"Gib was du kannst, es wird jemand brauchen" – Hilfe für Schwerbehinderte

Schnell eingliedern mit "LASSE"

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Christian Kühn (Mitte) fühlt sich wohl an seinem neuen Arbeitsplatz bei der Johanniter-Unfallhilfe. Seit einem schweren Verkehrsunfall, bei dem er fast den linken Arm verlor, lebt Christian Kühn mit einer Behinderung. Ralf Holtzwart (li.), Leiter der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit, und Johannes Hintersberger (re.), Staatssekretät im Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration, besuchten ihn an seinem Arbeitsplatz.

Kempten – Christian Kühn ist ein ganz normaler Mann. Täglich pendelt der 33 Jahre alte Familienvater von Füssen nach Kempten zur Arbeit. In der Allgäu-Metropole arbeitet Christian Kühn als Telefonist im Service-Center der Johanniter-Unfallhilfe. Dass Christian Kühn heute ein normales Leben führt, ist nicht selbstverständlich, denn ein schwerer Autounfall machte aus dem agilen jungen Mann vor einigen Jahren einen Menschen mit Behinderung.

Nach Krankenhausaufenthalten und Reha-Maßnahmen gelang es ihm nicht in ein Berufsleben zurückzukehren. Doch schließlich hatte Christian Kühn Glück, wurde er doch in das Programm „LASSE“, eine gemeinsame Maßnahme der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit und des Bayerischen Arbeitsministeriums, aufgenommen. „LASSE“ steht für „Langzeitarbeitslose Schwerbehinderte Schnell Eingliedern“. Ziel der Maßnahme ist es, schwerbehinderte Menschen, die von Langzeitarbeitslosigkeit bedroht sind, durch individuelles Coaching wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln.

Durch eine enge Betreuung, die im Fall von Kühn der Integrationsdienst Schwaben übernommen hatte, konnte dieser bereits nach neun Monaten fit gemacht werden für eine Arbeitsstelle bei der Johanniter-Unfallhilfe in Kempten. „‚LASSE‘ hat mir den Rücken gestärkt“, sagt der 33-Jährige, der am vergangenen Mittwoch im Beisein von Johannes Hintersberger, Staatssekretät im Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration, und Ralf Holtzwart, dem Leiter der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit, bei einem Vor-Ort-Termin bei der Johanniter-Unfallhilfe Einblicke in sein neues berufliches Leben gab.

Dass die Tätigkeit dem Füssener große Freude und neues Selbstvertrauen bereitet hat und dass er diese ohne jegliche Einschränkung meisterlich erledigen kann, davon konnten sich die Vertreter der Presse und die Verantwortlichen der Inklusionsmaßnahme vor Ort selbst überzeugen.

Nicht nur Rollstuhlfahrer

„Eine inklusive Gesellschaft ist unser Ziel – das gilt natürlich auch für die Arbeitswelt. Dabei setzen wir auf maßgeschneiderte und vor allem ganz pragmatische Unterstützung bei der Suche nach einem Arbeitsplatz“, so Johannes Hintersberger. Maria Amtmann, die neue Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit Kempten-Memmingen, erläutert, wie ihr Haus über die IHK, HWK und andere Unternehmerverbände an Betriebe herantritt, um diese davon zu überzeugen, Menschen mit Behinderung auch bei sich eine Chance auf einen Arbeitsplatz zu gewähren.

„Oftmals glauben die Entscheider in den Unternehmen bei Menschen mit Behinderung handelt es sich ausschließlich um Rollstuhlfahrer, für die hohe Kosten bei einer etwaigen Arbeitsplatzgestaltung entstehen“, fügt die Arbeitsmarktexpertin hinzu. Hintersberger aber führt auf, dass die Art der Behinderungen stark variieren – manchmal ist es eine Sehschwäche, manchmal eine Amputation, manchmal eine kognitive Schwäche. „Zudem werden Unternehmen, die einen Menschen mit Behinderung einstellen, auch finanziell, zum Beispiel bei der Arbeitsplatzausstattung, unterstützt“, versichert der Staatssekretär aus München.

Normales Berufsleben

Hans-Peter Leinthaler vom Integrationsdienst Schwaben war der persönliche Integrationsberater von Christian Kühn. Noch rund sechs Monate nach Antritt der Stelle bei der Johanniter-Unfallhilfe begleitete er den jungen Mann hier und da bei der Integration in den Arbeitsalltag vor Ort in Kempten. Nun nach der erfolgreichen Wiedereinführung in ein normales Berufsleben ist Christian Kühn ein Mann, der für sich und seine Familie ein auskömmliches Einkommen erzielen kann. „Gib was du kannst, es wird jemand brauchen“, sagt Kühn, der es geschafft hat. Bisher nahmen rund 600 Menschen mit Behinderung an „LASSE“ teil, von denen 40 Prozent wieder in eine Vollzeitbeschäftigung gebracht werden konnten. Die gemeinsamen Investitionen vom Arbeitsministerium und der Bundesagentur für Arbeit in dieses Projekt belaufen sich auf 1,8 Millionen Euro. „Das ist dreifach gut investiertes Geld, denn durch einen möglichst hohen Beschäftigungsgrad von Menschen mit Behinderung entstehen der Volkswirtschaft geringere Kosten, von der täglichen Erfüllung, die Betroffene durch eine Arbeitsstelle erfahren, einmal ganz abgesehen“, so Hintersberger. Das Projekt „LASSE“ wird wegen seiner besonderen Bedeutung und seines Erfolges über das Jahr 2017 fortgeführt werden. 

Jörg Spielberg

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