger

Auch interessant

Meistgelesen

Hallo Kempten! Wir sind die neuen Babys!
Hallo Kempten! Wir sind die neuen Babys!
Chemikalienunverträglichkeit-Betroffene werben für Akzeptanz
Chemikalienunverträglichkeit-Betroffene werben für Akzeptanz
Jugendlicher „leiht“ sich Motorrad und baut Unfall
Jugendlicher „leiht“ sich Motorrad und baut Unfall
Skandalumwittertes Gemälde und stiftische Historie locken viele Besucher an
Skandalumwittertes Gemälde und stiftische Historie locken viele Besucher an

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.