Schöngeistiger Rabauke

Der Mann pflegt sein Image. Anstatt das kleine Treppchen auf die knapp einen Meter hohe Bühne auf dem Rathausplatz zu nehmen, schwingt sich der Freiherr Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg, abgestützt auf einem Arm, mit Verve auf das Podium. Dort geht die Show des CSU-Bundeswirtschaftsministers nahtlos weiter. Keine der üblichen Wahlkampfreden wolle er in Kempten halten, kündigt der dynamische Nachwuchs-Star in Merkels Kabinett an. Denn davon hätten die Menschen die Nase voll. Ein bisschen Wahlkampfrede wurde es dann aber doch.

Seit knapp sieben Monaten im Amt, und schon der umjubelte Stern am bundespolitischen Himmel. Der „Baron aus Franken“ ist wohl der Shootingstar der am 27. September auslaufenden Legislaturperiode. Als unbequem und ehrlich gilt er, seit er nicht nur im Zusammenhang mit Opel das böse Wort „Insolvenz“ in den Mund genommen hat. Einer der sagt, was die Leute denken. Und zu Guttenberg weiß um sein Image, das spürt man deutlich am Freitagnachmittag auf dem Rathausplatz. „Ich lasse mir nicht den Mund verbieten“, dröhnt er irgendwann von der Bühne herunter. An einer anderen Stelle sagt er: „Sie haben von uns zu erwarten, dass wir bis zum letzten Tag arbeiten“ oder spricht von „Demut“ gegenüber seinem Amt und davon, die Bodenständigkeit zu bewahren. „Denn eins darf nicht passieren: Man darf nicht abheben und es sich in seinem Amt bequem machen“, demonstriert er dann den auf dem Boden gebliebenen ehrlichen Makler. Sein Gerede von der Opel-Insolvenz verteidigt er natürlich auch. Er sei keineswegs der „Baron mit dem kalten Herzen“, als den ihn die Medien hingestellt hätten. „Die Insolvenz 2009 ist nicht mehr der Konkurs der 90er Jahre – sie kann auch Chancen bieten“, sagt er. Sein Nein zur Bereitstellung weiterer Steuergelder für die Rettung beispielsweise Arcandors erklärt zu Guttenberg ebenfalls. „Das reißt den künftigen Generationen den Boden unter den Füßen weg“, mahnt er. „Der Staat rettet keine Unternehmen, das muss das Unternehmen schon selbst machen.“ Einigen Managern und auch Politikern sei das aber wohl immer noch nicht ganz klar. Angriffe bleiben aus „Da habe ich wochenlang nur bunte Bilder vorgelegt bekommen, aber kein zukunftsfähiges Konzept“, spielt er auf die langwierigen Diskussionen um die Opel-Rettung an. Selbstkritisch gesteht er dann ein, dass auch er wie viele andere bei der Finanzkrise viel früher hätte hinschauen müssen. „Aber auch ich habe weggeschaut“, blickt zu Guttenberg zurück. Angriffe auf den politischen Gegner verkneift sich der Freiherr dagegen fast gänzlich. Nur einmal lässt er anklingen, dass es gefährlich sei, in der jetzigen Situation soziale Unruhen zu beschwören. Wen er damit meint, bleibt allerdings unklar. Die SPD? Die Gewerkschaften? Die Linkspartei? Auch wer der „der Diplomat aus Moskau“ sein soll, lässt er offen, meint aber Altkanzler Gerhard Schröder. Und die Union? Wofür steht die denn nun für die Zeit nach dem 27. September? Der Wirtschaftsminister bleibt diese Antwort weitestgehend schuldig. Stattdessen versteigt er sich – zugegebenermaßen charmant – in Allgemeinplätze. „2010 wird ein außergewöhnlich schweres Jahr werden“, kündigt der Minister an. Aber das weiß man auch ohne ihn. Auch im weiteren Verlauf seiner Rede bekommt man wenig Neues oder gar Zukunftsweisendes zu hören. Mittelstand, Handwerker und Landwirtschaft seien die Herzkammern der deutschen Wirtschaft, so zu Guttenberg. Okay, das muss man sagen, wenn man im Allgäu gewählt werden will. Also weiter: „Die Soziale Marktwirtschaft ist die Erfolgsgarantie der vergangenen Jahre“, fährt Guttenberg fort, womit er natürlich Recht hat. Und so geht es weiter. „Leistungsträger müssen wieder motiviert werden“, fordert er. Die kalte Steuerprogression („Das ist eine ungerechtfertigte Bereicherung des Staates.“) müsse weg, und an der Erbschaftssteuer und der Unternehmenssteuerreform müsse auch noch einmal gedreht werden. Nur in welche Richtung? Sein Ausblick endet optimistisch. „Es gibt keinen Grund, in Sack und Asche zu gehen“, ruft er den Zuhörern zu. Schließlich habe Deutschland in außergewöhnlichen Situationen immer außergewöhnliche Fähigkeiten bewiesen. „Hier hat das Herz eine Rolle gespielt, nicht eine andere Partei“, schließt er seine Rede.

Auch interessant

Meistgelesen

Bauchtanz, Ballett und Bastelei
Bauchtanz, Ballett und Bastelei
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Schüler zeigen Einsatz
Schüler zeigen Einsatz
Indien trifft Allgäu
Indien trifft Allgäu

Kommentare