»Irgendwann ist es schon gut«

Roswitha Ziegerer, Leiterin des Frauenhauses verabschiedet sich nach 37 Jahren in den Ruhestand

Roswitha Ziegerer gibt nach 37 Jahren die Leitung des Frauenhauses Kempten ab
+
Roswitha Ziegerer gibt nach 37 Jahren die Leitung des Frauenhauses Kempten an Amelia Ulbrich und Judith Preising ab. Die beiden Nachfolgerinnen werden künftig das Frauenhaus gemeinsam leiten.

Kempten – Häusliche Gewalt, körperlicher oder seelischer Natur, ist kein Problem sozialer Brennpunkte. Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten sind betroffen. 40 Jahre lang unterstützte Roswitha Ziegerer, Leiterin im Frauenhaus Kempten, hilfesuchende Frauen und Kinder.

Roswitha Ziegerer zog es in jungen Jahren, kurz nach ihrem Studium im Jahr 1978 erst mal weg ins Ausland. Mit der Organisation „Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste“ kam sie im Rahmen eines Freiwilligendienstes nach Derry, einer Stadt in Nordirland. Auf der Insel arbeitete sie ein Jahr in einem Frauenhaus. Anschließend ging es weiter nach Coventry, England, wo sie zwei weitere Jahre in vier Frauenhäusern erste Erfahrungen mit schutzsuchenden Frauen sammelte. Für Roswitha Ziegerer war es „am harten Ende anfangen“. Während dieser Zeit entstanden in Deutschland ebenfalls die ersten Hilfsangebote für Frauen, die Gewalt erlebt hatten. So wurden 1976 zwei Frauenhäuser eröffnet, in Berlin und Köln. Auch in Kempten fand sich eine kleine Gruppe von Frauen zusammen, die im Jahr 1981 den Verein „Frauen helfen Frauen e.V.“ gründeten. Im Februar 1983 war es den Vereinsmitgliedern möglich, mit dem ersten Schutzraum für Frauen in Kempten zu starten, dessen Leitung Roswitha Ziegerer angetragen wurde. Jetzt, 37 Jahre später, „nach einem erfüllten Berufsleben“, wie sie selbst sagt, verabschiedet sie sich in den Ruhestand. Der Kreisbote blickt mit ihr zurück.

