Das Schicksal der Co-Abhängigen

Wie Alkoholkranke und ihre Nächsten die Krise meistern können

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Für die Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe – Landesverband Bayern e.V. sprach der Psychotherapeut Dr. Endrik Marischka zu Betroffenen und deren Angehörigen zum Thema Co-Abhängigkeit.

Kempten – Im Fall einer Alkoholsucht steht nicht nur der Süchtige selbst unter der Macht der Droge Alkohol, sondern auch immer die nächsten Angehörigen, seien es Partner in einer Beziehung oder die Familienangehörigen.

In der Fachsprache werden diese Personen Co-Abhängige, respektive Co-Alkoholiker, genannt. Die Zahl von Co-Abhängigen wird in Deutschland auf rund acht Millionen geschätzt. Um Co-Abhängige darüber zu informieren, wie sie gemeinsam mit ihren süchtigen Angehörigen diese schwere Lebenskrise meistern können, lud vergangene Woche der Freundeskreis Kempten für Suchtkrankenhilfe Bayern e.V. zu einem Vortrag des Psychotherapeuten Dr. Endrik Marischka ein. 

Suchtdynamik 

Zu Beginn beschäftigte sich der Experte für Suchtkrankheiten mit der Suchtdynamik des Abhängigen. Am Anfang steht der erste Kontakt zu einer Droge wie Alkohol, der ein positives Gefühl wie Entspannung oder ein Glücksgefühl hervorrufen kann. Findet der Suchtgefährdete Gefallen an der Wirkung der Droge, wird er ein Konsummuster entwickeln, das heißt, zu bestimmten Anlässen und Uhrzeiten wird die Droge konsumiert. Treten die Folgeschäden der Sucht im Anfangsstadium noch nicht auf, wird die Toleranz für die Droge gesteigert – aus zwei „Halben“ werden vier „Halbe“. Zudem baut der Süchtige eine Beziehung zu seiner Droge auf, indem er z.B. das Bier einer speziellen Marke trinkt. In einer zweiten Phase der schädlichen Konsequenzen wird noch immer versucht, die positiven Stimmungsveränderungen der Droge zu erreichen. Es zeigen sich aber bereits erste Folgeschäden wie körperlicher Verfall und sozialer Abstieg. Die Droge übernimmt die Macht über den Körper und die Psyche des Süchtigen. Häufig kommt es jetzt zu aggressiven Entgleisungen, Gefühlsschwankungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Ängsten und Panikanfällen.

Körperlich setzt der Alkohol u.a. der Leber und dem zentralen Nervensystem zu. In der dritten Phase kommt es zu einem Kontrollverlust des Süchtigen. Anhaltend wird das Suchtmittel konsumiert, obwohl die negativen Wirkungen für den Süchtigen wie dessen Angehörige offenbar werden. Kann die Droge nicht konsumiert werden, kommt es zu körperlichen Entzugssyndromen. Allgemein steigt das „Craving“, also das Verlangen nach der Droge. In allen Phasen entwickelt und verstärkt der Suchtkranke die eigene Beziehung zur Droge. Sie ist entweder „Glücksbringer“ oder „Erlöser“. „Gleichzeitig verstärkt der Abhängige alle Abwehrmechanismen wie Leugnen oder Bagatellisieren“, so Dr. Endrik Marischka. Darunter leiden insbesondere Angehörige des Süchtigen. Diese vernachlässigen die eigene Entwicklung. Eigene Persönlichkeits-Potenziale verkümmern und nicht selten kommt es zu einer „Hass/Liebe“ zum Süchtigen selbst. Zudem versuchen Angehörige den Konsum der Droge zu kontrollieren, was in der Regel misslingt. 

Kernbotschaften

Innerhalb einer Partnerschaft oder eines Familienverbundes wird zumeist die Realität der Sucht-Entwicklung eines Abhängigen geleugnet. Nach außen darf niemand die Kontrolle verlieren und es wird kaum über negative Gefühle und Spannungen gesprochen. Die beste Methode, um an die wahren Ursachen einer Suchterkrankung zu gelangen werde häufig nicht bemüht – das gegenseitige, wirkliche Zuhören. Dr. Endrik Marischka richtet an die Co-Angehörigen die folgenden Kernbotschaften: 1. Co-Angehö- rige haben die Krankheit eines Kindes oder Angehörigen nicht verursacht, 2. der Co-Angehö- rige kann die Krankheit des Angehörigen nicht unter Kontrolle bringen, 3. die Suchtkrankheit kann nicht durch die Liebe des Co-Angehörigen geheilt werden und 4. der Co-Angehörige ist niemals allein und sollte deshalb andere um Hilfe bitten. 

Sich selbst mögen

Dr. Marischka sprach über die Aufgaben, die nach Erreichen der Abstinenz anstehen. Primäres Ziel müsse es sein, die Schäden zu verringern und zu korrigieren. Dass heißt, zum einen eine neue Kommunikation zu lernen und zu üben. Die Eigenverantwortung sollte gestaltet und ebenfalls geübt werden. Sofern im Verhältnis zum Partner oder Familienangehörigen noch Liebe vorhanden ist, sollten Gemeinsamkeiten gesucht werden. „In einer Partnerschaft wird die sexuelle Attraktivität mit der Zeit nachlassen, umso wichtiger ist es, andere Interessen zu teilen und zu pflegen“, erläuterte Dr. Marischka. Ex-Süchtigen wird empfohlen, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen und zu diesen zu stehen. Dabei müsse gelernt werden, auch mit negativen Gefühlen wie Angst und Einsamkeit umzugehen. Wichtig ist es auch eine freundliche Beziehung zu sich selbst zu entwickeln. 

Jörg Spielberg

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