Russische Musik im Beethovenjahr

Renommiertes Rusquartet spielte am Montagabend im Stadttheater

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Kam beim Kemptener Publikum bestens an: das Rusquartett mit rein russischem Programm.

Kempten – Die Idee des vierten Meisterkonzerts im Stadttheater war die Präsentation eines renommierten russischen Streichquartetts mit einem rein russischen Programm.

Das Rusquartet wurde 2001 für vier Studenten des Moskauer Tschaikowsky Konservatoriums gegründet, die sich seither durch die Teilnahme an wichtigen Wettbewerben und eine rege Konzerttätigkeit einen gleichberechtigten Platz unter den wichtigsten Streichquartett-Ensembles der klassischen Musikszene erarbeitet haben. Obwohl ihr Repertoire sehr weitgespannt ist – vor allem erstreckt es sich auch auf seltener gespielte Komponisten – sind sie natürlich gewichtige Interpreten der Musik ihres Heimatlandes. Dass sich mit den Werken dieses Abends auch Bezüge zu Beethoven ergaben, der vor 250 Jahren geboren wurde, vermittelt einen aufschlussreichen Einblick in das Verhältnis russischer klassischer Musik zur mitteleuropäischen Musiktradition.

Alexander Borodin hat nur wenig Kammermusik hinterlassen. Seine beiden Streichquartette zählen aber genauso wie Tschaikowskys Streichquartette zum Kanon der bedeutendsten Streichquartette überhaupt. Sein erstes in A-Dur op. 26 von 1879 ist ein anmutiges Werk mit einer klaren Form und sehr stilvoller und klangschöner Verarbeitung der musikalischen Themen, von denen eines von Beethovens Streichquartett op. 130 entlehnt ist. Borodin war Mitglied der „Gruppe der Fünf“, die sich zum Ziel gesetzt hatten, eine nationalrussische Musik in der Nachfolge Michail Glinkas zu etablieren. Bei diesem Stück halten sich jedoch russische Volksliedeinflüsse und europäische Formensprache die Waage, so dass man nicht von typisch russischer Musik sprechen kann. 

Das Rusquartet hatte keine große Mühe mit dem Stück, es spielte unangestrengt und sauber, allerdings drängte sich alsbald der Eindruck auf, auch ohne große Emphase. Es ist kein Zufall, dass das zweite Stück des Abends, das Streichquartett Nr. 11 von Dimitri Schostakowitsch die gleiche Tonart besitzt wie Beethovens 11. Streichquartett op. 95. Es ist dem Andenken von Vasily Petrovich Shirinsky gewidmet, der zweiter Geiger des Beethovenquartetts war, das fast alle Streichquartette Schostakowitschs bis dahin uraufgeführt hatte. Musikalisch hat sich der „moderne“ Klassiker Schostakowitsch allerdings vom „echten“ Klassiker Beethoven weit entfernt. Von der klassischen Formensprache ist nur noch die Bezeichnung Streichquartett übrig, denn bei Schostakowitschs Werk handelt es sich mehr um eine Suitensammlung aus sieben kurzen Sätzen. Diese enthalten jedoch so viel musikalische Substanz und Esprit, dass sich nun durchaus wieder der Vergleich mit Beethovens Einfallsreichtum anbietet. 

Dabei geht es Schostakowitch allerdings weniger um die harmonische Grenzerweiterung wie bei Beethovens 11. Streichquartett, sondern mehr um die Auslotung der klanglichen Möglichkeiten, die die vier Instrumente eines Streichquartetts in verschiedensten Kombinationen bieten. Was dabei herauskommt, ist spannende und moderne Musik, die vom Rusquartet etwas glatt gespielt wurde. Die einzelnen Stellen hätten zum Teil mehr Engagement und Expressivität erfordert, was die musikalische Wirkung erheblich gesteigert hätte. Die stimmigste Interpretation des Abends bot das Rusquartet bei Peter Tschaikowskys fünfunddreißigminütigem Streichquartett nach der Pause. Tschaikowsky, der Beethoven immer kritisch gegenübergestanden war, war nicht nur mit seinen Sinfonien, Konzerten und Ballettmusiken Dreh- und Angelpunkt für die russische Orchestermusik, sondern ebenso für die Kammermusik. 

So ist sein 1874 geschriebenes 2. Streichquartett op. 22 ein wichtiger Vertreter dieser Gattung. Von der dissonanten Einleitung weg ist es mit der dunklen Einfärbung durchzogen, die klischeehaft der russischen Schwermut zugeordnet wird. Erst im letzten Satz, der eine Fülle von sich gegenseitig abwechselnden Motiven enthält, hellt sich die Stimmung auf. Wiederum ein technisch vorzüglicher Vortrag durch das Rusquartet mit etwas mehr „Leben“ zwischen den Noten als bei den vorangegangenen Stücken. Die vier Musiker des Rusquartet erlebte man an diesem Abend auf erwartet hohem musikalischen Niveau, aber routiniert und ohne übermäßige Spielfreude, was übrigens durch ihre schlichte Kleidung unterstrichen wurde. Nach den drei Stücken bleibt der Eindruck, dass Borodin mehr Ausdruck, Schostakowitch mehr Engagement und Tschaikowsky mehr russische Seele hätte vertragen können. Dem zahlreich erschienenen Publikum gefiel es trotzdem und es hätte sich gerne noch eine Zugabe erklatscht. Vergeblich. 

Jürgen Kus

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