"Glaube an den Menschen"

Schmutz, Gleichgültigkeit, verlorenes Gepäck: Aus dem KZ-Tagebuch von Jenö Kolb

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Der Mitherausgeber und Übersetzer Lajos Fischer präsentierte Ausschnitte aus dem Buch „Glaube an den Menschen“. Er hatte das Tagebuch des Kunsthistorikers Jenö Kolb entziffert und übersetzt, der im Konzentrationslager Bergen-Belsen inhaftiert war.

Kempten – Das Bergen-Belsen-Tagebuch von Jenö Kolb „Glaube an den Menschen“ erinnert an einen außergewöhnlichen Mann, der trotz Hoffnungslosigkeit und immerwährender Todesangst im Konzentrationslager Bergen-Belsen anderen Menschen Zuversicht und Halt schenkte.

Der Kunsthistoriker war Teil einer der erfolgreichsten und zugleich sehr kontrovers diskutierten jüdischen Rettungsaktion in der Geschichte des Holocaust. Im Rahmen des interkulturellen Herbst 2019 präsentierte letzten Freitag im Haus International der Mitherausgeber und Übersetzer Lajos Fischer dem Publikum nicht nur Ausschnitte aus dem Buch, sondern gab auch Informationen zu historischen Hintergründen. Jenö Kolb wurde 1898 als Sohn eines Textilhändlers in Sopran in Ungarn geboren. 

Er war als Soldat im ersten Weltkrieg an der russischen Front. Seit 1916 gab es die rechtliche Gleichstellung der Juden in Ungarn. Bis 1942 verliefen sein Leben und das seiner Familie in geregelten Bahnen. Gemeinsam mit seiner Frau und seiner Tochter kam Kolb 1944 mit einem Zug, der eigentlich nach Spanien und weiter nach Palästina fahren sollte, nach Bergen-Belsen. Als ungarische Juden wurden sie im „Ungarnlager“ untergebracht. Das Konzentrationslager war zunächst als Zivilinternierungslager gegründet worden, erklärte Lajos Fischer. 

"Austauschjuden"
Sogenannte „Austauschjuden“ wurden dort interniert, sie dienten zum Austausch gegen deutsche Zivilisten oder als Druckmittel bei der Beschaffung von Devisen und Rohstoffen und waren von der Vernichtung ausgenommen. Fast 1700 Menschen jüdischer Herkunft aus Ungarn waren dort inhaftiert. Die Lebensbedingungen der „Austauschjuden“ waren deutlich besser als die der KZ-Häftlinge, beschrieb Fischer die Lebensumstände der Gefangenen. So durften sie persönliches Gepäck behalten, ihre Zivilkleidung tragen und ihr kulturelles und religiöses Leben im Geheimen entfalten. Die Beschreibungen von Jenö Kolbs Tochter Shoshana Hasson-Kolb, wie sie ihren Vater erlebt hat, führen den Leser nahe an Kolb heran.

 Mit Bleistiftaufzeichnungen auf Papierfetzen, Karten und einzelnen Zetteln hatte er die Monate der Lagerhaft in Bergen-Belsen festgehalten. Die Schriftstücke waren teilweise schwer zu entziffern, versehen mit zionistischen und hebräischen Begriffen und auch Deckbezeichnungen oder Worte, die man nicht kannte. Dem Verhandlungsgeschick des Budapester Anwalts Rezsö Kasztner ist es zu verdanken, dass eine Gruppe ungarischer Häftlinge jüdischer Herkunft – die Kasztner-Gruppe – gerettet werden konnte. Im Austausch gegen Devisen und Waren, wie Rohkaffee wurden sie im August 1944 und im Januar 1945 in die Schweiz entlassen. In der Gruppe waren viele Rabbiner, jüdische Intellektuelle, Geschäftsleute, Waisenkinder, Flüchtlinge aus Nachbarländern und auch Familienangehörige von Kasztner. Eine Zusammensetzung, die die jüdische Gesellschaft selbst bestimmte, nach den Kriterien, wie „jüdisch-ungarische Intelligenz“, ältere Menschen, die sich verdient gemacht hatten und Kinder. 

Auch Jenö Kolb und seine Familie waren dabei. In Kastners Heimat Israel wurde die Rettungsaktion nicht gutgeheißen. „Ein Pakt mit dem Teufel“ so die vorherrschende Meinung, wie Fischer sagte. Jenö Kolb hätte sich nie in die Politik eingemischt, wenn es nicht richtig gewesen wäre, beschreibt ihn Herausgeber Fischer nach Aussagen der Tochter. Kolb habe die Hoffnung nie aufgegeben, er habe an den zionistischen Traum geglaubt. Er sei derjenige gewesen, der den Menschen Mut und Vertrauen zugesprochen hat. Sein Tagebuch, eines der umfangreichsten Häftlingstagebücher aus dem Konzentrationslager Bergen-Bergen beginnt am 30. Juni mit kleinen, kurzen Notizen, wie „Schmutz, Menschen aus der Ziegelei“, „Gleichgültigkeit in den Gesichtern“, „haufenweise verlorene Gepäckstücke“. Es ist eine wichtige Quelle über die Geschehnisse dieser Monate, erklärte Fischer. 

Zwei Zigaretten für ein gutes Wort
So geben die gelesenen Ausschnitte aus dem Buch bemerkenswerte Einblicke in den Alltag im Lager, etwa die Beobachtung einer wachsenden Tomate an einer kleinen Staude hinter dem Stacheldraht, die niemand aß, wie eine verbotene Frucht, die Überlegung, regelmäßige für den Geschlechtsverkehr bestimmte „Geschlechtstage“ zu institutionalisieren oder die Beschreibung einer verdorbenen Muschelsuppe zum Abendessen, „ein ekelerregender Geruch, wie eine Vagina und Hühnerrupfen“. Daneben finden sich zahlreiche Schilderungen, wie etwa die der Lagerinsassen, die um die Struktur einer demokratischen Selbstverwaltung stritten, wie sie sich in Diskussionen auf hohen intellektuellem Niveau über den Humanismus austauschten, religiöse Feiertage zelebrierten, eine Schule ohne Bücher und Schreibzeug organisieren. 

Es wurde sehr viel gelesen, erklärte Fischer, trotz der wenigen Bücher im Lager. So konnte etwa ein Gedichtband gegen Zigaretten ausgeliehen werden. Und auch gegen die Hoffnungslosigkeit versuchten sie sich zu helfen – „Zwei Zigaretten für ein gutes Wort“. Viele Dokumente dieses historisch bedeutenden Werks waren nur in ungarischer Sprache vorhanden. Lajos Fischer entzifferte und übersetzte die Aufzeichnungen ins Deutsche. In den nächsten Wochen wird das Buch im Wallstein-Verlag veröffentlicht. Die Tochter Shoshana Hasson-Kolb, die den Zugang zu den Aufzeichnungen ermöglicht hatte, wollte ihrem 1959 verstorbenen Vater ein Denkmal setzen. Er habe ihr die positive Weltsicht vermittelt, hatte sie Fischer in einem Gespräch erklärt. Die angeregte und teilweise emotionale Diskussion im Anschluss an die Lesung spiegeln die große Betroffenheit der Teilnehmer im Haus International wider und wie sehr sie aufgewühlt waren. 

Christine Reder

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