Es war einmal...

Ein Rundgang um die frühe Stadt Kempten anhand historischer Stadtansichten – Teil 1

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Rothgerber zu den sieben Hansen. 
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Stadtansicht von Heinrich Beusch von 1599 mit den vom Verfasser nachgezeichneten Linien zwischen den Friedsäulen.
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Stadtansicht von Mathäus Merian.
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Die Stadtmauer beim Parktheater.
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Siechenhaus St. Stephan zu den hohen Stegen.
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Haustafel an heutigen „Bayerischen Hof.
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Illertor von der Bäckergasse aus gesehen.
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Alte Metzig an der Iller

Kempten – In dieser und der nächsten Folge (29. Mai 2019) unternehmen wir einen Rundgang durch unser einstiges Kempten zur Zeit des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts, wie es heute kaum mehr jemand kennt.

Damals bot das kleine Kempten, in dem rund 4000 Menschen lebten, mit der Burghalde, seinen massiven Schutzmauern, Türmen und Toren schon aus der Ferne einen imposanten Anblick. Heute steht neben der Burghalde von den einstigen Toren nur noch das kleinste, das sogenannte Ankertörle an der Illerstraße und auch von den ehemaligen Türmen ist nur noch der kleine Pulverturm an der Webergasse übriggeblieben. 

Nicht anders ist es bei der ehemaligen Stadtmauer, von der nur noch Reste an einigen Stellen der Stadt zu sehen sind. Daneben findet der geschichtlich interessierte Betrachter in Kempten noch bescheidene Hinweise auf die ehemaligen Anlagen. 

Dazu gehört ein Modell in der Fischerstraße, gegenüber der Residenz, das an das einstige Klostertor erinnert. Daneben gibt es noch viele Haus- und Gedenktafeln, die größtenteils von Dr. Otto Merkt stammen. Sie sind manchmal – gut versteckt und öfters auch stark verwittert – an bestimmten Gebäuden oder Plätzen in der Stadt angebracht und beschreiben kurz ihre Geschichte. 

Wer sich also heute ein Bild von unserer frühen Stadt Kempten aus dem 16. und 17. Jahrhundert machen möchte, ist auf historische Chroniken, alte Bilder und einstige Stadtansichten angewiesen. Die älteste Ansicht ist die Kosmographie von Sebastian Münster aus dem Jahre 1569, die uns die Stadt von einem nordöstlichen Standpunkt aus zeigt. Eine weitere Karte von 1576, die uns einen Blick auf Kempten vom gleichen Standort ermöglicht, stammt von Braun und Hogenberg. 

Eine gute Übersicht über die Stadt und die nähere Umgebung stammt von Heinrich Beusch aus dem Jahr 1599. Hier sind nicht nur die Vorposten der Stadtbefestigungen dargestellt, man kann auch die Friedsäulen, zur Abgrenzung des äußeren Burgfriedens, also die Grenze des kleinen städtischen Territoriums erkennen. Daneben sind hier die städtischen Bleichen vom Segger bis nach Lenzfried, aber auch Landhäuser und Schlösschen abgebildet, die reichere Bürger innerhalb und außerhalb der städtischen Grenzen errichtet haben. 

Die genaueste Stadtansicht aber sehen wir in einem Kupferstich von Wolf Kilian, nach einer Zeichnung von Johann Hain und Friedrich Raidel aus dem Jahr 1628. 

Unserer Stadtführung liegt die Ansicht aus „Matthäus Merians Topographia Sueviae“ von 1643 zugrunde. Sie zeigt sehr genau und übersichtlich die Stadtmauer, die Türme und Tore des damaligen Kemptens, mit den vom Verfasser eingefügten Namen. Obwohl sie aus dem Jahre 1643 stammt, ist auf ihr die Stadt noch vor den Zerstörungen des 30-Jährigen Krieges abgebildet. Warum aber der Schöpfer dieser Stadtansicht die Berge im Norden der Stadt ansiedelte, bleibt sein Geheimnis.

Entstehung der Stadtmauern

Schon 1239 soll der Abt Theothun II. Birkh von Felsberg an den Festungswerken gebaut haben. Im Jahr 1336 erlaubte dann der Abt Burkhard III. Bürck von Hasenweiler den Bürgern, die Mauer um die Stadt herumzuführen. Die Steine für die Mauer und die verschiedenen Stadttürme kamen von den Steinbrüchen, die sich um die Stadt herum befanden, wie z.B. aus Lenzfried und von der Iller. Die Befestigung des 14. Jahrhunderts umfasst den älteren Kernbereich Kemptens und grenzte an das Kloster an. 

