"Das Café hat mein Leben geprägt"

Schlössle-Café in Kempten ist bald Geschichte

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Das Schlössle-Café ist ab Ende Mai Geschichte. Wie es dann beruflich für das Wirtsehepaar Elisabeth und Heiko Strauch weitergeht, steht noch in den Sternen.

Kempten – Für die einen ist es eine Art zweites Wohnzimmer, für die anderen die Existenz. Mit beidem ist Ende Mai Schluss. Dann schließt das „Schlössle-Café“ in der gleichnamigen Passage. Für immer. Elisabeth und Heiko Strauch: „Wir hätten gern weitergemacht, so lang wir fit sind, mindestens bis zum Rentenalter.“ Das Leben ist kein Wunschkonzert. Die benachbarte Metzgerei braucht mehr Platz. Die Strauchs müssen sich ins Unvermeidliche fügen. Vor dieser Aufgabe stehen auch viele Stammgäste. „Wohin sollen wir dann?“

Alles hat ein Ende, auch das klassenlose Café für alle Klassen. Ob Arbeiter oder Akademiker, alle kamen und kommen ins Schlössle. Manche Familien gleich mit drei Generationen auf einmal. Vermutlich waren einige Kemptener schon im pränatalen Stadium vor Ort. Kürzlich rief ein ehemaliger Stammgast an, der von der Schließung erfahren hatte: „Ich muss unbedingt meinen Kindern zeigen wo ich als Schüler immer war.“ Oder die Berlinerin, die ihren Lebensabend in Kempten verbrachte. Eine leidenschaftliche Genussraucherin, die das Rauchverbot hart traf. Nachdem sie mit 95 Jahren gestorben war, schickten die Angehörigen einen Brief und bedankten sich: „Sie waren stets ein Anker im Leben von ...“ Da ist die Oberallgäuerin, deren Tochter in Nordhessen lebt: „Immer wenn sie zu Besuch im Allgäu ist, gehen wir ins Schlössle-Café.“ Die Beziehung zwischen Gastgebern und Gästen ist/war oft mehr als eine reine Geschäftsbeziehung. Es entstanden Freundschaften.

Dabei war der Start ein bisschen holprig. Kaum hatten die Strauchs „das Lammers“ übernommen, um es ab Januar 1989 als Schlössle-Café weiterzuführen, waren sie schon einen Monat später mit einem fulminanten Wasserschaden konfrontiert. Polizei, Feuerwehr, das volle Programm. Als alle geknickt waren und überlegten, das Café für einige Tage zu schließen, da verkündete die Bedienung Vroni Reichl: „Das packen wir auch so.“ Gesagt, getan. Vroni Reichl nennt Heiko Strauch stellvertretend für „die vielen guten Mitarbeiter die wir im Lauf der Jahre hatten. Man braucht Leute, die die Arbeit sehen und ihr nicht aus dem Weg gehen“.

Eine Küche ohne modisches Herumgehampel, wie bei Muttern halt, das wissen offensichtlich Menschen selbst im achten oder neunten Lebensjahrzehnt noch zu schätzen. Während unter der Woche Berufstätige die Mehrheit der Mittagsgäste bilden, kommen samstags überwiegend Herrschaften im gesetzteren Alter. Es gibt wahrscheinlich nicht mehr viele Lokale, in denen ein inzwischen exotisches Gericht wie Kartoffeln mit Spinat und Spiegelei angeboten wird. Im Schlössle-Café auch beliebt: Rindsrouladen und Sauerbraten, der auf der Zunge zergeht, selbstgemachter Kartoffelsalat und Bratkartoffeln.

Ein wenig Zeitgeschichte. Heiko Strauch erzählt anschaulich von Kindheit und Jugend in Berlin zu Zeiten des Kalten Krieges. Er bedauert, dass man zwar Fakten rüberbringen könne, „nicht aber wie wir uns damals gefühlt haben“. Stichworte Frontstadt, Mauerbau, Schießbefehl, Mauertote, Schikanen auf den Transitstrecken zwischen Westberlin und „Westdeutschland“. Für heutige Jugendliche ist das ungefähr so weit entfernt wie der Dreißigjährige Krieg.

Als sich der junge Heiko ausgerechnet kurz vor Weihnachten auf den Weg ins Allgäu machte, Ankunft in Kempten am 24. Dezember 1972, „da war die Mutter stinksauer“. Immerhin hatte Heiko eine sehr gute Ausbildung absolviert, eine Kellnerlehre im „Kempinski Hotel Bristol“, das von der Eröffnung 1952 bis in die Siebzigerjahre hinein das einzige Hotel der Luxusklasse in Berlin war. Dort traf man viele Schauspieler, Nobelpreisträger, Prominente. Einmal bekam

Heiko Strauch den Auftrag, den Playboy-Chef Hugh Hefner am Flughafen mit Sekt zu empfangen und ins Hotel zu geleiten. Willy Brandt und viele andere Größen, Strauch hat sie alle bedient. Einige seiner gastronomischen Stationen in Kempten: Futterkrippe, Tenne, Peterhof, Kastaniengasse. Elisabeth Strauch, die gebürtige Allgäuerin, arbeitete nach einer kaufmännischen Lehre im Textileinzelhandel bei einer Bank und einem Reisebüro. Danach dann der Gastronomie-„Quereinstieg“.

Alles muss raus

Ab Ende Mai ist das Schlössle-Café geschlossen. Dann haben Elisabeth und Heiko Strauch noch einen Monat Zeit. „Alles muss raus.“ Ein Gast hat sich einen Tisch und die zugehörigen Stühle reserviert. Ein halbrunder Tisch ist ebenfalls bereits vergeben. „Der kommt bei der Dame in die Küche.“ Für zwei Kronleuchter gibt auch schon einen Interessenten. Am Tag X werden die Räume, die fast 30 Jahre lang das Schlössle-Café waren, komplett leer sein. Und was bleibt? „Dieses Café hat mein Leben geprägt, die Herzlichkeit der Leute…“ Der Abschied fällt sichtlich schwer. maro

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