Schüler wollen mitreden

Was kann die Stadt für den Klima- und Umweltschutz tun? Darum ging es beim Rathausgespräch

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OB Thomas Kiechle im Gespräch mit Schülervertretern der Friday-for-Future-Bewegung.

Kempten – Die „Fridays for Future“ hatten auch die jungen Menschen in Kempten auf die Straßen gerufen. Einmal im Monat jeweils am Freitag gehen Schüler und Jugendliche aus Kempten und der Region für mehr Klima- und Umweltschutz auf die Straße. Sie engagieren sich für eine langfristige Lebensqualität, Abkehr von fossilen Brennstoffen, Schutz der Ökosysteme und den Erhalt einer lebenswerten Zukunft auf dieser Erde. Und so fand unter dieser Prämisse letzten Freitag das Rathausgespräch statt, zu dem Oberbürgermeister Thomas Kiechle die jungen Umweltaktivisten eingeladen hatte. Der Kemptner Klimaschutzbeirat, die Stadtratsfraktionen der einzelnen Parteien waren anwesend.

Als Diskussionsgrundlage für die Veranstaltung diente ein von den Umweltaktivisten zusammengestelltes Forderungspapier mit einer Fülle von Themen, mit dem Ziel die Politiker und jeden Einzelnen wachzurütteln. 

Eingangs wurde ein kurzer Status zur aktuellen Zielerreichung von Energieverbrauch und CO2-Bilanz im Rahmen des Masterplans 2050 durch den Klimaschutzbeauftragten Thomas Weiß gegeben. „Das Klimaschutzkonzept sieht eine Halbierung des Energieverbrauchs und 90 Prozent Reduzierung der CO2-Emissionen bis 2050 vor. Sechs Prozent müssten wir besser sein.“ Auf Nachfrage des Teilnehmers Michael Hock stellten sich die sechs Prozent dann etwas anders da – von 2009 bis 2016 konnten tatsächlich nur 0,2 Prozent CO2-Emmissionen eingespart werden. 

Die Mobilität mit Nutzung des ÖPNV, rund ums Rad und E-Mobilität sei ein besonders wichtiger Bereich mit großen Handlungsbedarf, so die Jugendlichen. Es sollte für die Bevölkerung attraktiver werden, den Bus oder das Fahrrad zu nehmen, statt mit dem Auto zu fahren. Sie fordern eine kostenfreie Nahverkehrs-Beförderung von Kindern, Jugendlichen und Senioren und ein kostengünstiges Bürgerticket für die übrige Bevölkerung. Die Taktung sollte deutlich verdichtet und die Betriebszeiten ausgeweitet werden. „Nach 20 Uhr ist es nicht mehr möglich, von außerhalb mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt zu kommen“, sagte Maria Niedermeier. 

Notwendig sei auch eine Erweiterung des Radwegenetzes mit sicheren und zeitgemäßen Radstrecken und zusätzlichen Fahrradstellplätzen an Bahnhof und wichtigen Anlaufpunkten. Und nicht zuletzt sollten die Allgäu Bahn und die Busse auf Hybridantrieb umgestellt werden. Ein Themenkomplex, der immer wieder während der Veranstaltung zu lebhaften Diskussionen führte. 

Im Mobilitätsbereich sei schon sehr viel getan worden, so Oberbürgermeister, aber es gebe noch Verbesserungspotential. So sei ein neuer Verkehrsverbund „MONA“ mit einer neuen und günstigeren Tarifstruktur in einem in sich geschlossenen Ticket geplant. „Aber eine kostenlose Beförderung kann nicht der Weg sein, da der öffentliche Nahverkehr heute bereits schon sehr günstig ist“, unterstrich der Oberbürgermeister. Und doch fahren in Kempten nur sechs Prozent mit dem Bus und 94 Prozent mit anderweitigen Verkehrsmitteln, so eine Untersuchung. 

Der Ausbau des Radwegenetzes sei aus seiner Sicht unbedingt notwendig, doch dazu müssten erst die Voraussetzung geschaffen werden. Und doch sei er zuversichtlich, dass der Fahrradanteil von 14 auf 20 Prozent gesteigert werden könne. Für den Fraktionsvorsitzenden der Grünen Thomas Hartmann wurde in der Verkehrspolitik die Bahn vernachlässigt. 