Das Kloster und seine Gebäude wurden aber – aus unbekannten Gründen – nie in die Stadtbefestigung mit einbezogen. Auch die Lützelburg, die kleine Vorburg der Burghalde, blieb außerhalb der Maueranlagen. Stadtmauern, Stadttore und Türme erfuhren eine ständige Anpassung an veränderte Bedürfnisse. 

Im 15. Jahrhundert nahm Kempten bedeutende Erweiterungen vor, indem es die Brennergassenvorstadt auf der westlichen Illerseite und die Iller- oder Steinrinnenvorstadt auf der östlichen Seite der Iller in die Stadtbefestigung einbezog. Die Illervorstadt diente auch als eine Art Brückenkopf für die wichtige Illerbrücke und das Metzgertor. Im Kriegsfall beschränkte man sich auf die Verteidigung der Kernstadt und gab die Vorstadt auf.

1470 ließ die Stadt drei Bollwerke auf dem „Ösch“ errichten und verstärkte 1488 diese Maueranlagen mit Graben und Wehren zwischen dem Steinrinnen- und dem Siechentor. Die Stadtmauern hatten oben einen überdachten Wehrgang, wie man dies noch an der restaurierten Stadtmauer beim Parktheater sehen kann. Zur Verstärkung der Stadtmauern gab es eine Anzahl von Stadttoren und Stadttürmen. Davon besaßen die meisten einen Namen, die einen Bezug zu den umliegenden Stadtgeschehnissen hatten. 

Von einigen Toren existieren noch verschiedene Abbildungen, die im Folgenden zu sehen sind. Wir versetzen uns also geistig in diese Zeit und beginnen unseren Rundgang auf Höhe des heutigen Berliner Platzes, auf der damaligen Straße von und nach Kaufbeuren. Kurz vorher passieren wir eine der 22 Friedsäulen der „Freien Reichsstadt Kempten“. 

Mit dem großen Kauf am 6. Mai 1525 gelang es dem damaligen Bürgermeister Gordian Seuter, dem Fürstabt Sebastian von Breitenstein alle noch bestehenden Rechte in der Stadt gegen eine Summe von ungefähr 30.000 Gulden abzukaufen. Seitdem durfte sich Kempten eine „Freie Reichsstadt“ nennen, da sie nun keinen direkten Stadtherrn mehr über sich hatte. 

Spätestens um diese Zeit ließ die Stadt 22 Friedsäulen errichten, mit denen sie ihr kleines Gebiet vom umgebenden Stiftsgebiet abgrenzte. Diese Friedsäulen, auch Marksäulen genannt, trugen das Brustbild Hildegards und einen Adler als Symbol der „Freien Reichsstadt Kempten“.

Nun kommen wir am Siechenhaus bei der Kapelle St. Stephan im Keck (Keck-Kapelle) vorbei. Dieses Haus, in dem die „Siechen, Lahmen, krätzigen oder aussätzigen Personen“ untergebebracht sind, wurde um 1321 erbaut. 

Wegen der Ansteckungsgefahr, die von diesen Menschen ausgehen kann, befinden sich solche Häuser entweder am Stadtrand oder gar wie in Kempten außerhalb der Stadtmauern. 

Beim Einschnitt über das Siechenbächlein führt die Straße durch einen Hohlweg, über den ein Steg zwischen den Gebäuden der Kapelle St. Stephan führt und deswegen die „hohe Stege“ genannt wird. 

Seit Mitte des 15. Jahrhunderts ist um das Siechenhaus St. Stephan und der Keckkapelle (Gegend um den heutigen Berliner Platz) auch ein Friedhof bekannt. Hier, vor den Toren der Stadt fanden aus religiösen Gründen Selbstmörder, zum Tode verurteilte Straftäter und wegen möglicher Ansteckungsgefahren all die Menschen ihre letzte Ruhe, die an Lepra, Pest, und anderen „Seuchen“ verstarben. 

Hier, oberhalb der Keck-Kapelle befindet sich auch eine Straßensperre, die eine erste Kontrollstation auf dem Weg zur Stadt bildet. Von der Anhöhe der heutigen Keck-Kapelle haben wir auch einen schönen Blick auf Kempten mit seinen starken Schutzmauern und Türmen. Wir sehen von dort aus auch die vielen Gärten, Felder und Äcker, die vor der Stadt, ja auch in der Stadt angelegt sind. 

Kempten ist eine typische „Ackerbürgerstadt“, denn viele Stadtbürger bauen hier Agrarerzeugnisse an, um ihren Speiseplan zu bereichern. Sie halten sich auch vor und in der Stadt ihr Nutzvieh. Noch 1846 wird es in der Stadt 300 Kühe, 437 Pferde, 176 Schweine und viele Schafe und Ziegen geben. 

