Heute fast vergessen – Franz Weiß

Der schaffensreiche Kunstmaler hat nicht nur in Kempten seine Spuren hinterlassen

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Plakatmotiv der 1. AllgäuerFestwoche..

Wer heute mit offenen Augen durch Kempten geht, kann noch an etlichen Gebäudefassaden, Innenhöfen sowie an Plakatwänden die kreative Hand des überaus schöpferischen Kunstmalers Franz Weiß erkennen.

Lesen Sie hier den 2. Teil (Teil 1 siehe Ausgabe des Kreisbote vom 12. Februar 2020)

So finden sich im Hofgarten, am Hildegardplatz, im Stadttheater, am Rathaus, am Verwaltungsgebäude und noch an etlichen Gebäuden der Stadt Gemälde, Sgraffito und Reliefs, die aus Weiß‘ Hand stammen. Es ist ihm zu verdanken, dass oft sterile Hausfassaden ein lebendiges Gesicht erhalten haben. Sehr geschätzt waren auch seine Tätigkeiten für viele Werbegrafiken und seine Plakatentwürfe. Schon die künstlerische Gestaltung der ersten Festwoche im Jahr 1949, mit den dazugehörigen Plakaten und der Titelseite des Kataloges mit dem tanzenden Pärchen stammen aus seiner Feder. Dieses Pärchen war auch in den folgenden Festwochen mit leichten Abwandlungen immer wieder das Markenzeichen der Festwoche. Bei der ersten Festwoche war es besonders die einheitliche Gestaltung des ersten Festwochenumzuges, dessen anerkannt hohes Niveau auf Franz Weiß zurückging. Sogar der Entwurf für die Uniformen der 1949 wieder gegründeten Stadtkapelle geht auf seine Ideen zurück. Auch bei den späteren Festwochen hatte Franz Weiß maßgeblichen Einfluss auf die Gestaltung von Motiven und Katalogen. Dabei war sein Motto: „Jedes Jahr eine künstlerische Überraschung für die Festwoche.“ 

Deswegen haben er und seine Mitarbeiter ungeheuer viel Zeit und Mühe in die Vorbereitungen dazu investiert. Insgesamt hat Weiß bei 30 Festwochen maßgeblich künstlerisch mitgewirkt. Nicht nur hier konnte er zeigen, was man oft mit einfachen Mitteln machen konnte, wenn man sein Handwerk versteht. Dabei pflegte Weiß zu sagen: „Mit viel Geld kann man alles machen, aber mit wenig das Gleiche erreichen, das ist die Kunst.“ Diese zeigte sich auch bei der Organisation und der Gestaltung des Stadtnikolauses und dem Stadtchristkind, die Franz Weiß initiierte und auch für das Jahr 1949 aus eigener Tasche finanzierte. Als Franz Weiß diesen Umzug ins Leben rief, sollten besonders jene Kinder, die aus ihrer Heimat flüchten mussten, deren Väter im Krieg gefallen oder noch in Gefangenschaft waren, mit einem kleinen Geschenk getröstet werden. Der Kunstmaler sorgte nicht nur für die notwendigen Geschenktüten, sondern auch für die Kostüme des Nikolauses und seiner vielen Begleiter. Die Ausstattung der Sternreiter und Bläser mit Engelsflügeln stellte

Franz Weiß mit seinen Helferinnen Rita Eckart (seiner späteren Ehefrau) und Evi Grimm in mühevoller Kleinarbeit in seiner Werkstatt selber her. Am 7. Dezember 1949 ritt um 17.55 Uhr dann zum ersten Mal Bischof Nikolaus ab der Bodmanstraße 46, dem Wohnort des Kunstmalers, mit fünf Engeln und Bläsern, die auf Trompeten zweistimmige Weihnachtslieder spielten, hinter motorisierter und berittener Schutzpolizei durch Kempten. Wenige Wochen nach dem ersten Umzug des Stadtnikolauses im Jahre 1949 begann mit viel Unterstützung unentgeltlicher Helfer der erste Umzug des Stadtchristkindchens, der am 24. Dezember, also am Heiligen Abend des Jahres 1949 erstmals stattfand. Dieser Umzug ging ebenfalls auf die Initiative des Kunstmalers Franz Weiß zurück. Der „Vater des Stadtnikolauses“ sorgte auch hier für die Ausstattung des Christkindes mit einem selbstgenähten Kleid, hinter dem ein großer Strahlenkranz aus Goldpapier leuchtete. Schon in den 1940er-Jahren erwarb er vom Allgäuer Brauhaus das Gebäude der Bavaria in der Bodmanstraße 46. 

