Prozess im Parterre-Mord

Schuldfähig oder nicht? Urteilsspruch über den 35-jährigen Geständigen

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Kempten – Im Juni 2018 stellte er sich aus freien Stücken bei der Kriminalpolizei und legte ein Geständnis ab. Er habe eine 63-jährige Frau 2013 mit einem Messer getötet. Eineinhalb Wochen lang musste sich der 35-Jährige nun vor dem Landgericht Kempten wegen heimtückischer Tötung verantworten.

Bei der Polizei hatte der 35-Jährige letzten Sommer angegeben, am Abend des 19. Dezember 2013 mit einem Taxi zur Wohnung der später getöteten Frau in Kempten gefahren zu sein. Auf sein Läuten hin habe ihn die Dame in ihre Wohnung gelassen, ohne Misstrauen, da er mit ihr flüchtig bekannt gewesen sei. Unmittelbar danach soll es in der Wohnung zur Tat gekommen sein. Er habe dem Opfer den Mund zugehalten, ihr mit einem, in einem Buch versteckten mitgeführten Ausbeinmesser an der Halsvorderseite zwei Schnitte versetzt. Um sicherzugehen, dass sie auch sterbe, habe er mit dem Messer noch drei -bis viermal in den Brustkorb gestochen. 

Die Ermittlungen hatten ergeben, so ein Beamter der Kripo Kempten, dass der Beklagte mit dem Sohn der Getöteten bekannt war, er habe in den Jahren 2011 bis 2013 bei ihm gewohnt. Während dieser Zeit sei es zu Mietrückständen gekommen, die zu einem Kontakt zwischen ihm und der später getöteten 63-jährigen Witwe und Eigentümerin der Wohnung geführt und letztendlich den Auszug aus der Wohnung zur Folge gehabt hätten. 

Zeitgleich habe der Angeklagte seine Arbeitsstelle verloren, die Rücklagen seien aufgebraucht gewesen und er sei in die Obdachlosigkeit gerutscht, so seine Angaben bei der Polizei. 

Stimmen im Kopf 

Seit 2012 habe der Beklagte seltsame Veränderungen bei sich wahrgenommen. In dieser Zeit sei er wiederholt von Albträumen und Wahnvorstellungen heimgesucht worden, in denen die später getötete Rentnerin auch eine Rolle gespielt habe. Stimmen in seinem Kopf hätten ihm befohlen, die Frau zu töten. 

Er habe sie für seine Fehlschläge verantwortlich gemacht und geglaubt, dass sie ihm nach dem Leben trachte, gab der Gutachter vom Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren die Gedanken des Angeklagten wieder, wo er seit Juni 2018 stationär untergebracht ist. So habe er dem Arzt geschildert, dass er nach der Tat eine Entlastung gespürt habe, die Albträume und auch die Stimmen hätten aufgehört. 

Erst im Jahr 2018 seien dann die Stimmen in seinem Kopf wiedergekommen. Er sei der Überzeugung gewesen, die Mitpatienten im BKH Kempten könnten ihm seine Täterschaft ansehen. Das dann im Juni 2018 abgelegte Geständnis habe sich wie ein roter Faden durch die mit ihm geführten Gespräche seit seiner Unterbringung in Kaufbeuren gezogen, beschrieb der Gutachter seine Behandlungsgespräche mit dem Beklagten. Der 35-Jährige habe auch immer gesagt, dass er die Tat begangen habe und es sein Wunsch sei, dafür zu büßen. 

Der Gutachter gab im Gericht auch an, dass der Angeklagte seit seinem 13. Lebensjahr Alkohol und Drogen konsumiert, seit 2001 immer wieder in psychiatrischer Behandlung war – zunächst im Josephinum in Augsburg, dann im BKH Kempten und jetzt im BKH Kaufbeuren. Der Angeklagte leidet an paranoider Schizophrenie, was sein inhaltliches Denken beeinflusse, verbunden mit Schwierigkeiten im sozialen Kontext, so die Diagnose in dem Gutachten des BKH Kaufbeuren. Für den Arzt der Psychiatrie Kaufbeuren könne nicht ausgeschlossen werden, dass es wieder zu so einer Tat kommen könnte. 

Zu der Verhandlung vor dem Landgericht Kempten waren zahlreiche Zeugen geladen, die zum Verhalten des Angeklagten und zu den Stunden vor dem Tatzeitpunkt befragt wurden. Insbesondere sollte geklärt werden, ob die Aussagen des 35-Jährigen stimmig sind und ob er tatsächlich der Täter ist. So ging es immer wieder um die Frage: Waren die Rollläden in der Wohnung der Getöteten am Tattag geschlossen oder nicht? Welche Schuhe passen zum sichergestellten Schuhprofil? 

Die Zeugen charakterisierten den Angeklagten als sehr introvertiert, teilweise apathisch und nicht aggressiv. Der Tathergang wurde durch die erstellten Gutachten der Rechtsmedizin München zu vorhandenen Blutspuren und Schnittverletzungen und mit Hilfe des Obduktionsergebnisses vor Gericht rekonstruiert. So wurden zwei Halsschnitte und 14 Bruststiche statt dreier festgestellt. Die genetischen Fingerabdrücke (DNA) der sichergestellten Spuren ergaben keine Hinweise auf den 35-Jährigen, so ein Sachverständiger der Rechtsmedizin München. 

Der Angeklagte machte während des Prozesses keine Angaben zum Tathergang. Und so stellte der Verteidiger provokant die Frage: „Ist der Angeklagte tatsächlich der Täter oder haben ihm Stimmen befohlen, die Tat zu gestehen?“ Am Ende des Prozesses wurde angeordnet, dass der Beschuldigte in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht wird. Die erste Strafkammer des Landgerichtes sah es als erwiesen an, dass der Beschuldigte die Tat begangen hat und zwar im Zustand der Schuldunfähigkeit. Der Beschuldigte hat die Kosten des Verfahrens sowie die notwendigen Auslagen des Nebenklägers zu tragen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Christine Reder

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