Ein Thema mit vielen Facetten

Schmerz lass nach! - PTA-Fortbildungstage in Isny

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„Multimodale Schmerztherapie“ ist bei chronischen Rückenschmerzen das Mittel der Wahl.

Isny – Das Thema „Schmerz lass nach“ hatte sich für die 41. Fortbildungstage für Pharmazeutisch Technische AssistenInnen (PTA) für die veranstaltende Naturwissenschaftlich-Technische Akademie (nta) in Isny einmal mehr als Volltreffer entpuppt.

Entsprechend voll war es bei den neun Fachvorträgen an zwei Tagen im Isnyer Kurhaussaal.

Kopfschmerz, Migräne, Rücken-, Tumor- und Nervenschmerzen von akut bis chronisch, Therapiemöglichkeiten, Schmerzmittelge- und -missbrauch sowie Schmerzmittelabhängigkeit standen auf der Agenda, aber auch ein noch so umstrittenes Thema wie der therapeutische Einsatz von Cannabis. Zu den häufigsten Schmerzen zählen die im Rücken und wohl kaum jemand hatte noch nicht damit zu tun – im Idealfall akut, viele Menschen allerdings chronisch. Letztere Variante steht statistisch bei den Gründen für Frühverrentung immerhin an dritter Stelle. Insgesamt belasten Rückenschmerzen das Deutsche Gesundheitswesen für Diagnose und Therapie mit stolzen 8,4 Milliarden Euro.

Für den Physio- und Manualtherapeut sowie Diplom-Sportwissenschaftler Dr. Claus Beyerlein stand der Einsatz von Schmerzmitteln jedenfalls nicht an erster Stelle einer Therapie, was er in seinem Vortrag zu „Chronischer Rückenschmerz und Schmerzmanagement“ auch begründete. Vielmehr sprach er sich für eine Reform des therapeutischen Handelns aus. So warb er für eine „Multimodale Schmerztherapie“, in der ein interdisziplinäres Team in einem Salutogenesen-Ansatz die Gesundheitskompetenz fördert und ein ressourcenorientiertes Training der Patienten im Vordergrund steht. Damit folgt er dem aktuellen Ansatz zur „Schmerz-Edukation“, wie ihn die International Association for the Study of Pain (IASP) und die Deutsche Schmerzgesellschaft (DGSS) verfolgen.

Zunächst aber stellte Beyerlein klar: „Es gibt keine Schmerzrezeptoren“, weshalb Schmerz sehr subjektiv und individuell sei. Im Unterschied zum akuten Rückenschmerz, den er mit einem vorübergehenden Schnupfen verglich, sei der chronische sehr „komplex und therapieresistent“. Der wesentliche Unterschied aber ist, dass der akute Schmerz eine Warnfunktion hat und sinnvoll ist, indem er den Körper auf einen schädigenden Reiz aufmerksam macht; chronische Schmerzen haben aufgrund eines Defektes ihren Sinn verloren, da sie durch Veränderungen im zentralen Nervensystem anhalten, obwohl die Schmerzursache längst verheilt ist. Dadurch wiederum werden verschiedene entzündungsfördernde Substanzen (z.B. Prostaglandin, Histamin und Glutamat) gebildet und freigesetzt, die den ursprünglichen Schmerzreiz verstärken und nicht nur zu ständigem Schmerzempfinden führen, sondern dieser sich auch auf benachbarte, ursprünglich unbeteiligte Körperareale ausdehnt.

Entsprechend unterschiedlich müssen laut Beyerlein die Therapien und ihre Ziele aussehen. So steht auf der einen Seite die Akutbehandlung der Schädigung durch Medikamente und/oder OP zur Ursachenbeseitigung mit Schmerzfreiheit einer Behandlung; auf der anderen der bio-psycho-soziale Ansatz der bei der eigenständig gewordenen Krankheit „Schmerz“ für Linderung, einen besseren Umgang mit den Schmerzen und eine Verbesserung der Lebensqualität sorgen soll.

„Es ist natürlich einfach, etwas einzuwerfen“, räumte Beyerlein ein, aber Patienten mit chronischen Rückenschmerzen „müssen lernen, etwas für sich selbst zu tun“ und Eigenverantwortung zu übernehmen. Dabei gelte es auch biologische (u.a. Entzündungen oder vegetative Störungen), psychische (u.a. Ängste, Sorgen, unterdrückter Ärger) und soziale (u.a. Stress, Konflikte, Arbeitsunfähigkeit) Komponenten mit einzubeziehen.

Als „nicht hilfreich“ sieht Beyerlein die oft zwar akribische, aber ebenso erfolglose Suche der Mediziner nach einer Schmerzquelle, da die dafür meist eingesetzten bildgebenden Verfahren von Röntgen bis MRT & Co. im Ergebnis teils irrelevante Daten und Informationen liefern und sich die Ergebnisse von Patienten mit chronischen Rückenschmerzen oft nicht von denen beschwerdefreier Menschen unterscheiden würden.

"Weg von der Bank, hin zur Aktivität"

Statt apparativer Diagnostik und unnötiger Therapien oder womöglich der häufig empfohlenen Bettruhe, „Massagen schon gleich gar nicht“, setzt Beyerlein auf Bewegungs- und kognitive Therapie. Ziel ist: „Weg von der Bank, hin zur Aktivität.“

Der „verbreitetste Irrtum“ sei Schmerz mit Gewebeschädigung gleichzusetzen, meinte er und berichtete von einer Surferin, die erst im Krankenhaus gespürt habe, dass ihr ein Hai den gesamten Arm abgebissen hatte. Dennoch seien „Schmerzen normal und reell“, denn wenn das Gehirn etwas als bedrohlich identifiziere, „produziert es Schmerz“. Aber: „Auch Gedanken und Überzeugungen sind Nervenimpulse.“ Lenke man Patienten vom Schmerzgeschehen ab, „kommt es zu Überlagerungen“ und der Schmerz trete in den Hintergrund. Man könne den chronischen Schmerz, nicht wie den akuten ähnlich einem Lichtschalter ausschalten, sondern „Sie müssen etwas hinzufügen“, wie zum Beispiel Sport. „Nur so können Sie das Monster bändigen“, gab Beyerlein den PTAs für die Patientenberatung noch mit auf den Weg.

Christine Tröger

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