Ingmar Niemann entdämonisiert Putin mit kritischem Gesamtblick

Russland verstehen

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Referent Ingmar Niemann.

Kempten – „Wenn wir die Konflikte der Welt friedlich lösen wollen, müssen wir das mit Russland machen“, sonst gehe es nur mit Krieg, so das Fazit des Politologen Ingmar Niemann M.A. am Ende seines Vortrags vor rund 120 Interessierten im Haus International. „Putins Russland und sein globaler Anspruch“ war das Thema des mit Informationen prall gefüllten Abends.

Niemann, Lehrbeauftragter der Uni München und Hochschule Kempten sowie Dozent der Gesellschaft für Außenpolitik e.V., verstand es, Putin zu entdämonisieren und sein Handeln zumindest nachvollziehbar zu machen. Dennoch betonte Niemann, dass Putin niemand sei, „mit dem ich Wodka trinken würde“, sondern es darum gehe, „zu beleuchten, warum die Dinge sind wie sie sind“.

Eine Stärke Russlands sah der Dipl.-Volkswirt darin, dass es in der Lage sei, sich selbst zu versorgen und den Rest der Welt gar nicht brauche – wenn die Dinge im Land denn funktionieren würden. Putin, der sich selbst gern als der starke Mann inszeniere, sei seit Katharina der Großen „der deutsch orientierteste Herrscher Russlands“ und spreche fließend Deutsch. Als „Alleinherrscher“ regiere Putin das Land aber nicht, denn das würde bei einem so großen Reich gar nicht funktionieren, meinte Niemann und erklärte das „System Putin“, in dem fünf Faktoren eine wesentliche Rolle spielen: die so genannte „Familie“ Jelzin, die Silowiki (Vertreter der Geheimdienste und Armee), regionale Führer, Reformer aus St. Petersburg und, ganz wichtig, die Oligarchen, die durch Privatisierungen immense Reichtümer und Macht angehäuft hätten, während das Volk „enteignet“ und um seine Lebensarbeit betrogen worden sei. Putins „Deal“ lautete: „Keine Einmischung der Oligarchen in die Politik, dafür keine Überprüfung der Privatisierungen durch den Präsidenten.“

Bei den Oligarchen machte Niemann vier Typen aus: solche vom Schlag eines Boris Beresowski, unter Putin ins Exil gegangen und 2013 tot in London aufgefunden. Der Typus Michail Chordorkowski, der das Land trotz Unzufriedenheit mit Putins Politik nicht verlassen habe und sich auch in die Politik eingemischt habe. Die Folge: Anklage wegen Steuerhinterziehung, Lagerhaft in Sibirien und Verstaatlichung seines Vermögens. Anders wieder ein Roman Abramowitsch, der sich durch die erkaufte Wahl zum Gouverneur von Tschukotka schon weniger angreifbar gemacht habe. Und dann natürlich die großen Gas- und Erdölkonzerne Russlands, in denen auch Politiker „fest verankert“ seien. Laut Niemann vertreten einige Historiker die Meinung, dass der 1. Weltkrieg stattgefunden habe, um an Russlands Rohstoffe zu kommen – erfolglos. Putins Ansicht, die Rohstoffe gehören dem Staat, kollidiere nun mit der Bush-Doktrin, dass Rohstoffe nicht staatlich kontrolliert werden dürften, sondern Weltmächten zur Verfügung stehen müssten.

15 Jahre Putin „ist schon eine Erfolgsgeschichte“, nannte Niemann – wenn auch noch unvollkommene – demokratische Entwicklungsprozesse, vor allem aber eine massive Entschuldung sowie deutlich höhere Renten und Gehälter. In der Masse sei Russland aber ein armes Land, in dem die schon lange bestehende, „systemimmanente“ Korruption, dafür sorge, dass zum Beispiel der unterbezahlte öffentliche Dienst überhaupt funktioniere.

Auslöser der Krise in Russland sah er im Verfall der Rohstoffpreise und in Folge ein BIP das „regelrecht crasht“. Russland befinde sich „direkt auf dem Weg in die Rezession“ mit einem Rubel „im freien Fall“ – aber auch andere Währungen, da überall Geld abgezogen werde um in US Dollar zu investieren, seit die USA die Senkung des Leitzinses angekündigt hätten. Russland wende sich allerdings zunehmend vom US Dollar ab und kaufe aktuell viel Gold. Warum? „Weil man damit versucht dem Geldsystem aus dem Weg zu gehen“ und dem internationalen Geld den Kampf anzusagen. Die Währung für den weltweiten Rohstoffhandel sei aber der US Dollar, obwohl er „im Prinzip zu 95 Prozent wertlos ist“, weil er „im Computer entsteht“. Genau diese kostenlose Herstellung ihrer Währung mache es den USA aber möglich, sich ihren „gigantischen Rohstoffverbrauch“ leisten zu können. Vor geraumer Zeit habe sich Libyen vom Dollar abgewendet, „da musste Gaddhafi weg“, sprach Niemann Tacheles. „Auch die Chinesen spielen dieses Spiel“, den Dollar zu umzugehen. Auf Assad jedenfalls könnten weder die Russen, die traditionell eine enge Beziehung zu den arabischen Staaten und vor allem zu Syrien pflegten, noch die Amerikaner verzichten, spannte er den Bogen weiter. Wenig Vertrauen zeigte er in die Dauer des vereinbarten Waffenstillstands dieses Konfliktes, der vom Westen sowohl „verschlafen, als auch „provoziert“ worden sei. Wie Niemann anhand einer ganzen Liste „gebrochener Versprechungen“ aufzeigte, sei Russland schon „im Vorfeld getäuscht“ worden: u.a. im Libyen-Konflikt, bezüglich der NATO-Ausweitung in die GUS-Staaten, oder die globale Überwachung durch die NSA. Richtig sei aber auch, dass Putin auf der Krim Verträge gebrochen habe. Nur „wer soll es ihm sagen?“, erinnerte Niemann an die nicht so lupenreinen Rollen des Westens unter anderem im Kosovo oder auf dem Balkan. „Putin kann auf die Krim nicht verzichten“, betonte er. Russland habe für Sewastopol, Hauptstützpunkt der Russischen Schwarzmeerflotte, einen Pachtvertrag, der in 15 Jahren auslaufe und Putin denke langfristiger als deutsche Politiker. Und auch am Bosporus gehe es nicht nur für die Türkei „um alles“, sondern für Russland um den Zugang zum Mittelmeer, weshalb Niemann einen Krieg für möglich hielt.

Als „problematisch“ bezeichnete er die Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen, „weil uns die Russen eigentlich gar nicht mehr brauchen“, während sie für uns, unter anderem wegen der Rohstoffe, „ein guter Partner der Zukunft“ seien. Aber auch unproblematische Verbindungen stellte Niemann fest: „Wir sind hier viel russischer als Sie denken“, nannte er Philosophie, Existenzialismus, klassische Musik oder auch Literatur, die „stark von russischer Kultur durchzogen sind“.

Christine Tröger

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