Runde Sache

Der Vorstandsvorsitzende der Bezirkskliniken Schwaben, Thomas Düll, bei der Jubiläumsfeier im Theater. Foto: Kampfrath

Es kann jeden treffen. Schwere psychische Erkrankungen sind keine Seltenheit. Anlaufstelle der Betroffenen ist dann oft das Bezirkskrankenhaus (BKH) Kempten. Dort versorgen die Angestellten die Patienten stationär oder in einer Tagesklinik. Seit dem 7. Januar 1986 ist dies so. Das 25-jährige Bestehen des BKH feierten am Freitag zahlreiche Gäste im Stadttheater.

Mit der Gründung des BKH Kempten sei eine Dezentralisierung erfolgt. Darauf verwies Thomas Düll, Vorstandsvorsitzender der Bezirkskliniken Schwaben. Denn von 1949 bis 1986 habe es nur in Günzburg und Kaufbeuren eine psychiatrische Fachklinik des Bezirks Schwaben gegeben. Bezirktagspräsident Jürgen Reichert erinnerte sich noch gut an die 20-Jahres-Feier. „Sie stand im Zeichen des personellen Wechsels von Professor Albrecht Egetmeyer zu Professor Peter Brieger.“ Auch beim diesjährigen Jubiläum stünde mit der „Neuorientierung der Räume“ eine Veränderung an. Reichert meinte damit den geplanten Umzug des BKH ans Klinikum Kempten. Obwohl es als Ableger Kaufbeurens galt, war das Krankenhaus selbstständig. „Kempten hatte die erste psychiatrische Tagesklinik Bayerns“, sagte der Vorsitzende des Verwaltungsrates der Bezirkskliniken Schwaben. Die Mitarbeiter stellten immer wieder unter Beweis, dass sie für ihr Krankenhaus da seien. Derzeit gebe es im BKH 89 Betten und 35 Plätze in der Tagesklinik. "Hoher Leidensdruck" „Das BKH ist da, wenn das Gleichgewicht der Seele durcheinander geraten ist“, meinte Kemptens OB Dr. Ulrich Netzer (CSU). Durch das Zusammenwachsen mit dem Klinikum Kempten/Oberallgäu werde die Psychiatrie zukunftsfähig bleiben. Claudia Häutle schilderte ihre Sicht einer Betroffenen. „Ein hoher Leidensdruck war nötig, um zu akzeptieren, ich brauche professionelle Hilfe, die über das Ambulante hinausgeht.“ Offene Ohren hätten sich ihre Nöte angehört. Patientin im BKH zu sein, bedeute harte Arbeit. „Es gibt genügend Stunden, in denen alles sinnlos erscheint. Aber besonders an hilflosen Tagen habe ich die Menschlichkeit des BKH intensiv erlebt“, berichtete sie. Laut Maria Johler, Leiterin einer Angehörigengruppe, ist gerade bei schweren psychischen Erkrankungen die Zusammenarbeit zwischen den Behandelnden und der Familie wichtig. „Die Situation wird dadurch erschwert, dass Angehörige den Klinikaufenthalt forcieren und Kranke dies als nicht nötig erachten.“ Das BKH nehme seine Versorgungsverpflichtung sehr ernst. 1986 habe das BKH 76 Mitarbeiter gezählt, nun seien es 214. Das berichtete die Personalratsvorsitzende Lisa Birke. „Wir vollzogen den Wandel zum Kommunalunternehmen.“ Sie kritisierte, dass neue Mitarbeiter im Gegensatz zu früher befristete Verträge erhalten. Dabei habe sich das Arbeitspensum verdichtet. Die Beschäftigung am BKH bedeute, Menschen in Krisen zu behandeln und zu begleiten. Die Gründungsväter hätten damals zu Recht erkannt, dass die Nähe zum Patienten und dessen Umfeld entscheidend seien, so die Pflegedirektorin Beatrice Pfirschke. „Wir sind uns bewusst, dass nur ein zufriedener Mitarbeiter ein guter Mitarbeiter ist.“ Getrennte Wege im Hirn Professor Peter Falkai hielt einen Vortrag zum Thema Translation, also der Übertragung von Wissen in die medizinische Praxis. Er berichtete über eine seiner Studien, bei der Alzheimer-Patienten Kupfer verabreicht wurde. Denn dies habe im Tierversuch mit Affen Erfolge gezeigt. Doch bei den Menschen habe es keine signifikanten Unterschiede zur Placebo-Gruppe gegeben. Die Kosten für die Entwicklung eines neuen Medikaments seien in die Höhe geschnellt. „Bei Depressionen reden obere und untere Gehirnregionen nicht mehr miteinander“, erklärte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde. So genannte Stimulanzverfahren könnten helfen. Doch sprächen 50 Prozent der Patienten nicht auf eine Vagusnervstimulation an. „In der Psychotherapie hat sich durch neue Verfahren enorm viel weiterentwickelt.“ Neue Innovationen für die Diagnostik kämen aus der Pharmakogenetik. Dieses Teilgebiet der Pharmakologie beschäftigt sich mit dem Einfluss der Gene auf die Wirkung von Arzneimitteln. Falkai zufolge sind psychische Erkrankungen zunehmend auf dem aufsteigenden Ast. „Wir müssen mehr Kliniker ausbilden, die Interesse an der Translation haben.“ Die Psychiatrie sei in der Mitte der Gesellschaft angekommen, bekundete Professor Peter Brieger, ärztlicher Direktor des BKH Kempten. Er wagte einen Blick in die Zukunft. „Im Jahr 2013 bekommen wir ein neues Vergütungssystem. Ein Jahr später werden wir in den Neubau umziehen.“ Er prophezeite einen größeren Mangel an Fachkräften im medizinischen Bereich. Das Hilfsangebot werde unübersichtlicher werden. Brieger betonte den Aspekt der sozialen Verantwortung des Bezirkskrankenhauses. „Es ist unabdingbar, dass wir uns ökonomischen Zielen stellen und gut wirtschaften.“ Eine Ausrichtung auf Gewinnmaximierung werde jedoch nicht stattfinden. Während der Feier hörten die Gäste nicht nur Worte, sondern auch schöne Töne. Die Pianistin Yukie Togashi und die Mezzosopranistin Alena Sautier trugen gefühlvoll Werke von Robert Schumann und Hugo Wolf vor. Thomas Düll, der durch das Programm leitete, bedankte sich für das „Kemptener Feeling“.

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