Ist unsere Demokratie in Gefahr?

Schwierige Zeiten für Politik, Kirche und Journalismus

Im Uhrzeigersinn v.li.o. Moderatorin Sylvia Schneider, Stephan Mayer, Chefreporter beim Bayerischen Rundfunk, Landtagsvizepräsident Alexander Hold und Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.
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Im Uhrzeigersinn v.li.o. Moderatorin Sylvia Schneider, Stephan Mayer, Chefreporter beim Bayerischen Rundfunk, Landtagsvizepräsident Alexander Hold und Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

Allgäu/München – Die Corona-Pandemie stellt die Demokratie seit rund einem Jahr auf die Probe. In einer Online-Veranstaltung stellten sich Landtagsvizepräsident Alexander Hold, Stephan Mayer, Chefreporter des Bayerischen Rundfunks und Leiter der Taskforce „Europa und Parlamente“, und Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, die Frage, wie stabil unsere Demokratie im Krisenmodus ist. Moderiert wurde die Veranstaltung der Landtagsfraktion der Freien Wähler von Fernsehmoderatorin Sylvia Schneider.

Dass die Demokratie in Deutschland seit über 70 Jahren als stabiles Fundament funktioniere, sei auf die Historie des Landes mit ehemaligem Nazi-Regime zurückzuführen, waren sich Alexander Hold und Heinrich Bedford-Strohm einig. Die demokratischen Prozesse mit den vier Gewalten, inklusive der Medien, seien austariert, sodass ein demokratisches und wirtschaftliches Gleichgewicht gegeben sei, meinte Hold. „Der Sozialstaat ist besser als sein Ruf.“

Der Erinnerungskultur und einer lebendigen Zivilgesellschaft sei es zu verdanken, dass frühere Ansichten aus dem Nationalsozialismus nicht wieder salonfähig würden, ergänzte Bedford-Strohm. 

Auch Stephan Mayer bestätigte, dass er bei EU-Gipfeln eine größere Kraft derer, die das demokratische Europa zusammenhalten wollen, erlebe, als jener Staaten mit anderen Prinzipien. Dennoch laufe vieles in Europa nicht so toll, was er nicht schönreden wolle, so der Chefreporter.

Dass die Europäische Union als ein von Bürgern gestartetes Friedensprojekt inzwischen an vielen vorbeilaufe, führte Hold darauf zurück, dass die meisten Menschen in ihrem Leben nur Frieden erlebt hätten. Er stelle jedoch fest, dass viele vom zunehmenden Tempo in bestimmten Bereichen überfordert seien. Als Beispiele nannte er die Fortschritte bei der Digitalisierung und die zunehmende Vielfalt in unserer Gesellschaft.

Der Landtagsvizepräsident hält es für gerechtfertigt, wenn sich Menschen derzeit um die Grundrechte sorgen, schließlich seien diese nie so stark eingeschränkt gewesen, wie dies derzeit der Fall sei. Wofür er jedoch kein Verständnis habe, ist die Behauptung, alles sei eine Verschwörung, die Medien seien gleichgeschaltet und beim Impfen würden Chips implantiert. „Ich weiß nicht mehr, wie ich mit solchen Menschen umgehen soll“, gab Hold zu.

Bedford-Strohm erklärte sich dieses Phänomen mit Informationsblasen, in die Menschen hineingerieten und dadurch keine alternativen Sichten mehr zuließen. Als Gefahr nannte er die fehlende Objektivität der Sozialen Medien. Algorithmen seien auf Kommerz- statt auf Wahrheitsorientierung ausgelegt. Gleichzeitig betonte der Geistliche, dass viele Menschen nichts mit der Querdenker-Bewegung zu tun hätten, sondern einfach mit der Situation überfordert seien. Er monierte, dass im letzten Jahr in Sondersendungen viel zu häufig über das Infektionsgeschehen, jedoch nicht über die Auswirkungen für die Seele berichtet worden sei. „Jugendliche verpassen ein Jahr ihrer Pubertät. Der erste Kuss geht nicht über das Tablet“, nannte der Landesbischof ein Beispiel.

Moderatorin Sylvia Schneider wollte von Stephan Mayer wissen, ob die Seele des Journalismus ebenfalls Schaden genommen habe. Der Chefreporter verneinte dies grundsätzlich, räumte jedoch ein, dass Journalisten ihren Job derzeit aufgrund der fehlenden Nähe zu Menschen nur bedingt ausüben könnten. Die öffentlich-rechtlichen Medien unternähmen trotz der Umstände viel, um den Menschen in diesen Zeiten Einordnung und Orientierung zu geben.

Hold ergänzte, dass sowohl Politik, Kirche als auch Journalismus derzeit Schwierigkeiten haben, wahrgenommen zu werden, weil der für sie so wichtige persönliche Kontakt fehlt. „Am allermeisten macht mir der Prozentsatz an Menschen im Land Sorgen, den wir gar nicht mehr erreichen. Weder politisch noch journalistisch, weil sie in Echoräumen gefangen sind“, meinte der Politiker, der sich bezugnehmend auf Trump um das sich wandelnde Verständnis von Wahrheit sorgte. 

Bei der aktuellen Maskenaffäre bestehe die Gefahr, dass alle in einen Topf geworfen würden. Ähnlich sei es bei der Kirche oder dem Journalismus. Einzelne Verfehlungen bedeuteten nicht, dass nicht alle ihr Bestes versuchten, um dem Allgemeinwohl zu dienen. 

Mayer und Bedford-Strohm pflichteten Hold bei, dass es als Mensch erlaubt sein müsse, Fehler machen und eingestehen zu dürfen. „Barmherzig zueinander sein und sich bewusst machen, wie sehr man selbst auf Barmherzigkeit angewiesen ist, ist gerade unglaublich wichtig“, sagte der Landesbischof.

Wer die Live-Veranstaltung verpasst hat, kann eine Aufzeichnung auf dem YouTube-Kanal der Landtagsfraktion der Freien Wähler (fwlandtag) nachschauen.

Dominik Baum

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