Neun Monate Adrenalin pur 

Schule in Corona-Zeiten: ein schwieriges Geschäft 

Schulleiter Markus Wenninger ist verantwortlich für 100 LehrerInnen und 1100 SchülerInnen.
+
Schulleiter Markus Wenninger ist verantwortlich für 100 LehrerInnen und 1100 SchülerInnen.

Kempten – Markus Wenninger ist schwer zu erreichen in diesen Ausnahmezeiten. Der Leiter des „Hildegardis-Gymnasiums“ ist immer auf dem Sprung, die sich permanent ändernde Lage sei „eine enorme Herausforderung“, sagt er. Der erste Interviewtermin mit dem Kreisboten platzt kurzfristig, Wenninger muss nämlich eine Klasse in Quarantäne schicken, Eltern informieren, mit den KollegInnen konferieren, neue Unterrichtspläne erstellen. „Alles kann sich immer ändern mit dem Virus“, stellt er fest. Sein Verantwortungsbereich hat sich durch die Coronakrise erweitert. Es geht jetzt verstärkt um die Gesundheit seiner LehrerInnen und SchülerInnen, Fürsorge bestimmt sein Handeln.

Von Stress mag Markus Wenninger nicht reden, eher von „erhöhter Grundspannung. Immer schwebt das Damoklesschwert einer Infektion über uns, mit all ihren Folgen. Das ist Adrenalin pur.“ Nach den Nikolaus-Verschärfungen für die Schulen erst recht: Der Schulleiter des größten Gymnasiums in Kempten checkt bereits morgens um fünf seine E-Mails, dann geht’s in der Morgendämmerung ins Büro. Neben den vielfältigen Aufgaben eines Schulleiters kommt nun der zeitlich enorm aufwändige Job als Krisenmanager hinzu. Ab Klasse 8 wird jetzt im Wechsel zu Hause und im „Hilde“ gelehrt und gelernt. Steigt der Inzidenzwert in Kempten über 200, dann ist ab Klasse 8 für alle Schüler „Homeschooling“ angesagt – nur der Abi-Jahrgang bleibt im Gymnasium. 

Nachteilig für Motivation 

Wenninger reagiert zwiegespalten: „Organisatorisch und technisch bekommen wir das hin, die Schülerinnen und Schüler sind seit Schuljahresbeginn in A- und B-Gruppen eingeteilt und die Lehrkräfte auf Distanzunterricht eingestellt. Für die Motivation und die Lernkontinuität gerade bei den Jugendlichen in der Mittelstufe wäre aber die Beibehaltung des kompletten Präsenzunterrichts wünschenswert gewesen.“ Routiniert spricht er über Schutzmasken und Luftfilter, weniger über deutsche Klassiker oder Gedichtinterpretationen. Zupacken ist angesagt, mit dem Kollegium Pläne austüfteln, wieder verwerfen und trotzdem immer das eine Ziel im Auge haben: die knapp 1100 Gymnasiasten am „Hilde“ erfolgreich durch ein völlig verrücktes Schuljahr zu führen.

Verständnis auf allen Seiten 

Wir haben bisher Glück gehabt“, meint Wenninger, das Gymnasium an der Lindauer Straße sei von großflächigen Klassenschließungen und mehrwöchigen Quarantäne-Maßnahmen verschont geblieben. „Bei uns hat sich noch niemand in der Schule infiziert.“ Das beruhigt ihn, macht ihn in gewisser Weise gelassen. Natürlich müssen alle Masken tragen, auch die Lehrkräfte, die wieder zum Modell Frontalunterricht zurückgekehrt sind. Doch darüber beklagt sich niemand, die Einsicht ist groß: „Auch die Eltern haben Verständnis, da gibt’s keine Probleme.“ Zu Klassenteilungen ist es bislang nicht gekommen, das Gesundheitsamt beobachtet die Infektionslage permanent und hat noch nicht eingreifen müssen. Die SchülerInnen tragen den Kurs ihres Schulleiters mit, auch wenn sie es schade finden, dass sie beim Sport Mund und Nase bedecken müssen. Markus Wenninger kann das nachvollziehen, sagt aber auch: „Wir bieten trotzdem Sportunterricht an, es muss ja nicht unbedingt Fußball sein. Denn für viele unserer SchülerInnen ist es in diesen Zeiten die einzige Gelegenheit, sich körperlich zu bewegen.“ Seine unaufgeregte Art nimmt der Ausnahmesituation in seiner Schule viel von ihrer Hektik.

Kritik an der Politik

Unverständnis äußert der Schulleiter für den aktuellen Politikstil, gravierende Maßnahmen und Beschlüsse zuerst auf Pressekonferenzen an die Öffentlichkeit zu tragen, den Betroffenen selbst aber keine oder verspätete Informationen zu liefern: „Wir sind dann oft nicht auf dem Stand, der nötig ist.“ Das ärgert den engagierten Bildungsmanager. Geduldig erklärt er dann verunsicherten Eltern den Sachverhalt oder beruhigt aufgeregte Schüler. 

Auch in den eigenen Reihen sind Wenningers Führungsqualitäten gefragt. Jüngstes Beispiel: Corona-Selbsttests für LehrerInnen, vom Bundesgesundheitsminister vollmundig im Fernsehen verkündet. „Wir wissen nichts darüber, haben keine Infos von oben, kein Budget im Haus“, konstatiert er nüchtern, „soll ich die jetzt bezahlen?“ Interessanterweise kam gleich ein Testangebot ins Haus – von einer Apotheke: „Hab ich natürlich erstmal abgelehnt“, sagt Markus Wenninger lächelnd. 

Lüften und Laptops

Bis die nötigen Informationen eintreffen, irgendwann, konzentriert sich das Team des Hildegardis-Gymnasiums auf das, was da ist: eine gut funktionierende Lüftungsanlage im Hauptgebäude, Fenster, die sich tatsächlich öffnen lassen, eine ausreichende Zahl von Leih-Laptops für Schüler. „Von den für die Lehrer versprochenen Geräten noch keine Spur“, bemerkt Wenninger süffisant. 

Mit Spikes durch den Corona-Winter

Dass die Weihnachtsferien heuer ein paar Tage früher beginnen, „damit können wir alle leben“, stellt er fest. Nach neun Monaten Daueranspannung kann er mal runterkommen von seinem erhöhten Adrenalinspiegel. Oberstudiendirektor Markus Wenninger lässt sich nicht unterkriegen, er bleibt Optimist: „Ich halt mich fit, jeden Tag fahr ich mit dem Rad in die Schule, zehn Kilometer hin, zehn Kilometer zurück, auch im Winter.“ Er hat einfach Spikes aufgezogen. „Geht alles.“

Lutz Bäucker

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Corona-Ticker Kempten: Inzidenzwerte schwanken leicht
Corona-Ticker Kempten: Inzidenzwerte schwanken leicht
Ein Blick in den Arbeitsalltag der Lungenfachärzte Dr. med. Reinhard Hettich und Dr. med. Bettina Miksch von Heigl, Hettich MVZ Kempten-Allgäu
Ein Blick in den Arbeitsalltag der Lungenfachärzte Dr. med. Reinhard Hettich und Dr. med. Bettina Miksch von Heigl, Hettich MVZ Kempten-Allgäu
Online-Aschermittwoch: Neues Format mit »vogelwilder Schalte«
Online-Aschermittwoch: Neues Format mit »vogelwilder Schalte«
Wie ergeht es Obdachlosen in der Pandemie und welche Hilfen bekommen sie?
Wie ergeht es Obdachlosen in der Pandemie und welche Hilfen bekommen sie?

Kommentare