Schul-Kino-Wochen: "Hannah Arendt" steht bei den Schülern hoch im Kurs

Kino wird zum Klassenzimmer

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Schon die kleinsten Schüler sind mit Feuereifer bei den Schul-Kino-Wochen in Kempten dabei. Die höheren Jahrgänge beschäftigen sich mit ernsteren Filmen.

Kempten – Auch das Colosseum-Center wurde im Rahmen der bundesweiten Schul-Kino-Woche jetzt zu Klassenräumen. An fünf Tagen schauten sich rund 3000 Schüler aus Kempten und Umgebung mit ihren Lehrern ausgesuchte Filme an.

„Wir zeigen in insgesamt 19 Vorstellungen neun verschiedene, pädagogisch wertvolle und nach Jahrgangsstufen ausgewählte Spiel- und Dokumentarfilme”, erklärte Klaus Sing, Geschäftsführer der FTB Dietel KG und Betreiber des Colosseum-Center. Ziel der Schul-Kino-Woche war es, die Filmkompetenz der Schüler zu fördern und sie bei der inhaltlichen wie formalen Analyse der gezeigten Filmstoffe zu unterstützen. 

Bereits im Vorfeld der Aktionswoche gab es auch für Lehrkräfte der Sekundärstufe I + II das Angebot, sich intensiver mit der Thematik der Filmanalyse, der Filmästhetik oder der Filmsprache zu befassen. Oberstudienrat Bernd Haberkorn vom Hildegardis-Gymnasium Kempten schaute sich mit seinen Schülerinnen und Schülern der 11. Jahrgangsstufe den mehrfach ausgezeichneten deutschen Film „Hannah Arendt” von Margarethe von Trotta an. Der Film behandelt die Geschichte der Jüdin Hannah Arendt, die während ihrer Studienzeit in Deutschland und später in den USA als Publizistin und politische Theoretikerin wirkte. 

Während ihrer Studienzeit lernte sie den deutschen Philosophen Martin Heidegger kennen, mit dem sie auch privat anbändelte. Wegen ihrer jüdischen Herkunft emigrierte Arendt bereits im Jahre 1933 nach Frankreich. Nach einer langen Odyssee landete sie in den Vereinigten Staaten. Während des Dritten Reichs hatte sich Arendt als strikte Gegnerin des Rassenwahns der Nazis gezeigt. Nur in sprichwörtlich letzter Sekunde konnte ihre Mutter, die noch in Königsberg lebte, vor der Deportation in eines der Vernichtungslager gerettet werden. 

Vor diesem Hintergrund erntete sie Jahre später als journalistische Begleiterin des „Eichmann-Prozesses” in Jerusalem von fast allen Seiten harsche Kritik. Adolf Eichmann, eine der zentralen Figuren der Judenvernichtung, zeigte sich Hannah Arendt in den Verhandlungen vor Gericht nicht als Überzeugungstäter mit ideologischem Fundament, sondern lediglich als willenloser, des selbstständigen Denkens nicht fähiger Helfer des NS-Regimes. Es wurde ihr daher vorgeworfen, die Juden für den Holocaust somit selbst verantwortlich zu machen und NS-Schergen wie Eichmann mit ihrer Analyse der „Banalität des Bösen” von Schuld entlastet zu haben. 

Kein leichter Stoff für Schülerinnen und Schüler der 11. Jahrgangsstufe des „Hilde”, aber im Kinosaal war es ruhig und die jungen Leute waren nach dem Abspann beeindruckt von Trotta's Werk. „Der Film hat mir gut gefallen”, sagte beispielsweise Elisabeth Paasch. „Er zeigt deutlich, wie schwierig es für Hannah Arendt war, nach dem Krieg ihr Psychogramm der Nazitäter zu offenbaren, auch wenn sie dabei mit ihrem Volk den Juden in Konflikt geriet”, so die 17-jährige Schülerin. „Klar, schauen wir solche Filme nicht alle Tage”, fügte Joshua Reiss hinzu, aber im Rahmen des Schulunterrichts finde er es schon klasse, zumal das Thema Nationalsozialismus demnächst auf dem Lehrplan stehe. 

Bernd Haberkorn fand den Film ebenfalls sehr gelungen, rücke dieser doch die sich im Nachhinein als richtig erwiesene Analyse Adolf Eichmanns durch Hannah Arendt ins richtige Licht. „Wir als Historiker beurteilen die Verbrechen der Geschichte heute unter ganzen anderen Kriterien und setzen andere Maßstäbe an, als unsere Kollegen noch vor 25 Jahren”, erläuterte Haberkorn. „Es gibt ihn nicht, den Genius des bösen Überzeugungstäters, vielmehr das grausame, seelenlose Handeln, von an den Taten selbst nicht beteiligten kleinbürgerlichen Spießern, die gedankenlos Befehle ausführen. Und das leider überall und zu allen Zeiten.”

jsp

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