Insbesondere die Regionalbahn sei die Grundlage für die Aufrechterhaltung der Mobilität in Kempten, denn die Straßen könnten den Verkehr nicht mehr auffangen, führte Hartmann aus. Und der Landtagsabgeordnete Dr. Dominik Spitzer (FDP) sieht noch einige zu lösende Probleme in der E-Mobilität, wie etwa die Reichweite, Ressourcen und auch in der Produktion: „Aus wirtschaftlicher Sicht kann der Schalter nicht einfach umgelegt werden.“ So seien Innovationen notwendig, wie autonome Busse und die Erforschung von Alternativen, etwa der Einsatz von Wasserstoff oder andere ökologisch gewonnene Stoffe, zum Beispiel Methan, so Spitzer. 

Im Bereich Städtebau machen sich die Jugendlichen stark für verpflichtende Vorgaben zu Energieeffizienz, erneuerbare Energien, nachhaltig biologische Baustoffe und für ein nachhaltiges Stadtkonzept mit der Förderung von Carsharing und der Vermeidung von Zersiedelung und unnötige Versiegelung der Stadt. Sie fordern hohe Energiestandards, wie Niedrigenergie- und Passivhäuser, explizit keine weiteren Erdgas- und Ölheizungen und den innerörtlichen Ausbau von Photovoltaik-Anlagen. 

Diese Forderungen wurden auch bereits von der Stadt Kempten als notwendige Maßnahmen in puncto Klimaschutz erkannt, so der Klimaschutzbeirat. So wurde etwa bei der Planung von zwei kleineren Neubaugebieten auf ökologische Wärmeversorgung gesetzt und auf fossile Energieträger verzichtet. Bei Neubauten für städtische Einrichtungen, wie zum Beispiel Kindergärten werde auf Passivhausstandards gesetzt und auch durch Gebäudesanierungen sei großes Potenzial an Energieeinsparung vorhanden, so der Oberbürgermeister. Thomas Hartmann (Die Grünen) kennt aber Beispiele, bei denen trotz beschlossener Bebauungsplanung keine energetische Bauweise berücksichtigt wurde. 

Spitzer erachtet Verbote wie „keine weiteren Öl- und Gasheizungen“ als nicht sinnvoll, er setzt auf Aufklärung und Anreize im Wohnungsbau und keine Einschränkung der Freiheit anderer Menschen. Die jungen Aktivisten verlangen eine nachhaltige und ressourcenschonende Müllentsorgung, hier sei Kempten bereits ein Vorzeigemodell, betonte Richard Hiepp, Vorsitzender des Klimaschutzbeirates. 

Der Verzicht auf Einwegverpackungen- und Einwegflaschen und Plastiktüten in öffentlichen Einrichtungen waren weitere Punkte in dem Forderungspapier. Dort fand der Bereich Finanzen Berücksichtigung mit der Forderung nach einem Verbot von zukünftigen Ausgaben für den Allgäu Airport und einer Verwendung aller Haushaltsetats nur im Sinne des Klimaschutzes. Und so forderten die Jugendlichen als letzten Punkt ihrer Themenliste die Einhaltung des Masterplans 2050 und keine klimaschädlichen Entscheidungen. Für Richard Hiepp sei der Zeitfaktor für die Umsetzung der einzelnen Forderungen so nicht realisierbar und oftmals käme auch Widerstand von der Bevölkerung. 

Der Parole der Schüler „Ihr klaut uns unsere Zukunft“, widersprach er vehement. Künftig sei eine Photovoltaik-Kampagne geplant, sie könne schnell umgesetzt werden und lasse sich wirtschaftlich darstellen, so der Beirat. Weiter sei ein Projekt zur Mülltrennung und -reduzierung an den Schulen geplant. Die Jugendlichen bekamen von Hiepp das Angebot, an den öffentlichen Sitzungen des Klimaschutzbeirates teilzunehmen. Für OB Kiechle sei ein sehr wichtiges Vorhaben, ein erweitertes und sicheres Radwegenetz mit zusätzlichen Fahrradstellplätzen zu schaffen. Und Stefan Keppeler, Vorstand des Stadtjugendrings Kempten stellte den jungen Menschen Räumlichkeiten für regelmäßige Treffen zur Verfügung.

Und so war das erklärte Ziel aller Anwesenden weiterhin im Gespräch zu bleiben, Kompromisse zu finden und daraufhin zu wirken, Gewohnheiten zu ändern. Die Organisatoren der Kemptener Bewegung Marco Eichberger, Benny Gras und Lucia Böck wünschten sich vollkommene Transparenz, in die Politik miteinbezogen zu werden und Gehör zu finden. „Wir machen es nicht, weil es gerade in ist, sondern wegen der Zukunft.“

Christine Reder

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