In Richtung Iller sehen wir auch die Bleichen, auf denen lange Leinwandbahnen auf der Wiese liegen, um, je nach Jahreszeit, von der Sonne gebleicht zu werden. Der Rohstoff für diese Leinwandtücher ist Flachs, der in mühevoller Handarbeit von den Kemptener Webern auf Handwebstühlen zu langen Leinwandbahnen gewebt wird. Zu dieser Zeit hat Kempten noch ein weit überregional bedeutsames Leinwandgewerbe. Nicht umsonst zählen die Weber zur größten Handwerkszunft und besitzen in der Gerbergasse ein großes Zunfthaus.

Auf unserem weiteren Weg nach Kempten erreichen wir östlich der Iller die Illervorstadt (Kaufbeurer Straße, Einmündung Brodkorbweg bis Lenzfrieder Straße) und kommen ans Siechentor, das seinen Namen vom Siechenhaus hat. Es liegt ungefähr in der Höhe der heutigen Kaufbeurer Straße, unterhalb des Archäologischen Parks Cambodunum. Das Tor ist, wie alle anderen Stadttore auch, mit Torwärtern besetzt, die den Personen- und Warenverkehr kontrollieren. Sie achten auch darauf, dass keine unerwünschten Personen in die Stadt gelangen und von Händlern, die Waren in oder durch die Stadt transportieren möchten, kassieren sie die Akzise oder das Gredgeld, also die Stadtsteuer. Heute zeugt noch eine kleine Gedenktafel von der Existenz dieses Tores. 

Nachdem wir das Siechentor passieren durften, gehen wir durch die Illervorstadt in Richtung Illerbrücke und kommen am sogenannten Rossmarkt vorbei (beim heutigen Bayerischen Hof). Der Platz trägt diesen Namen, weil am Mittwoch in der Stadt der Wochenmarkt stattfindet und zur gleichen Zeit auf diesem Platz Pferde gehandelt werden. 

Über die hölzerne Illerbrücke gelangen wir dann zum Iller-, Metzger- oder Brucknertor, erbaut um 1337. Es nennt sich so, weil es an der Illerbrücke (Bruck) und in der Nähe der städtischen Metzig (Metzgerei) steht. Wie man auf dem alten Foto sehen kann, nutzen die Bürger auch hier die Stadtmauer, um ihre Wäsche zu trocknen.

Es trägt auch den Namen „Kaisertor“, weil über dem Torbogen der Reichsadler und Freskenbilder mit deutschen Kaisern angebracht sind und Kaiser Karl V. bei seinem Besuch in Kempten im Jahre 1543 mit einem Gefolge von 900 Personen durch dieses Tor geritten sein soll. Er blieb aber nicht in der Stadt, sondern ritt quer durch Kempten hindurch zum Klostertor hinaus. Auf dem Dach dieses Tores steht ein kleines Glockentürmchen, dessen Glocke läutet, wenn ein Verurteilter zur Hinrichtungsstätte vor das Steinrinnentor geführt wird. 

Links nach der Brücke fällt unser Blick auf das städtische Spital mit seiner Spitalkirche, das wir auf unserem Rückweg noch näher betrachten werden. Nach der Brücke biegen wir nach rechts, in Richtung Norden ab (in Richtung Illerstraße) und kommen an der städtischen Metzig vorbei. Sie liegt an der Iller, weil die Metzger fließendes Wasser benötigen, um ihre Schlachtabfälle wegzuspülen. 

Anschließend erreichen wir das Loch-, Bad- und später Ankertörle. Es ist das einzige Tor, das heute noch erhalten ist. Wegen des kleinen Eingangstores nennen es die Kemptener auch Lochtörle. Eigentlich ist es kein eigenes Stadttor, sondern nur eine Verbindung zwischen Mühlkanal und Ankergässele und wird 1798 erweitert. Da im angrenzenden Ankergässele (zur Zeit unseres Rundganges trägt es noch den Namen „im Loch“), die Illerflößer ihre eisernen Geräte (Anker) reparieren lassen, heißt es auch Ankertörle. Ganz in der Nähe des Tores betreibt ein Bader seine Badestube, daher nennen es die Kempter auch „Badtörle“. 

Wir schlendern nun weiter in Richtung Mühltor. In seiner Nähe ist die Griesinsel, die an der Iller liegt und durch den kleinen Mühlkanal von der Innenstadt getrennt ist. Hier stehen die städtischen Mühlen, Triebwerke und Stampfen, die Wasser als Antriebskraft benötigen, daher auch die Bezeichnung Mühltor. 

