Existieren, vergehen, auflösen

In "Schattenräume" zeigt Horst Heilmann auch eine schonungslose Offenlegung seiner Person

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Der Mensch in Auflösung begriffen: Sterbende auf ihrem Totenbett sind, genauso wie das Totenheer und der Totentanz, Motive, die sich in der Kunstgeschichte zu beinahe allen Zeiten finden. Horst Heilmann nähert sich dem Thema mit dem ihm eigenen suchenden Pinselstrich an.

Kempten – Ein Skelett, der Sensenmann auf dem Pferd, mit den Apokalyptischen Reitern und begleitet von einem Schatten, der bedrohlich weit über ihn hinausragt.

Daneben die Studie eines Pferdeschädels, längst in Auflösung begriffen. „Der Totentanz, das Totenheer, das sind Motive, die in der Kunstgeschichte eine wunderbare Tradition haben“, sagt der Künstler Horst Heilmann.

Es sind düstere Bilder aus Acryl und Kreide, trotz eines kräftigen Blaus oder Rots, das sich in den Figuren spiegelt. Auch die Stadtansichten strahlen eine bedrückende Aura aus, daneben ein seltenes Element: grüne Berge, eine Landschaft mit gelb-lilafarbenen Horizont. Es seien immer wieder ähnliche Themen, die ihn, genauso wie auch viele andere Menschen bewegen, sagt Heilmann. Existieren, vergehen, auflösen – in aller Abstraktion. Zeiten des Übergangs, die Momente der Dämmerung, wenn man durch eine Stadt läuft und es plötzlich Nacht wird, konkretisiert er anschließend. „Schattenräume“, der Titel der Ausstellung, den versteht Heilmann als ein „Sammelbegriff“ für all jene Empfindungen, die in solchen Momenten zum Vorschein kommen. 

Der Antrieb eines Künstlers
Auflösung, Abschiede, Vergehen. Das sind die Elemente, die in den neueren Werken auffallen. Er thematisiert das eigene Älterwerden, Todesfälle im Freundeskreis. Er müsse seine „Kräfte nüchtern betrachten“, sagt Heilmann und auch mal eine Pause vom Schaffen nehmen, gerade, wenn er wie zuletzt eingespannt war in Konzeption und Vorbereitung seiner Ausstellung. Viele seiner Arbeiten haben keinen Titel, andere haben einen, der als eigentständiges Element ins Bild integriert ist. „Wenn ich mich entscheide – wenn es sich für mich so anfühlt, dass ein Bild fertig ist, ergibt sich manchmal spontan ein Titel.“ Das passiere in der Reflexion dessen, was er während der Arbeit an diesem Bild gedacht und empfunden habe, erklärt Heilmann. „Manchmal habe ich dann Worte gefunden, um meine Gedanken zu fixieren.“ Seine Bilder seien Veränderungen unterworfen, die sich aus Unterschieden in der Leistungsfähigkeit ergebe, aber auch Veränderungen in der eigenen Stimmung schlügen sich auf den gesamteindruck nieder. Es sei deshalb „immer gut, wenn man Bilder in einem größeren Kontext zeigen kann“, sagt Heilmann. Ein einzelnes Bild sei lediglich eine Mikroeinsicht ins Wirken eines Künstlers. Dass Heilmanns neue Ausstellung nicht nur die letzten Jahre seines Wirkens abdeckt, sich stattdessen immer wieder Rückgriffe auf Werke aus den Neunzigerjahren erlaubt, macht es dem Betrachter möglich, Heilmanns künstlerisches Wirken in einem größeren Bild, beinahe als Gesamtwerk, zu betrachten. Damit funktioniert die Ausstellung nicht nur als ein Rückblick auf die Entwicklung einer der bekanntesten Kemptener Künstlers, sondern auch eine schonungslose Offenlegung seiner Person. Dass ein Künstler durch sein künstlerisches Tun auf sich selbst zurückgeworfen werde, zur Innenschau gezwungen sei und gleichzeitig sich mit diesen intimen Innensichten einem Publikum stellt, ist in vielen Künstlerbiographien nachzuvollziehen. Der Umgang mit dieser Notwendigkeit, die sich schon aus dem ergibt, was Malerei, gar Kunst im allgemeinen, sein will, sind freilich unterschiedlich. Heilmann wirkt zufrieden mit diesem Aspekt der künstlerischen Tätigkeit. Mehr noch: Dieses Entblößen, die Lust daran, „sich selbst in einem Bild zu erkennen“, eine Bildsprache zu entwickeln, die die eigene Gefühlswelt widerspiegle, sich im künstlerischen Tun neu kennenzulernen, nennt er seinen Antrieb, sich immer wieder auf Neue ans Werk zu machen.