Im ersten Stock dieses Hauses hatte er seine Privatwohnung,während er in den nebenstehenden Räumen sein erstes Atelier einrichtete. Zusätzlich standen ihm im Erdgeschoss zwei weitere Räume als Werkstatt zur Verfügung. Ab den 1950er-Jahren erwarb er noch das Weidach-Schlössle, das sich damals in einem ähnlich erbarmungswürdigen Zustand befand wie heute. Jede freie Minute nutzten er und seine Mitarbeiter, um das Gebäude in jahrelanger Arbeit innen und außen zu renovieren und es nach seinem Geschmack in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Weiß hatte dort sein Atelier und drei Appartements eingerichtet. Selbstverständlich stammten auch die Entwürfe für die Gemälde an den Außenseiten des Schlössles aus seiner Hand, die er und seine Mitarbeiter dann dort anbrachten. Nach dem Tod von Franz Weiß blieb das Gebäude unbenutzt. Wie es mit dem historisch wertvollen Gebäude weitergeht, ist bisher noch ungewiss. Weiß arbeitete aber nicht nur in Kempten, er übernahm auch Aufträge in München bei der Ausgestaltung einiger Säle im Hofbräuhaus, in Ludwigshafen, im Hofbräuhaus in Regensburg, in Frankfurt, in Konstanz, Augsburg, Bad-Wörishofen, Isny, Füssen, Immenstadt, Wangen, in Fall bei Bad-Tölz, ja sogar in Österreich in St. Gilgen und Linz waren seine Arbeiten sehr geschätzt. 

Dank seines Meistertitels im Malgewerbe durfte er auch Lehrlinge ausbilden. In den vielen Jahren seines Schaffens hat Weiß weit mehr als 80 Lehrlinge ausgebildet, von denen er einen kleinen Stamm von Mitarbeitern in seinem Atelier viele Jahre lang beschäftigte. Er hat seinen jungen Mitarbeitern/innen und Künstlern/innen nicht nur versucht, seine handwerklichen Fähigkeiten weiterzugeben, sondern auch ein künstlerisches Ethos zu vermitteln. Aus seinen ehemaligen Lehrlingen gingen bekannte Künstler, wie Kunstmaler, Grafiker, Kirchenmaler, Chefdekorateure, Karikaturisten und Restauratoren hervor. Darunter der Grafiker und spätere Karikaturist Manfred Küchle aus Dietmannsried, der den „Balthes“ für die Kemptener Tageszeitung zeichnet. Neben seinen künstlerischen Fähigkeiten bewies Franz Weiß auch eine gehörige Portion Geschäftstüchtigkeit. Im Jahr 1967 gründete er zusammen mit dem Kemptener Malermeister Horst Jochum das „Studio für malerische Raumgestaltung“. Beide hatte sich bei der Übernahme gemeinsamer Malaufträge bei der damaligen Firma „Edelweiß“näher kennen und später sehr schätzen gelernt. 

Sie hatten aber schon ab 1961 zusammengearbeitet, als beide die damals noch relativ neue Idee realisieren wollten, künstlerisch gestaltete Werke im Siebdruckverfahren herzustellen. Dabei kreierte Franz Weiß viele interessante Motive, die sie dann im „Studio“ mittels Siebdruckverfahren realisierten. In den Jahren ab 1970 bis zum Tode von Franz Weiß im Jahre 1982 entstand eine umfangreiche Produktpalette, die von „Allgäuer Borten“ für Holzverkleidung, über Allgäuer Kassetten und Füllen zur Decken-, Türenund Schrankgestaltung, Zierspiegel und Kassetten auf wertvollem Textilmaterial reichte. Eine besondere Idee ging von Horst Jochum aus, dessen Kinder beim zu Bett bringen öfters die Eltern bettelten, das Zimmerlicht anzulassen. Daher kam er auf die Idee, Leuchtbilder mit verschiedenen Kindermotiven herzustellen. Die Motive der Bilder, die beim Ausschalten der Zimmerbeleuchtung noch eine ganze Weil nachleuchteten, kamen ebenfalls von Franz Weiß. Für seine künstlerischen Tätigkeiten erhielt Franz Weiß am 15. September 1980 aus den Händen des damaligen Bayerischen Kultusministers Prof. Hans Mair, „Das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschlands“. 

Franz Weiß, der zweimal verheiratet war, aber keine eigenen Kinder hatte, starb am 2. Juni 1981 im Alter von 78 Jahren in Kempten. Er ist auf dem katholischen Friedhof in Kempten beigesetzt. Bis kurz vor seinem Tod war Weiß nicht nur künstlerisch tätig, sondern bildete auch noch Lehrlinge aus. Sein letzter Lehrling, Gebhard Eyerschmalz, absolvierte von 1978 bis 1981 bei Weiß eine Lehre als Dekorationsmaler. Und obwohl immer mehr Bilder von Franz Weiß verschwinden, gibt es noch Personen und Einrichtungen, die ein Interesse daran haben, dass die Gemälde von Franz Weiß erhalten bleiben und nicht einfach übermalt werden. Es kann fast als eine Ironie des Schicksals gesehen werden, dass Gebhard Eyerschmalz und sein Sohn Maurin vor kurzem noch ein Wandgemälde im Margaretha- und Josephinenstift restaurierten, das aus der Hand von Weiß stammt, und Dank dieses Engagements der Nachwelt erhalten bleibt. Vier Leuchtbilder des Malers Franz Weiß. 

Dr. Willi Vachenauer

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