Fachleute diskutieren in Kempten die Folgen aus der Einstellung der Substitution

"Eine schwere Erkrankung"

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Diskutierten darüber, wie es mit der Therapie von Drogenabhängigen weiter gehen könnte: Dr. Carsten Ottenthaler (v.l.), Dr. Heidemarie Lux, Dr. Till Keil, Dr. Stephan Walcher, Christian Schmidt-Sommerfeld, Präsident des Landgerichts München II, und Dr. Thomas Lorentz vom mitveranstaltenden Ärztlichen Kreisverband Kempten.

Kempten – Eine Minute des Schweigens läutete die Podiumsdiskussion zur Therapie von Drogenabhängigen ein. An die 100 Betroffene – Ärzte, Angehörige Drogenabhängiger, Juristen, Fachleute aus suchtberatenden Einrichtungen – gedachten stehend der „sechs Todesopfern, seit die Substitution eingestellt wurde“.

Dr. Carsten Ottenthaler, Substitutionsarzt in Marktoberdorf, nahm schon gleich zu Beginn der Veranstaltung kein Blatt vor den Mund. „Drogenabhängigkeit ist eine schwere Erkrankung“, hob Dr. Till Keil, Medizinjournalist und Moderator der Veranstaltung, den Unterschied zur Drogenkriminalität hervor, welche durch Substitution mit ärztlich-kontrollierter Gabe von Ersatzstoffen eingedämmt oder gar vermieden werden könne. Da die Substitutionsmedizin aber unter das, nach Ansicht des Deutschen Ärztetags, „veralteten Betäubungsmittelgesetz“ (BTM) falle, sei die Situation für Ärzte schwierig. Der wegen Erkrankung abwesende Prof. Ambros Uchtenhagen, Mitglied der Drogenkommission der Weltgesundheitsorganisation (WHO), fühlte sich laut seinem verlesenen Statement an „die Situation bei uns in der Schweiz vor 40 Jahren“ erinnert. Die Strafverfolgung gegen substituierende Ärzte habe seines Erachtens mit „überholten Regelungen zu tun“ und sei in der Schweiz heute mittlerweile „undenkbar“. 

 Eindrucksvoll war auch die Beschreibung der hürdenreichen Situation, die der Industriekaufmann Frank, seit 15 Jahren Substitutionspatient und, so Keil, nur ein „Beispiel für eine gelungene Substitutionstherapie, schriftlich verfasst hatte. Wie daraus hervorging, war auch er von heute auf morgen auf der Straße gestanden, weil sein „Arzt wegen der Ermittlungen aufhören musste“. Glücklicherweise habe ihn dann sein Hausarzt aufgenommen, wobei „der hippokratische Eid heute keine Selbstverständlichkeit mehr bei Ärzten“ sei. 

 Als Dreh- und Angelpunkt kristallisierte sich immer wieder die Notwendigkeit einer Gesetzesänderung heraus, verbunden mit größerem Wissen über Drogenkonsum und Abhängigkeit vor allem seitens Justiz und Polizei, aber auch bei Ärzten, Apothekern, Krankenkassen und Politikern. Erforderlich sei ein Gesetz, das den Ärzten mehr therapeutisch sinnvollen Entscheidungsspielraum lasse. Einig waren sich die Diskutanten ebenso darüber, dass Ziel einer Substitutionstherapie nicht die von Krankenkassen geforderte „Abstinenz“ sein könne. 

 Kassen als Bremser 

Eigentlich müsse ein Substitutionsarzt derzeit immer Bücher zum BTM-, Sozial- und Arzneimittelgesetz neben sich liegen haben, verdeutlichte Dr. Heidemarie Lux, Vizepräsidentin der Bayerischen Landesärztekammer, deren schwierige Arbeitsbedingungen. Die derzeitige Gesetzeslage nämlich „verlangt schon ein Einschreiten des Amtsarztes, wenn nur ein Kreuzchen auf einem BTM-Rezept fehlt“. Die jüngst für Staatsanwälte eingerichtete Fortbildung im Bereich Substitution soll, laut Lux, ab nächstem Jahr auch auf die Gesundheitsämter ausgeweitet werden. Denn, wie Dr. Stephan Walcher, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin und Substitutionsarzt in München, anmerkte, „haben Gesundheitsämter keine Substitutionskompetenz, ihr Personal überprüft aber die Ärzte“. 

Er untermauerte auch den von Lux vorgebrachten Vorwurf, dass „der größte Bremser bei Veränderungen nicht das Ministerium“ sei, sondern die Krankenkassen. Während die Zahl der Substituierten beständig ansteige, „nimmt die Zahl der Substitutionsärzte ständig ab“ – Nachwuchs sei in nur „äußerst geringer Zahl vorhanden“, machte er die schlechten Rahmenbedingungen dafür verantwortlich. Für eine Gesetzesänderung sprach sich auch Christian Schmidt-Sommerfeld, Präsident des Landgerichts München II, aus. „Aber es wird nie so weit kommen, dass Ärzte aus der Haftung herausgenommen werden“, stellte er klar.

Christine Tröger

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