Der Zweifel eines Künstlers
Manche Künstler suchen den Kontakt zu anderen, manche organiseren sich in Verbänden oder Kollektiven. Heilmann bezeichnet sich aber als „Einzelgänger“. Er bevorzuge es, seinen künstlerischen Weg allein zu gehen, selbst wenn ihn dieser einmal in eine falsche Richtung führe. „Wenn ich dann mit einem Bild eine falsche Abzweigung einschlage, dann ist das auch eine wichtige Erfahrung“, sagt er. Er mache zunächst alles – Fragen der Thematik, der Qualität – „mit mir selbst aus.“ Diese Herangehensweise öffnet Zweifeln am eigenen Werk Tür und Tor. Er habe deshalb„Schlüsselblätter“, wie er sie nennt, in Verwendung, die er herauszieht, wann immer er wegen der Qualität eines Bildes unsicher ist. Es sind alte, eigene Vergleichswerke, anhand derer er die Qualität eines neuen Werkes einzuschätzen versucht. „Die Entscheidung, wann ich ein Bild abgeschlossen habe, ist eine emotionale“, sagt er. Er wolle sich dann erst einmal „hinter die Bilder zurückziehen und den Mund halten.“ Wenn dann über eben dieses Werk ein Kommunikationsvorgang in Gang gesetzt wird, wenn ein Betrachter etwas persönlich Betreffendes in Heilmanns Bildern wiederfindet, dann sei ihm gelungen, ein Bild als Vehikel seiner Gefühlswelt einzusetzen – ein Kennzeichen für Erfolg. 

Ein Künstlerleben
Es sei eine gute Entscheidung gewesen, „auf zwei Beinen zu stehen“, sagt Heilmann im Rückblick auf sein Berufsleben. Sein Beruf als Kunsterzieher – er unterrichtete u.a. am Allgäu-Gymnasium – hatte positive Effekte. Im Gegensatz zu vielen Künstlern, die auf Verkäuflichkeit ihrer Bilder achten müssen, darauf, den gegenwärtigen Trends des Kunstmarktes zu entsprechen, die sich selbst zu einer Marke gerieren müssen, konnte Heilmann sich „von diesem Druck“ befreien und sich einen eigenen Zugang zur Malerei suchen – unabhängig von Markterfordernissen. Ob sein Gesamtwerk anders aussähe, hätte er nicht diesen Weg gewählt? „Sicherlich“. sagt er, „der Druck, auf Verkäuflichkeit zu achten, ist auch Fremdbestimmung und verfälscht die Kunst. Viele Künstler müssen das aushalten, viele Künstler können das aber auch.“ 

Termine

Die Ausstellung „Schattenräume“ eröffnet am Sonntag, 2. Februar, und wird bis 29. März im Hofgartensaal der Residenz zu sehen sein. Öffnungszeiten sind Donnerstag und Freitag 14 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag 12 bis 18 Uhr. Führungen mit der Kuratorin Birgit Höppl finden an den Samstagen, 8. Februar, 22.Februar und 7. März statt, jeweils um 15.30. Der Künstler ist jeweils anwesend. Am Mittwoch, 12. Februar, ist die Ausstellung auch am Abend von 18 bis 21 Uhr geöffnet.


Martina Ahr

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