Der Charme von Bleisatz-Druck findet wieder eine wachsende Zahl von Liebhabern

Renaissance der Druckerkunst

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Allmählich wieder „in“: Der zwar zeitintensive, dafür aber schlicht-elegante Druck mit Bleisatz.

Kempten – Ist es die Sehnsucht nach Entschleunigung und/oder dem als wahrhaftiger empfundenen „Hand-Werk“ und/oder dem nicht immer ganz so Perfekten? Retro scheint jedenfalls in vielen Bereichen richtig „in“ zu sein, sei es die Rückkehr der guten alten Vinyl-Schallplatte als Gegenspieler zum MP3-Download oder...... ja oder der Bleisatz-Druck statt Offset- und Digitaldruck.

Nicht nur, dass das bald 600 Jahre alte Handwerk des Buchdrucks, das sich Ende der 1960er Jahre durch Filmsatz und Computerisierung radikal verändert hat, wieder als Handwerk gepflegt und von Kunden mit Wertschätzung für Typographie und Haptik goutiert wird. Selbst Kurse für absolute Laien bis Leute vom Fach, die das Setzen von Blei-Lettern nicht mehr im Ausbildungsprogramm hatten, sind landauf landab gut besucht. Dank einiger schon am Anfang der Modernisierung retro-, also rückwärtsgerichteten „Bewahrer“, floriert der Handel mit gebrauchten Bleischriften, alten Heidelberg Druckmaschinen & Co..

Auch in Kempten wird das alte Handwerk noch – und zugleich wieder – gepflegt. Im Januar 2016 übernahmen Franz Amon und Michael Brust die Druckerei Kammerlander, in der die „Original Heidelberg“ nicht entsorgt wurde, sondern für Liebhaber des Besonderen weiterhin im Einsatz ist. Damit ist Brust „nach rund 30 Jahren wieder an einem Setzkasten gestanden“, denn gelernt habe er den Bleisatz in seiner ursprünglichen Ausbildung als Schriftsetzer noch, der er einen Industriemeister „Druck“ angehängt und 2001 schließlich eine Werbeagentur übernommen hat, deren weitere Zukunft er in „haptischen Medien“ sieht.

Zumindest „noch“ sei Bleisatz eine richtige Nische, hofft Brust irgendwann damit dennoch das Haupteinkommen der Druckerei bestreiten zu können. So stehen parallel – noch – zwei kleine Offset-Maschinen in der Druck-Halle. „Brotmaschinen“, wie Brust sie nennt, auf denen Formulare etc. für das nötige Auskommen sorgen. Es sind vor allem so genannte Akzidenzien, die im Bleisatz, oftmals auch mit edler Prägung, hergestellt werden – Visitenkarten, Einladungskarten, Briefpapier... oder auch das Bedrucken von Versandtaschen mit Klotzboden, denn „die können im Offset-Druck nicht bedruckt werden“, meint Brust. Er selbst ist fasziniert von der Ausdruckskraft der Endprodukte trotz der „ziemlich eingeschränkten“ Mittel des um 1440 von Johannes Gutenberg neu entwickelte Druckverfahrens mit beweglichen Lettern, die im asiatischen Raum schon zuvor seit Jahrhunderten verwendet wurden. Im Wesentlichen würden sich die Mittel auf Farbe, Papier, Schrift und Linien bzw. Flächen beschränken; „keine Farbverläufe“ und auch Bilder nur als Ausnahme. „Da wir so wenig Gestaltungsmöglichkeiten haben, gewinnt Papier an Bedeutung“, hebt Brust den haptischen Aspekt hervor. Viele Dinge seien eh nur per Handarbeit möglich, wie unter anderem „spezielle Leimungen, seitlicher Farbschnitt“ und auch die kleinen, kostenintensiven Auflagen wolle keiner mehr machen. Brust ist zuversichtlich, dass sich Qualität des Bleisatzdruckes am Ende durchsetzen wird, auch wenn sie preislich „zehn bis zwanzigfach über dem einer Online-Druckerei liegt“ und es nicht „in“ sei, sein Geld in der Druckerei liegen zu lassen. Es freut ihn, dass der Preis bei Kunden, die „es sehen“, oftmals zur Nebensache werde – auch in Kempten, schmunzelt er.

Stolz ist Druckereibesitzer Michael Brust auch auf die edlen Prägestempel in seinem „Schmuck“-Sortiment.

Eine für Brust besonders freudige Überraschung haben die vielen Schubladen auf dem Dachboden der Druckerei erst kürzlich offenbart: zehn Sätze originalverpackte Bleischriften aus den 1950er Jahren. Schreibmaschinenschrift, Garamond kursiv, Candida, Kartenschrift larso, Futura Buchschrift... Besonders sei der Fund vor allem deshalb, weil es ungebrauchte „Brotschriften“ – mit den kleinen Schriftgrößen (6 – 12/14 Punkt) der Mengentexte habe der Schriftsetzer früher sein Brot verdient - nicht mehr zu kaufen gebe, „schon gar nicht aus der Bleibuchstabenzeit“. Eine echte Herausforderung seien allerdings moderne Zeichen wie @, das [et] gedruckt werden müsse und auch Slash-Zeichen gebe es nicht.

Brust glaubt nach der „so um 2004 aufgekommenen Web-Euphorie“ und ihrer Begleiterscheinung weg vom Briefpapier fest an eine „Renaissance“ des auch „alten“ Druck-Handwerks, in Anlehnung an den Buchtitel „Analog ist das neue Bio“. Denn „so verstehe ich, was wir hier machen“.

Christine Tröger

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