Spannungen, Herausforderungen und Kooperation

Religion und Politik im Dialog

+
Ayla Inan, Dr. Bernhard Ehlers, Ilknur Altan, Thomas Gehring, Indra Baier-Müller und Jörg Dittmar (von links nach rechts) diskutierten über das Spannungsfeld Religion und Politik.

Kempten – Eine Podiumsdiskussion mit den Vertreterinnen und Vertretern unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften im Haus des Stadtjugendrings förderte viele Gemeinsamkeiten zutage.

MdL und Landtagsvizepräsident Thomas Gering von Bündnis 90/Die Grünen hatte dazu eingeladen und gab sich gleich beim Einstieg als Gegner einer strikten Trennung von Kirche und Staat zu erkennen. Auch der Religionsunterricht an staatlichen Schulen sei berechtigt, weil er auf dem Boden des Grundgesetzes zu Toleranz und Akzeptanz erziehe. 

Für Pfarrer Dr. Bernhard Ehlers, dem Vertreter der Katholiken, besteht der Beitrag seiner Kirche zum gesellschaftlichen Miteinander in den sozialen Diensten im Sinne des Hauptgebots der Christen, der Nächstenliebe. „Das Soziale ist seit 2000 Jahren unser Geschäftsfeld“, sagte er mit einem Schmunzeln und verwies auf die Fußwaschung Jesu beim Letzten Abendmahl. Konkrete Hilfe an Bedürftigen und die Aufforderung zum Frieden gehöre zum Wesensauftrag der Kirche und wirke wie ein Sauerteig in der Gesellschaft. Die Liste der sozialen Einrichtungen ist eine lange: Kindergärten, offen für Kinder aller Konfessionen, Angebote für psychisch Kranke, Familienberatung sind nur wenige Beispiele. 

Über die Jahrhunderte hinweg haben sich diese Rollen aufgebaut und sei auch die Finanzierung geregelt worden. Ayla Inan, die den Sozialdienst muslimischer Frauen in Kempten leitet, schreibt ihrer Arbeit eine Brückenfunktion zu. Sie will kommunale Themen in die türkische Gemeinde tragen und erreicht fast alle Migrantinnen mit muslimischem Hintergrund aus den verschiedensten Ländern. Angefangen habe der Sozialdienst vor zehn Jahren mit der „Kindermoschee“, dem Religionsunterricht in der Ditib-Moschee. Der Bedarf an Beratung und Information über die lokalen Dienste und Hilfsangebote sei groß, die Finanzierung eher schwierig. 

Die Integrationsbeauftragte des Stadtrats Ilknur Altan, auch Vorsitzende des Dachverbands der Türkischen Vereine in Kempten, sieht ihre Organisation, die sich aus freiwilligen Beiträgen finanziert, noch im Aufbau. Der Dachverband setze sich für Frieden und harmonisches Zusammenleben ein und pflege den interreligiösen Dialog. In Kempten gebe es keine islamistischen Fundamentalisten, die Ditib-Moschee sei politisch neutral und der Iman leiste den Muslimen auch im Gefängnis geistlichen Beistand. Die sozialen Dienste haben weniger Struktur als z. B. Diakonie und Caritas, werden von Freiwilligen geleistet und leiden unter chronischer Geldnot. Von Seiten der Diakonie, unter deren Dach die evangelischen Sozialdienste seit 170 Jahren versammelt sind, war Indra Baier-Müller, die Vorstandsvorsitzende der Diakonie im Allgäu und FW-Landratskandidatin, in der Runde vertreten. 

In Absprache mit der Caritas erfülle die Diakonie die gleichen sozialen Aufgaben und begleite die Menschen „von der Wiege bis zur Bahre“. Eine Besonderheit sei das Soziale Kaufhaus im Oberallgäu. Sie wünscht sich von der Politik viel mehr Flexibilität und sieht Kirchen und Kommunen als Partner in sozialen Belangen, beispielsweise in der Flüchtlingshilfe. Gerade auf diesem Gebiet leisteten besonders seit der Flüchtlingskrise 2015 die Kirchen großartiges, betonte Dekan Jörg Dittmar vom Evangelisch-Lutherischen Dekanat und verwies auf die enorme Hilfsbereitschaft der zu 80 Prozent aus kirchlichen Kreisen stammenden Helferinnen und Helfer. Er sei eher froh über die Trennung von Kirche und Staat, die Kirche dürfe sich nicht gemein machen mit weltlicher Macht. „Dass 90 Prozent der Weltbevölkerung religiös ist, beweist: Es geht nicht ohne Religion. Aber auf die Dosis kommt es an.“ So sei auch der religiöse Fundamentalismus ein Dosisproblem. 

Er bedauert die „Skandalisierung der Hilfebereitschaft“ in den sehr wenigen Fällen von Kirchenasyl und wünscht sich eine endgültige gerichtliche Klärung. Die christlichen Grundgeschichten, die den Kindern weitergegeben werden – Weihnachten, Passion, St. Martin – betrachtet er als Schule der Empathie. Kirchen seien Orte der Diskussionen, in denen um die Wahrheit gerungen wird, der offene Diskurs wiederum eine Kompetenz mit hohem Wert für die Gesellschaft. Auch Tobias Schiele, Schulleiter der Suttschule, an der muslimische Kinder die Mehrheit sind, ist froh um den Religionsunterricht. Ein stabiles Team sorge dort parallel zueinander für katholische, evangelische und muslimische religiöse Unterweisung, wobei auch immer mehr Kinder den Ethikunterricht besuchen. 

Für ihn stehen die sinnstiftende und identitätsstiftende Funktion sowie die Werteerziehung des staatlichen Religionsunterrichts im Vordergrund. In der ruhigen und differenzierten Diskussion der Podiumsteilnehmenden kam zum Ausdruck, dass sich die verschiedenen Glaubensgemeinschaften respektvoll begegnen und gut zusammenarbeiten. Unter anderem war die deutsche Sargpflicht ein Thema, das gläubigen Muslimen die Bestattung in Deutschland erschwert. „Religiös begründete kriegerische Auseinandersetzungen sind eine Perversion der Religion“, so Ehlers, auch das kirchliche Arbeitsrecht habe sich verändert. Vorurteile gegen Muslime und fehlende Ansprechpartner bei Muslimen wurden beklagt. Auf christlicher Seite wiederum müssen Probleme angesprochen und aufgearbeitet werden. Gehring hofft auf eine Weiterführung des Modellversuchs der muslimischen Unterweisung an Schulen und befürworte die Einrichtung eines zweiten Lehrstuhls für islamische Theologie in Bayern. 

Elisabeth Brock

Auch interessant

Meistgelesen

Hallo Kempten! Wir sind die neuen Babys!
Hallo Kempten! Wir sind die neuen Babys!
Zwei junge Graffiti-Sprayer in Kemptener Innenstadt festgenommen
Zwei junge Graffiti-Sprayer in Kemptener Innenstadt festgenommen
"Das Auge wird nicht satt", heißt die neue Ausstellung im Kunstreich
"Das Auge wird nicht satt", heißt die neue Ausstellung im Kunstreich
Autobahn wegen freilaufendem Hund gesperrt
Autobahn wegen freilaufendem Hund gesperrt

Kommentare