Meister der Miniaturen

Schausteller Otto Mayr baut eigenhändig Karusselle im Kleinformat

Karussellbauer Otto Mayr mit Miniatur-Fahrgeschäften.
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Der 85-jährige Karussellbauer Otto Mayr baut originalgetreu im Maßstab 1:10 seine Fahrgeschäfte nach.

Durach – Bei Otto Mayr lagert ein Schatz im Keller. Es sind die Karusselle aus fast 130 Jahren Schausteller-Dynastie. Eigenhändig im Maßstab 1:10 nachgebaut. Eine Handwerkskunst, die nicht mehr viele beherrschen. Das Fernsehen hat sich schon angekündigt.

Neben dem naturgetreuen Kettenkarussell steht „Die Spinne“, ein Fahrgeschäft für Erwachsene mit drehbaren Gondeln in Schrägstellung, daneben kommt die „Süsse Hütte“, in der sich unermüdlich die kleine Mandeltrommel dreht, dahinter macht das Kinderkarussell seine Runden und ganz in der Ecke versteckt sich noch ein weiteres kleineres Karussell. Jedes Detail ist Handarbeit. Otto Mayr hat das Blech gewalzt, hat die Nähte verschweißt, die Elektronik verlegt, die Holzfiguren geschnitzt und originalgetreu bemalt. Mindestens acht Stunden am Tag verbringt der Rentner täglich in seiner Werkstatt: „Wenn man ein Projekt hat, dann kann man manchmal gar nicht mehr aufhören.“ Schon als 14-Jähriger hat er sein erstes Miniatur-Karussell gebaut. Heute, mit 85 Jahren, ist Otto Mayr nicht weniger fasziniert.

Schausteller mit Tradition

Schon 1892 hatte der Großvater, ein Schuhmacher, ein Kinderkarussell erstanden, mit dem er bei den Brauereien und Wirtschaften am Wochenende ein „Zubrot“ verdiente, denn „die Schuster haben früher im Sommer wenig Arbeit gehabt“, so Mayr. Mit demselben Karussell verdiente sich auch der Vater, Johann Mayr, ein gelernter Schriftsetzer, ab den späten 1920er Jahren an den Wochenenden einen kleinen Zuverdienst. Doch mit der Zeit wurde das Karussell dann zum Hauptberuf – die Schaustellerfamilie Mayr war geboren. „Als Kinder sind wir immer von Ort zu Ort gefahren“, erinnert sich Mayr, das sei nicht immer schön gewesen, denn das „fahrende Volk“ sei nicht überall hoch angesehen gewesen. Der Zweite Weltkrieg zwang dann das Karussell vorübergehend zum Stillstand, doch mit den alliierten Amerikanern kamen Kinderfeste und andere Vergnügungen nach dem Krieg zurück ins Allgäu.

Einmal fast pleite

1956 wurde ein zweites größeres Fahrgeschäft angeschafft, was dem Vater zum Verhängnis wurde: „Die Spinne“ war durch das Platzgeld viel zu teuer und rechnete sich nicht. Um nicht pleitezugehen, mussten sie und das Kinderkarussell aus dem Jahre 1892 verkauft werden. Der ältere Bruder war bereits mit einer Schiffsschaukel selbstständig, er lieh Otto das Geld für ein Kettenkarussell. „Ein Gebrauchtes natürlich“, lacht er heute, „das musste ich erst noch renovieren.“ Damit hatte der Kemptener dann 1959 sein Debüt. Einige Jahre später kaufte er sich wieder ein altes Kinderkarussell, ein Ähnliches, wie das verlorene Karussell des Großvaters: „Damit das wieder im alten Lot ist“, meint der Karussellbauer, „denn das gehört zu einer Familientradition.“

Handwerker und Geschäftsmann

Auch Schießbuden kamen hinzu. Ab 1980 ersetzte die selbstgebaute „Süsse Hütte“, in der gebrannte Mandeln verkauft werden, dann die Schießbuden: „Das ist ein ziemlich rauer Betrieb mit den Betrunkenen auf den Volksfesten, die schießen wollen, da muss eine Frau wirklich viel Nerven haben.“ Und das habe seine Frau nicht mehr mitmachen wollen. Stetig sei es wirtschaftlich bergauf gegangen. In guten Zeiten habe er immer einen Notgroschen zurückgelegt. Reparaturen stets selber gemacht und dadurch viel Geld gespart. Zuletzt ist das Kettenkarussell aufwendig umgebaut worden, um den TÜV zu bekommen. „In einer Fabrik hätte der Umbau rund 450.000 Euro gekostet“, so Mayr, „aber wir haben es selber gemacht. Als Schausteller müsse man unternehmerisches Gespür haben und handwerklich sehr begabt sein. Das Kettenkarussell und die Mandelhütte betreiben mittlerweile die Söhne. Mit dem fast 100 Jahre alten Kinderkarussell ist Otto Mayr noch zweimal im Jahr selbst anzutreffen: Auf der Festwoche und dem Weihnachtsmarkt in Kempten. Doch das Schaustellergeschäft habe sich verändert, so der All-Rounder.

Der Schwan ist begehrt

„Die Leute erwarten heute immer gleich einen Europa-Park“, sagt der 85-Jährige, „das Karussell geht nur mehr, wenn es keine anderen Kindergeschäfte gibt.“ Und auch die Kinder seien heutzutage viel ungezogener, würden unter der Fahrt aufstehen oder ab- und aufspringen. Gleichzeitig seien die Eltern übervorsichtig und riefen bei jedem kleinen Kratzer die Rettung oder drohten mit Klage. Auch um den begehrten Platz im Schwan haben sich Eltern schon für ihr Kind geprügelt: „Ich kann das nervlich nicht mehr packen.“ Daher habe er seinen Enkeln auch abgeraten, die Tradition der Familie fortzuführen und Schausteller zu werden. „Ich sage, der Beruf hat keine Zukunft mehr.“ Und so widmet sich der Karussellbauer lieber seinen Miniatur-Fahrgeschäften. Momentan arbeitet er an der Weihnachtsdekoration für das Kinderkarussell. Der Bayerische Rundfunk ist bereits aufmerksam geworden und möchte Otto Mayr im neuen Jahr besuchen. Bis dahin bleibt der Schatz im Keller noch eine Weile verborgen.

Lena Fuhrmann

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