Können Sie sich noch an Ihren Start im Frauenhaus Kempten erinnern?
Ziegerer: „Der neu gegründete, autonome Verein „Frauen helfen Frauen e.V.“ hatte so gut wie kein Geld und musste gegen viele Widerstände kämpfen. „Gewalt gegen Frauen im Allgäu gibt es nicht“, war die vorherrschende Meinung. Doch die engagierten Frauen ließen sich nicht abbringen. Im Jahr 1983 entstand mit der mietfreien Überlassung eines kleinen Häuschens das erste Frauenhaus in Kempten. Ein Schutzhaus mit Selbstversorgung für hilfesuchende Frauen, die zudem inhaltliche und seelische Unterstützung erhielten. Für diese Frauen gab es bis dahin keine Möglichkeit, aus einem gewalttätigen Umfeld herauszukommen. Unser Haus, dessen Leitung ich im Jahr 1983 hauptamtlich übernahm, war bereits in den Anfängen mit schutzbedürftigen Frauen und Kindern sehr gut belegt. Es war viel Improvisation gefragt, wie etwa bei der Einrichtung, die oftmals vom Sperrmüll kam. Wir haben uns alles von der Pike auf erarbeitet.“ 
Hat sich das Frauenhaus in Kempten seitdem verändert?
Ziegerer: „Ja, sogar rasend schnell. Die Bayerischen Richtlinien für die Finanzierung von Frauenhäusern waren im Entstehen und es gab zahlreiche Vorbehalte im Ministerium, wie beispielsweise die Anschauung, das Frauenhaus wolle die Familien spalten. So war in den ersten Entwürfen enthalten, dass die Frauen verpflichtend zur Eheberatung hingeführt werden müssten. Das Positive der Richtlinien war jedoch die Möglichkeit, Zuschüsse zu erhalten. Das Kemptener Frauenhaus, das mit zwei Zimmern startete, verfügt jetzt über sieben Zimmer für bis zu sieben Familien, aufgeteilt in drei Wohnungen. Bewundernswert finde ich auch, dass unser Trägerverein stabil geblieben ist, obwohl sich die Anforderungen sehr verändert haben. So ist mit Margot Bauer immer noch eine der Gründungsfrauen in unseren Reihen. Wir sind von einem kleinen Projekt zu einer, von allen professionellen Stellen anerkannten Einrichtung gewachsen.“
Wie hat sich die rechtliche Situation für die Frauen seit damals verändert?
Ziegerer: „Bis in die 60er Jahre war es Frauen nicht möglich, ein Konto ohne Zustimmung des Ehemannes zu eröffnen, den Führerschein zu machen oder selbständig einen Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Erst mit dem Gesetz über die Gleichberechtigung und dem Gesetz zur Reform des Ehe- und Familienrechtes wurden diese Einschränkungen eliminiert. Besonders wichtig für die schutzsuchenden Frauen war und ist der Wegfall des Passus „böswilliges Verlassen“. Vorher war es für die Frauen nicht denkbar gewesen, aus einer unzumutbaren Ehe auszubrechen. Sie mussten immer damit rechnen, dass der Ehemann keinen Unterhalt zahlt und ihnen die Kinder wegnimmt. Bei häuslicher Gewalt geht es um Macht. Ein patriarchisches Rollenverständnis, das auch jetzt noch in vielen Köpfen vorherrscht, geprägt durch Vorbilder und ein erlerntes Verhalten.“
Im Mai 2011 wurde von 39 Staaten die sogenannte Istanbuler Konvention vor dem Europarat unterzeichnet. Welche Möglichkeiten eröffneten sich dadurch für schutzsuchende Frauen?
Ziegerer: „Aufgrund dieses Übereinkommens zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen stellen die Landesregierung und der Bund finanzielle Mittel zur Verfügung. Dadurch war es möglich, unsere Personalsituation deutlich zu verbessern und auch den räumlichen Ausbau voranzutreiben. Zudem ermöglichte die sogenannte Istanbuler Konvention die Einrichtung von Fachberatungsstellen für Täter. Es ist wichtig, dass ein Täter Verantwortung für seine Taten übernimmt und sich auch bei seinen Kindern entschuldigt. Ansonsten fehlt jede Voraussetzung für eine normale Auseinandersetzung, ob bei Trennung oder Versöhnung. Um wieder Vertrauen aufbauen zu können, ist es zudem für die Kinder wichtig, das Verhalten ihres Vaters einordnen zu können. Ein Strauß roter Rosen reicht nicht aus.“
Kurz vor Ihrem Ruhestand kam dann dieses Jahr die Pandemie. Welche Auswirkungen hat Corona für die Frauen?
Ziegerer: „Corona ist ein Drama. Den Frauen werden die Möglichkeiten genommen. Während des Lockdowns war die Verantwortung für Homeschooling größtenteils bei den Müttern. Sie haben auch teilweise ihre Jobs verloren. Die Verschärfung von Ungleichheiten und häuslicher Gewalt nimmt zu. Wir im Frauenhaus Kempten haben keine erhöhten Fallzahlen. Wir sehen aber auch, dass bei dieser Pandemie eine große Verunsicherung herrscht, sich mit Kindern in eine Einrichtung zu begeben, die zwar Schutz vor Gewalt bietet, aber nicht vor einer Gefährdung durch Ansteckung. Zugleich sind die Anruferzahlen bei der bundesweiten HelpLine explodiert. Es herrscht eine große Unsicherheit.“
Gibt es Schicksale, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?
Ziegerer: „Das Schöne in all den Jahren war, dass es immer wieder Frauen gab, die es geschafft haben. Es sind Schlüsselfiguren für viele der hilfesuchenden Frauen. Wie etwa eine junge Frau, die mir auf der Straße erzählte, dass sie es geschafft hat, ihren gewalttätigen Ehemann im zweiten Anlauf ohne fremde Hilfe zu verlassen. Oder zwei Frauen, die als Kinder im Frauenhaus waren und dann später hier ein Praktikum machten. Ganz toll! Aber es gab auch Schicksale, die an die Substanz gingen, wie das von zwei Frauen, die bei uns in Beratung waren und später von ihren Ex-Lebenspartnern ermordet wurden.“
Freuen Sie sich auf Ihren Ruhestand?
Ziegerer: „Irgendwann ist es schon gut. Ich habe über 40 Jahre in Frauenhäusern gearbeitet und die Verantwortung für die Begleitung der Frauen gespürt. Ich habe mich immer gefragt, ob ich eine Situation richtig eingeschätzt habe. Ich hinterlasse das Haus mit einem gut aufgestellten, stabilen Team. Es gibt mir die Möglichkeit, mit einem guten Gefühl zu gehen, dafür bin ich sehr dankbar.“
Vielen Dank für das Gespräch!

Christine Reder

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Der Krugzeller Dorfladen erhält höchste Auszeichnung 
Der Krugzeller Dorfladen erhält höchste Auszeichnung 
Digitaler Impfnachweis: So einfach geht’s! 
Digitaler Impfnachweis: So einfach geht’s! 
Corona-Ticker Kempten: Erster Fall der indischen Variante im Oberallgäu
Corona-Ticker Kempten: Erster Fall der indischen Variante im Oberallgäu
ARD-Filme komplett im Allgäu gedreht
ARD-Filme komplett im Allgäu gedreht

Kommentare