Der schönste Arbeitsplatz der Welt

In der Zeit vom 3. bis zum 24. Dezember haben Maria und Franz normalerweise einen der schönsten Arbeitsplätze der Welt. Sie schauen dann über einen kleinen Wald mit unzähligen, schön gewachsenen, weiß überzuckerten Tannen auf die Nagelfluhkette. Der schneebedeckte Hochgrat liegt direkt in ihrem Blick. Romantisch ist ihre Umgebung und richtig weihnachtlich. Wenn man mit ihnen redet, kommt einem spontan der Gedanke in den Sinn, dass der Franz jetzt nur noch Josef heißen müsste, dann wäre alles perfekt.

Sechs Tage vor dem Heiligen Abend, es ist ein trüber Tag. Der Hochgrat ist nicht zu sehen und es schneit ganz leicht. Doch Franz Schönburger und Maria Joannone kümmert das Wetter nicht, sie sind in der Hochphase des Weihnachtsgeschäfts. Gemeinsam gehen sie durch die Baumreihen und Franz murmelt Zahlen vor sich hin. Er macht Inventur. Reihe für Reihe zählt er seine Nordmanntannen. „Es müssen so um die 400 Stück sein“, sagt er, „erst gestern wurden wieder 200 Tannen geliefert.“ Der rüstige Rentner aus Neuburg an der Donau lebt seit einigen Jahren in Lindenberg. Auf eine Anzeige hin hat er sich für den Christbaumverkauf an der Deutschen Alpenstraße beworben und jetzt betreut er schon im dritten Jahr den Verkauf der Tannen auf dem großen Platz am Ortseingang. Rund 50 Verkaufsstellen, vom Unterallgäu bis nach Innsbruck, unterhält das Memminger Unternehmen, für das er arbeitet. In der Woche vor Weihnachten wird täglich gezählt, es wird nachgeliefert und der Bestand an Weihnachtsbäumen wird zwischen den Verkaufsstellen ausgeglichen, damit jeder Platz immer eine große Auswahl anbieten kann. Heute muss Franz Schönburger das Zählen immer wieder unterbrechen, denn kurz vor Weihnachten zieht das Geschäft merklich an. „Wir haben nur ausgesuchte Bäume hier, ausschließlich Nordmanntannen“, erklärt er mir. „Der Preis beginnt bei 17,95 Euro und reicht dann bis etwa 48 Euro.“ Dann bittet er in den Wohnwagen am Rande des Platzes, da sei es wärmer sagt er und man könnte sich dort in Ruhe unterhalten. „Unser exklusivster Baum“, sagt Franz „ist eine wunderschön gewachsene vier Meter hohe Tanne, die zum Preis von 98 Euro angeboten wird.“ Schon sind die nächsten Kunden da und er muss wieder raus. Streit um Weihnachtsbaum Freundlich berät er das Paar, zeigt verschiedene Bäume und informiert. Dann ist die Wahl getroffen, der Baum wird handlich in ein Netz verpackt und Franz kassiert. Wie bei allen Kunden, wünscht der Christbaumverkäufer auch diesmal ein schönes Weihnachtsfest. Kaum sitzt er wieder am Tisch, kommt auch schon der nächste Kunde auf den Platz, zielstrebig läuft er die Tannenreihen entlang. „Der wird sich erst mal umschauen“, sagt Franz und bleibt gelassen am Tisch sitzen. Doch kaum zwei Minuten später ist der Mann zurück und klopft am Wohnwagen. In der Hand trägt er eine schöne Tanne, die etwas mehr als zwei Meter misst. Sofort ist der Franz bei seinem Kunden. Genau 31 Euro zahlt der schnellentschlossene Mann für seinen persönlich ausgesuchten Weihnachtsbaum. Während Franz den Baum verpackt, sagt der Käufer, Ulrich Hieble aus Scheidegg: „Ich habe nur ganz wenig Zeit, meine Tochter sitzt im Auto und wartet.“ Eine wirklich schön gewachsene Tanne hat er ausgesucht. „Den Christbaum, den besorge ich jedes Jahr“ sagt Hieble, „das Schmücken des Baums ist dann die Sache meiner Frau.“ Dann packt er seine Tanne, grüßt freundlich, verstaut den Baum im Auto und fährt davon. Nicht alle Kunden sind so unkompliziert. Wieder im warmen Wohnwagen, erzählt Schönburger eine Geschichte, die gerade zwei Tage zurückliegt. „Da hatte ich ein Pärchen auf dem Platz, die sind über die Auswahl des richtigen Baums in einen handfesten Streit geraten“, er schmunzelt bei der Erinnerung an das Erlebnis. „Ich bin dann einfach weg gegangen und habe den Beiden gesagt, ‘ich will bei eurer Trennung nicht Zeuge machen müssen’.“ Doch alles hat sich wieder geregelt und zu guter Letzt war sich das Paar wieder einig, sie haben dann doch noch ihren Christbaum gekauft. „Manchmal“, sagt Franz „sehen die Leute den Wald vor lauter Bäumen nicht.“ Überhaupt sei das Geschäft anders geworden, berichtet der Christbaumexperte, der auf einen Erfahrungsschatz von drei Jahren zurückblicken kann. „Die Leute sparen, auch beim Weihnachtsbaum.“ Schließlich seien die Bäume ja auch teuerer geworden, je nach Größe koste ein Baum im Schnitt fünf bis zehn Euro mehr als im vergangenen Jahr. „Die Wirtschaftskrise ist auch bei uns zu spüren.“ Er könne beobachten, dass die Leute kleinere Weihnachtsbäume kaufen würden, manche würden sogar ganz auf einen Baum verzichten, das sei bei den verkauften Stückzahlen spürbar. Nur wenn kleine Kinder im Haus seien, dann gebe es keine Diskussion, dann gehöre ein Christbaum eben einfach zu Weihnachten. Doch in den verbleibenden Tagen bis zum Fest, da ist sich Schönburger auf Grund seiner Erfahrung sicher, ziehe das Geschäft noch einmal stark an. Deshalb sind Franz und Maria auch am morgigen Mittwoch, 24. Dezember, bis um 14 Uhr da. So haben auch „Spätberufene“ noch eine Chance auf einen schönen Weihnachtsbaum. Wechselnde Farben Maria ist Italienerin, sie kommt aus den Abruzzen. Sie erzählt, dass sie ihren Baum dieses Jahr ganz in Gold schmücken wird. Im letzten Jahr hatte sie den Baum in Blau gehalten, doch sie mag die Abwechslung. Über die Farbe sind sich die beiden Baumexperten also einig, nur über den Zeitpunkt wann der Baum geschmückt wird, gibt es noch eine kleine Diskussion. „Ich möchte den Baum am Sonntag schmücken“, sagt Maria, „der Franz will aber erst am Dienstag.“ Doch Maria, die als Stationshilfe im Krankenhaus Lindenberg arbeitet, hat am Samstag, am Montag und am Dienstag Dienst. Sie kann ihrem Partner auf dem Platz nur dann Gesellschaft leisten, wenn sie frei hat. Für sie wäre der freie Sonntag der ideale Tag zum Schmücken des Christbaums.

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