Vom Finden der "dualen Balance"

Reiner Metzger stellt in "Atem der Zeit" Mensch und Umfeld gegenüber

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Ein Fan der fotografischen Arbeiten von Reiner Metzger (r.) ist auch OB Thomas Kiechle.

Kempten – Neu sind sie nicht, die 50 Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die zu den wichtigsten fotografischen Arbeiten des renommierten Oberstdorfer Fotografen Reiner Metzger zählen und zur Sammlung der Kemptener Museen gehören. Entstanden sind sie in den Jahren 2001/2002 als Projekt „Atem der Zeit“ und auch ausgestellt waren sie 2006 schon in der Kemptener Kunsthalle. Allein einen umfassenden Ausstellungskatalog hatte es dazu bislang noch nicht gegeben.

Der konnte nun Dank der „Fritz und Brunhilde Englisch Stiftung“ realisiert und durch Stiftungsratsvorsitzenden Gebhard Kaiser anlässlich des Kemptener Stadtjubiläums vergangene Woche an OB Thomas Kiechle übergeben werden.

Menschenleere Landschaften und Stadtansichten stellt Metzger darin den Portraits von Menschen gegenüber – getrennt und doch.... „Es entsteht eine duale Balance, die jeder für sich auflösen muss“, sagte Metzger bei der Übergabe. Und auch, dass die Bilder gelesen werden können. Wie auch immer. Interessant ist jedenfalls, dass sich mit jedem Umblättern der Eindruck vertieft, dass Gesichter und gegenübergestellte Szenerie miteinander korrespondieren; mehr noch, dass das eine im anderen zu finden ist.

Das Geheimnis der vollkommen in sich ruhenden Bilder liegt in der extremen Langzeitbelichtung, durch die Metzger seinen Szenerien einen „zweiten Boden“ verleiht und „alle Bewegungen in dieses eine Bild fließen“, wie er es beschreibt. „Die Kamera wird bei dieser Arbeit zu einer Zeitmaschine, die dem Betrachter durch ein neu gesehenes Verhältnis von Raum, Zeit und Mensch eine so nicht gekannte Welt der Stille öffnet“, heißt es im Klappentext einer Karte mit einer Metzger-Aufnahme des Potsdamer Platzes in Berlin. So wie die ent-lebten Bilder aus der Großstadt, mit Berglandschaften, dörflichen Ansichten oder auch Straßen, so sprechen auch die Gesichter der fotografisch fixierten Kinder, jungen und alten Menschen eine eigene Sprache.

Einen Teil der Publikation aus dem Lindenberger Kunstverlag Fink wird von zwei Texten von Michael Frank Meier bestritten, die mitnichten bloßes Beiwerk sind. Denn auch sie scheinen etwas von der Langzeitbelichtung „inhaliert“ zu haben, die sich hier so auswirkt, dass aller Tand, aller Plunder, alles Unwesentliche verschwindet und nur die Essenz zurückbleibt. Der erste Text befasst sich mit Metz-

gers Bildern. Es sind keine Bildbeschreibungen. Vielmehr geht es um das inhaltliche Erfassen der fotografischen Arbeit: „Beginn des Jahrtausends. Hinter den Kulissen der Existenzrechtfertigung verschwindet die Sinnfrage bis zur Unkenntlichkeit. Die Epoche des Fernsehens im Niedergang. Kochduelle als Bürgerkriegsprävention. Was früher Polemik gewesen wäre, ist jetzt Statistik: Jeder zweite Fünfzehnjährige würde nie freiwillig ein Buch zur Hand nehmen. Wenn du herausgehst aus dir, bist du sofort unmöglich. Man dankt Walser solche Sätze nicht genug.“ Oder auch Sätze wie, „wie viel Banalität muss ertragen werden, bevor die modernen Maskeraden als peinliches Verschweigen des Unabänderlichen auch für die Schuldlosen fatal werden....“. 

Im zweiten Teil beschäftigt Meier sich mit Berlin, „eine Stadt, die mir sehr vertraut ist, aber so wie Reiner sie fotografiert, habe ich sie noch nie gesehen“, wie er bei der Übergabezeremonie anmerkte. Inspiriert hat es ihn unter anderem zu Gedanken wie „Damen und Herren mit unverständlich wichtigen Gesichtern werden in schwarzen Limousinen am rückwärtigen Eingang des Parlaments vorgefahren. Nach den Masken, die sie tragen, ist die Last der Verantwortung unermesslich“. Und er stellt in seinem Text fest: „Mit nichts vergleichbar ist die Wirkung der Kamera, das zerbrechliche Selbstbild und seine Rollenmuster herauszufordern.“ Metzger jedenfalls beherrscht es, dabei den genau richtigen Moment zu treffen und tief in die Seelen sowohl der Menschen wie auch in die der Landschaften und Stadtansichten blicken zu lassen.

Das Buch „Atem der Zeit“ ist in der Reihe „Kataloge und Schriften der Museen der Stadt Kempten (Allgäu)“, Band 24 erschienen. Sämtliche aus dem Buchverkauf erzielten Einnahmen kommen den Kemptener Museen zugute.

Christine Tröger

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