Tragisch-komisches Stück:

Hauptsache Arbeit!

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Für den Erhalt ihres Arbeitsplatzes sind sich die Angestellten für nichts zu schade und entblößen sich auch nicht nur im übertragenen Sinn: Eine Unterhaltungsratte mit Akkordeon (v.l., Susanne Betz), Motivationstrainer-Ratte (Wolfgang Hebenstreit), Angestellte (Sabine Henle) und zwei ihrer Arbeitskollegen (Rainer Lenzenhuber und Ulrike Rogg).

Kempten – Zwar steht hinter Sybille Bergs Theaterstück „Hauptsache Arbeit!“ ein klares Ausrufezeichen. Ein Fragezeichen stellten aber wohl die meisten Zuschauer spätestens am Ende der Aufführung im vollen Kemptener TheaterOben hinter den Titel.

Und das bestimmt nicht wegen der Qualität des Stückes, der Inszenierung von Josef Faller oder der schauspielerischen Leistungen des Ensembles „Allgäu-Pfeffer“ – ganz im Gegenteil. Vielmehr hinterließ die bitterböse Satire dieses beklemmende Gefühl: Hauptsache Arbeit – wirklich um jeden Preis? Bitterkeit, (Selbst-)Zerstörung, Erniedrigungen, Sadismus und Masochismus dominieren die Angestellten eines Versicherungskonzerns – der Preis dafür, beim Konsumterror den Anschluss nicht zu verpassen, die omnipräsente Verlustangst zurückzudrängen, sein vermeintliches Sicherungsnetz aufrecht zu erhalten. 

Schauplatz ist ein Vergnügungsboot, auf das der vom Erfolgskick emotional bereits völlig abgestumpfte, machtbesessene Chef (Christoph Müller) seine Angestellten zur Betriebsfeier – mit verordnetem Froh- und Gemeinschaftssinn per se ein für viele schreckliches Szenario – eingeladen hat. Drei Ratten sorgen für die passende Atmosphäre an Bord: zwei musikalisch (Susanne Betz am Akkordeon und Gabriele Sodeur an der Flöte) sowie – besonders perfide – eine als Motivationscoach (Wolfgang Hebenstreit). Mit ihren galligen Kommentaren gießen sie immer wieder Öl ins Feuer – „wer normal ist, ist am grusligsten“. Natürlich wagt es keiner zu fehlen oder gar den Anschein zu erwecken, sich nicht zu amüsieren. Und natürlich geht es nicht ohne Betriebsfestrituale, sei es der Suff oder Anzüglichkeiten. 

 Das Fest ist Spiegel einer auf Effizienz getrimmten und von Sinnlosigkeit geprägten, nur durch Selbstbetrug funktionierenden Arbeitswelt – „Ich arbeite gerne!“, „Ich verdiene gerne weniger“ –, die kaum Raum für das individuelle, eigentliche Leben und menschliche Wärme lässt. Nichts ist entwürdigend genug, um nicht für den Erhalt des Arbeitsplatzes eingesetzt zu werden.

 Besonderes Spiel 

Wie Tiere, die zur Schlachtbank geführt werden, lassen sich die Angestellten von ihrem testosterongeschwängerten Chef – „Ich habe Probleme Kleidung zu finden, die meine Genitalien nicht zu stark betonen“ – gegeneinander ausspielen. Dass er zwischendurch immer mal wieder seine Mitarbeiterinnen vergewaltigt – zuvor werden sie noch entpersonalisiert, indem er ihnen eine Tüte über den Kopf zieht – reicht seiner Machtbesessenheit offensichtlich nicht. 

Zur Betriebsfeier hat er sich für seine Untertanen ein besonderes Spiel ausgedacht: Zum Wohle der Bilanzen stehen Entlassungen an und jeder bekommt hier und jetzt die Chance, ihn von seinem Nutzen für das Unternehmen zu überzeugen. Wer wird am Ende des Wettlaufs um den zum Lebensinhalt – oder auf skurrile Art zum Lebenserhalt – gewordenen Arbeitsplatz das Ziel wohl erreichen? Ist es die fast schon „ausgestiegen“ wirkende Blondine (Anna Hindelang), die sich an den Alkohol klammert? Ist es die allmählich alternde Mitarbeiterin (Beate Schmid), die seit Jahren davon träumt, dass ein Inder plötzlich in der Tür steht und sie aus ihrer kleinen Hölle erlöst? Ist es die Kollegin (Sabine Henle), die sich weisungsergeben auch vor allen auszieht? Ist es der Biedermann (Rainer Lenzenhuber), der durch die Ersatzbefriedigung Internet das Gefühl hat zu leben? Ist es der einst tief abgestürzte Kollege (Ulrike Rogg), der sich den auszehrenden Arbeitsplatz als Rettung schönredet? Oder ist es der junge Aufsteiger (David Welz), der sich mit Marathonläufen fit hält und sich mit Hilfe seiner Gitarre noch ein Stückchen Identität bewahrt? 

Der Konkurrenzkampf gipfelt schließlich im Angsthasenspiel, bei dem sich die Kollegen gegenseitig mit Stromschlägen quälen und – endlich – auch einmal ein Gefühl der Macht zu spüren bekommen: Die Macht, den „Spielpartner“ dabei eliminieren zu können. Am Ende der erbarmungslosen Tretmühle aus (Selbst-)Ausbeutung, Angst, Erniedrigung und Gehorsam steht für die „Sklaven“ wie ihren Treiber der Selbstmord und gute zwei Stunden nach Beginn der rabenschwarzen Tragikomödie gehört das Ruder den Ratten. Das Premierenpublikum bedankte sich für die rundum gelungene Aufführung mit lang anhaltendem, begeisterten Applaus. Christine Tröger

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