Weiter geht es zum Radbadtörle. Der Name stammt wahrscheinlich vom gleichnamigen Radbad ab, das ein Bader ganz in der Nähe betreibt. Auf unserem weiteren Weg kommen wir nun zum Pfeileroder Katzentörle: Es heißt so, weil im Pfeilergraben die Bogenbzw. Armbrustschützen im sogenannten Stachelschießhaus ihren Sport ausüben. Dieser Turm ist ein starkes Bauwerk, der mit seiner Schmalseite in der inneren Stadtmauer steht. Die vordere Seite ist mit einer großen Erdaufschüttung, die einen inneren gemauerten Kern enthält, zur Iller hin abgeschlossen. In der Nähe des Tores, in der „neuen Gasse“ (jetzt Theaterstraße), befand sich auch das Stadtbordell, das in der Reformation (um 1525) seine Pforten schließen musste. 

Ebenso steht in der neuen Gasse auch der städtische Salzstadel, der in den Urkunden der Stadt erstmals im Jahre 1392 auftaucht. Er dient der Stadt längere Zeit als Salzlager, in dem das Salz zwischengelagert wird, das Kemptener Kaufleute aus der Saline von Hall importieren, um es dann weiter zu veräußern. Dieser Salzstadel ist auch das einzige Gebäude der Stadt, in dem Theateraufführungen möglich sind, weil sich nur darin ein geeigneter, also größerer und wettersicherer Raum für diese Zwecke befindet. Die Theateraufführungen finden nur im Obergeschoss statt, weil durch den Rückgang des Salzhandels im 17. Jahrhundert der obere Raum oft leer steht. Im Untergeschoss lagerten dagegen zu dieser Zeit noch an die 600 Fässer Salz. Schon 1657 erlässt der Rat „Articul“, d.h. Statuten für die Gründung einer „Theatergesellschaft“. Damit schafft er „amtliche“ Regeln für das Theaterleben in Kempten und die Grundlage für unser späteres Stadttheater. 

Wir gehen weiter und kommen zum Heidenturm (am heutigen Mauergässele zwischen Illersteg und Kaufhof Galeria). Die Kemptener nennen ihn so, weil er angeblich auf römischen (heidnischen) Mauerresten gebaut ist. Da er der älteste Turm der Stadt sein soll, trug er in alten Urkunden den Namen „Porterthor“ (vom lateinischen „Porta“). Eine versteckte Gedenktafel erinnert heute noch daran, dass ganz in der Nähe eine Gasse liegt, die von den Städtern das Jammertal genannt wird, weil hier die Ärmsten der Stadt leben. 

Wir erreichen nun den Malzmühlturm (zwischen Kaufhof Galeria und Residenz). Er wurde um 1405 erbaut und erhielt seinen Namen von den Mälzereien, die das Malz für die vielen Brauereien darren, die sich hier an der Stadtmauer und in der Nähe des Gerberkanals (heutige Gerberstraße) befinden. Auf der südlichen Seite des Gerberbaches arbeiten die städtischen Gerber, die aus Rohfellen verschiedene Ledersorten herstellen. Da von den oft schon länger gelagerten und daher streng riechenden Fellen erst Gewebereste abgeschabt werden müssen, bevor sie in Lohebäder zum Gerben eingelegt werden, geht von ihren Werkstätten ein unangenehmer Geruch aus.

Dazu kommen noch die Gerüche von den gegenüberliegenden Mälzereien und besonders von den Plumpsklos, die sich in den Wohngebäuden der Stadt befinden. Aber auch die Hinterlassenschaften von Kühen, Schafen, Schweinen und Ziegen, die in der Stadt gehalten werden, tragen ihren Teil dazu bei. Besonders wenn es sehr warm ist und in den Stadtbächen und der Iller wenig Wasser fließt, stellt dieses Geruchspotpourrie für unsere Nasen eine arge Belastung dar. Am östlichen Ende der Gerbergasse befinden sich auch verschiedene Zunfthäuser, so z.B. das Zunfthaus der Weber, der Schuhmacher und der Kramer. Hier treffen sich die Handwerker, um am Feierabend bei einem Krug Bier oder Wein den Tag ausklingen zu lassen, über Handwerksangelegenheiten zu sprechen oder ihre offiziellen Sitzungen abzuhalten. 

In Teil 2 (am 29. Mai 2019) führt uns der Stadtrundgang weiter durch das Klostertor unter anderem zum Diebesturm, durch Fischer- und Waisentor zur Burghalde und über den Saumarkt.

Dr. Willi Vachenauer

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