"Schwierige Situation"

Max Fritz mit einem Foto des letzten Gemeinderats von St. Lorenz, der mit der Eingemeindung nach Kempten am 1. Juli 1972 Geschichte wurde: (v.li. vorne) Ludwig Angelmeier, Michael Klein, Bürgermeister Josef Kammerlander, 2. Bürgermeister Alois Einsiedler, Ernst Wenzel, (v.li. hinten) Alfons Hölzle, Hans Wegscheider, Hans Sitka, Josef Birk, Max Fritz und Luitpold Dorn. Foto: Tröger

„Mit dem 1. Juli 1972 werden die Gemeinden St.-Mang und St.-Lorenz mit der Stadt Kempten zusammengelegt. Damit steigt die Einwohnerzahl von 45 000 auf 58 000, die Ausdehnung des Stadtgebietes von 24 Quadratkilometern auf 63 Quadratkilometer“. Nüchtern und unspektakulär liest sich das Vorwort des damals amtierenden OB Dr. Josef Höß zur dritten Dokumentation der Stadt Kempten für die Zeit bis 1972. Bis es mit der Gebietsreform jedoch so weit war, mussten in unzähligen Versammlungen auch harte verbale Auseinandersetzungen ausgetragen, Unzufriedene besänftigt und Ängste beseitigt werden.

Bürgermeister Josef Mayr (CSU), damals Vorsitzender der Lenzfrieder Landjugend, „weiß in unserem Bereich keine Gemeinde, die ‚Juhu’ geschrien hat“. Es sei eine „schwierige Situation für alle gewesen, die damals politische Verantwortung getragen haben“ und natürlich auch „ein großes Thema in den Vereinen“, erinnert er sich. Die Entfaltungsmöglichkeiten der Stadt hätten ohne den Eingemeindungen allerdings nur „sehr schmal“ ausgesehen: sie „war von zwei Kommunen umschlossen“ und somit ohne eigene Fläche für die Gewerbeentwicklung, die, so Mayr, vorwiegend in Ursulasried und Leubas stattgefunden habe. Beides waren Flächen der einstigen Gemeinde Sankt Mang, die „eine der finanzstärksten Kommunen in Bayern war“. So verwundert es kaum, dass laut Stadtarchivar Dr. Franz Rasso Böck in einer Volksabstimmung circa 93 Prozent der Sankt Manger gegen die Eingemeindung gestimmt hätten; ein Ergebnis, das – nicht nur hier – ebenso eindeutig wie ohne Folgen war. An exakt „72,8 Prozent Stimmen gegen die Zuführung zu Kempten“ erinnert sich der Heiligkreuzer Max Fritz, von 1966 bis 1972 Gemeinderat von Sankt Lorenz, an das dort fast ebenso klare Ergebnis. Seine Heimatgemeinde habe eine Verwaltungsgemeinschaft mit Wiggensbach favorisiert, unter anderem weil man Gebührenerhöhungen bei der Grundstückssteuer mit Zugehörigkeit zu Kempten befürchtet habe. Im Nachhinein eine unbegründete Sorge, schmunzelt er. Zwei markante Punkte der Eingemeindung haften sowohl Fritz als auch Stadtrat Hans-Peter Wegscheider (FW) aus Hirschdorf, dessen Vater Gemeinderatskollege von Fritz gewesen war, im Gedächtnis: dass die einstige Haupteinnahmequelle der Gemeinde, die Firma Dachser „an Kempten gefallen ist“ und dass es „mit der Feuerwehr nicht so einfach war“. Statt von Feierlichkeiten weiß Fritz von der zügigen Entsorgung von Bergen von Ordnern sowie Gemeindefahnen und ähnlichem zu berichten. Späte Erkenntnis Für den damals noch „ganz frisch“ in der Pfarrgemeinde Lenzfried wirkenden Pfarrer Anton Vogler hat sich die Eingemeindung im Nachhinein „als Segen erwiesen“, was auch die „Gegner nach zwei, drei Jahren erkannt“ hätten. Ein besonderer Fokus habe immer auf dem „Erhalt der dörflichen Gemeinschaft“ in den ehemaligen Gemeinden gelegen, die auch er mit seinen Kirchengemeinderäten und den Vereinen gefördert habe. Großen Respekt zollt er Alt-OB Dr. Höß, der unermüdlich zu den Vereinen gegangen sei und „viel getan hat, um die Bedenken zu zerstreuen“. Amüsante Details Zwar nicht dagegen, aber „zumindest nicht dafür“ bezeichnet er die Haltung des späteren Bundesministers Ignaz Kiechle, damals Gemeinderat in Sankt Mang und Vorsitzender des Oberallgäuer CSU-Kreisverbandes. Dessen Sohn, Stadtrat Thomas Kiechle, nennt als Grund die mitunter schwierigen „Ausgleichsfindungen“. Einige interessante sowie amüsante Akten hat er im Archiv seines Vaters gefunden, die nicht nur das Hin und Her dokumentieren, sondern auch die hohe Emotionalität. Danach hatten zum Beispiel die Leubaser von einem Zusammenschluss nicht allzu viel erwartet und sich für einen Anschluss an Lauben stark gemacht – denn: „die Leubas fließt nach Lauben“ lautete ein weniger sachliches Argument. „Man musste enorm viel diskutieren, um die Ängste in unzähligen Versammlungen auszuräumen“, meint Kiechle zu den Sorgen vor dem Verlust an Einflussnahme und politischer Souveränität, oder einfach davor „geschluckt“ zu werden. Seines Erachtens „war es eine der größten wegweisenden Entscheidungen“ zur Verwaltungsverschlankung, und eine Bestätigung für die Befürworter, denn „die Stadt hat mit der Gebietsreform grundsätzlich gewonnen“. Vielleicht zeige die dadurch ausgelöste, „enorme Dynamik“, „dass manche Volksbefragung nicht immer sinnvoll ist“, merkt Kiechle an. Wie unisono bestätigt wurde, sind die Vereinsstrukturen in den ehemaligen Gemeindegebieten bis heute intakt geblieben und auch die damalige Gebietsreform „war wichtig und richtig“, wie Bürgermeister Josef Mayr es heute formuliert. Aber noch in einem anderen Punkt zeigen sich die vier Herren einig: Auch wenn man mittlerweile zur Stadt Kempten gehöre, sei man selbstverständlich weiterhin „Lenzfrieder“, „Leubaser“, „Heilgkreuzer“, „Hirschdorfer“....

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