Beschwingte Klänge von Bernstein, Gershwin und Gulda

Brücke zwischen Jazz und Klassik

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Die jazzmächtige Klaviervirtuosin Lisa Smirnova begeisterte das Publikum mit ihren Improvisationen.

Kempten – Die Bandbreite der musikalischen Kultur genießen, ein bisschen swingen, ein bisschen grooven – es war erlaubt beim sechsten Meisterkonzert am TheaterInKempten (TIK) am vergangenen Sonntag. Und mehr noch: „Sie dürfen auch tanzen“ inspirierte Theaterdirektorin Nikola Stadelmann die Zuhörer bei der traditionellen Konzerteinführung. Allein es fehlte der Platz im vollbesetzen Stadttheater. Mit den Füßen wippten dann vermutlich alle ein bisschen, an diesem außergewöhnlichen Konzertabend.

Die Nordwestdeutsche Philharmonie unter Yves Abel brachte einen musikalischen Frühlingsstrauß mit Jazz- und Klassikblüten nach Kempten, und bewies, zusammen mit den Starsolisten Lisa Smirnova (Klavier) und Benjamin Schmid (Violine), wie ernsthaft vorzüglich-leichte Unterhaltung sein kann.

Mit dem Werk eines Künstlers, dem musikalische Schubladen fremd waren, wurde der Abend eröffnet. Die „Drei Tanzepisoden“ aus Leonard Bernsteins „On the Town“ erzählen vom New Yorker Landurlaub dreier Matrosen. Melancholisch bis überschwänglich – ihre Emotionen waren spürbar beim schmissigen Dirigat von Yves Abel, das die Musiker von Beginn an in eine ausdrucksstarke amerikanische Klangsprache übersetzten. Das jazzig inspirierte Orchester nutzte bei den Episoden „The Great Lover“, „Lonely Town“ und „Times Square“ jeden klanglichen Raum. Vor allem die brillanten Bläser bewiesen eindrucksvoll, dass Wirksam-keit nichts mit Lautstärke zu tun hat.

Vermutlich hätte der exzentrische Komponist Friedrich Gulda an der nun folgenden Interpretation seines „Concerto for Myself“ genauso viel Spaß gehabt, wie das Kemptener Publikum. Die quirlige Klaviersolistin Lisa Smirnova hatte einfach alles im Gepäck, was sein Klavierkonzert benötigt. Allem voran ihr großartiges Improvisationstalent. Als gelber Farbtupfer im Frühlingsstrauß erblühten ihre hochvirtuos gespielten Passagen im klassischen Gerüst des Werkes ebenso, wie in der wandelbaren „Free Cadenza“. Smirnovas Hände flogen über die Tasten, sie schien sich an jedem Ton zu erfreuen und transferierte damit jene positive Ausstrahlung, die Guldas Kompositionen zu eigen ist. Smirnova spielte nicht auf, sondern mit dem Klavier. Als Medizin gab es für das erkältete Energiebündel dann überschwänglichen Applaus.

Mit „Wings“ stand ein weiteres Bindeglied zwischen Jazz und Klassik von Friedrich Gulda auf dem Programm. Die Solovioline spielte der herausragende Geiger und Improvisa- tionskünstler Benjamin Schmid, der – wie übrigens auch Smirnova – den unkonventionellen Komponisten Gulda sehr verehrt. Schmid glitt durch die Höhen, akzentuierte energisch, spielte mit Flageolett- und heiseren Tönen. Beneidenswert, dass er dabei keine Minute still stehen musste. Leidenschaftlich und zu tiefst überzeugt wirkte sein Spiel, das Publikum ließ sich von seinem Groove mitreißen. Schmids Improvisation klang eigenmächtig und doch spürte man Guldas Handschrift, die gleichwohl eine sehr Freie ist.

Den Abschluss der Symbiose von Jazz und Klassik machte nach einem sehr kurzweiligen Abend George Gershwins „Rhapsody in Blue“. Yves Abel hatte die ständig wechselnden Eindrücke des turbulenten Stückes gut im Griff und freute sich sichtlich über Smirnovas Improvisationen. Auch hier viel Pep und Vitalität vom Orchester, das leichtfüßig über die Brücke zwischen Klassik und Jazz balancierte. Die fantastischen Solostimmen der Nordwestdeutschen Philharmonie traten nochmals deutlich hervor.

Sie waren Teil eines überzeugenden Ganzen, bei dem E-Bass und Schlagzeug für Jazz-Trio–Feeling sorgten und Bläser, Streicher und Perkussion den Stilmix aus Blues, Wiener Klassik, Romantik und Jazz formatierten. Das Kemptener Publikum erteilte den unterhaltsamen Stücken lebhafte Zustimmung. Mit nicht enden wollendem Applaus verabschiedeten sie die Künstler, die an diesem Abend bewiesen, wie viel Ernsthaftigkeit in guter Unterhaltung stecken kann.

Von Cordula Amann

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