»Es fühlt sich richtig an« 

Seit einem Jahr im Einsatz für das Oberallgäu: Landrätin Indra Baier-Müller zieht Bilanz 

Landrätin Indra Baier-Müller ist vor rund einem Jahr in das Büro im Landratsamt in Sonthofen ein- gezogen: „Ich habe meinen Platz gefunden und
es fühlt sich richtig an.“
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Landrätin Indra Baier-Müller ist vor rund einem Jahr in das Büro im Landratsamt in Sonthofen eingezogen: „Ich habe meinen Platz gefunden und es fühlt sich richtig an.“
  • VonLena Fuhrmann
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Sonthofen – Man erinnert sich noch gut: Indra Baier-Müller (FW) gewinnt die Stichwahl gegen den CSU-Landratskandidaten Alfons Hörmann. Ein Überraschungssieg. Seit einem guten Jahr steht Indra Baier-Müller nun an der Spitze des Oberallgäuer Landratsamts. Ihr Amtsantritt fiel mitten in die erste Corona-Welle. Mit dem Kreisboten sprach die Landrätin über das vergangene Jahr, neue Herausforderungen und geplante Projekte. 

Frau Baier-Müller, am 1. Mai 2020 wurden Sie Landrätin des Kreises Oberallgäu. Haben Sie sich das Politiker-Dasein so vorgestellt oder gab es erst einmal ein großes Erwachen?

Baier-Müller: „Ein solches erstes Jahr, wie wir das jetzt hatten, konnte sich niemand, der in ein neues Amt gewählt wurde, vorher so vorstellen. Neu in der Kommunalpolitik bin ich ja nicht, ich war vorher schon in Kempten unter anderem im sozialpolitischen Bereich aktiv, insofern gab es keine großen Überraschungen.“

Interviews, Bilder in der Zeitung, repräsentative Termine – und immer das Urteil der Öffentlichkeit. Wie gehen Sie mit dem „öffentlichen“ Aspekt ihrer Arbeit um?

Baier-Müller: „Mit den Menschen tatsächlich in Kontakt zu sein, das fehlt mir im Moment eher. Es dürfte bei Weitem mehr sein, als das, was aktuell coronabedingt möglich ist. Natürlich sind das nicht immer einfache Gespräche, aber das ist ein Teil dessen, wie wir Demokratie leben. Davor sollte man keine Angst haben. Es gibt sicherlich auch Termine, die nicht sehr schön sind, aber man muss sich einfach dem stellen, was kommt.“

Ihr Amtsantritt fiel mitten in die erste Corona-Welle. Wie haben Sie bisher diese zusätzliche Herausfor- derung gemeistert?

Baier-Müller: „Das kann man nur meistern, wenn man ein gutes Team hat. Bei aller Kritik, die immer mal wieder entsteht, glaube ich, dass wir insgesamt mit der Bürgerschaft, aber auch mit den Mitarbeitern hier im Landratsamt einen guten Job gemacht haben. Das wäre nicht möglich, wenn nicht alle an einem Strang ziehen würden.“

Seit Corona sind Übergriffe auf Kommunalpolitiker deutlich gestiegen. Sind Sie selbst schon einmal Opfer von Beleidigungen geworden?

Baier-Müller: „Im Netz hat es sich in Grenzen gehalten. Was wir merken, ist, dass der Ton schärfer wird. Es kommen viele Briefe und E-Mails mit Fragen und Vorwürfen, teilweise – aber selten – wer- den diese auch persönlich. Man sollte sich immer fragen: ‚Was steckt hinter dieser Aussage?’ Und ganz oft sind es eben Ängste und Sorgen der Menschen. Deshalb darf man manche Aussagen auch nicht persönlich nehmen.“

Stichwort Mobilität: Kommt das 100-Euro-Ticket für den ÖPNV?

Baier-Müller: „Das Thema ÖPNV ist ein ‚dickes Brett’, weil wir noch weitere Partner im Boot haben, die in den letzten Monaten immer wieder zu Gesprächen geladen waren. Schnelle Lösungen wird es beim Thema ÖPNV nicht geben. Mal schnell ein 100-Euro-Ticket rausgeben, wenn die Bahn nicht mit im Boot ist, ist schwierig und macht auch wenig Sinn. Die Busunternehmer brauchen wir übrigens auch. Und dann steht natürlich noch die Frage der Finanzierbarkeit im Raum.“

Die Lenkung von großen Besucherströmen im Oberallgäu stellt eine andere Herausforderung da. Wie wird im Landratsamt mit diesem Problem umgegangen?

Baier-Müller: „Wir haben ja das Mobilitätskonzept, das über die Allgäu GmbH läuft. Da geht es um die Thematik des Zustroms, also die verkehrliche Seite. Dann gibt es das Besucherlenkungskonzept, das wir dank der Unterstützung des Umweltministeriums mitfinanziert bekommen. Wir werden mit dem Landkreis neue Konzepte entwickeln, wie wir zukünftig die Besucher lenken können. Da sind wir gerade in der Konzeptentwicklung gemeinsam mit den Gemeinden. Ein weiteres Thema der kommenden Jahre wird sein, wie wir unser Allgäu und seine Natur ein Stück weit schützen können, und trotzdem unsere Willkommenskultur beibehalten können.“

In diesen Bereich fällt auch das Bergbahn-Projekt am Grünten. Sie haben einen „runden Tisch“ mit Befürwortern und Gegnern angekündigt, der coronabedingt verschoben wurde. Gibt es schon einen neuen Termin und könnte das Treffen nicht auch online stattfinden?

Baier-Müller: „Die zweite Frage beantworte ich sehr gerne gleich: Nein, eine Online-Veranstaltung mit so einer brisanten Thematik würde ich nicht befürworten. Ich glaube, es macht nur Sinn, das persönlich zu regeln. Da sind zu viele Emotionen im Spiel. Zur Frage, wann der Termin nachgeholt wird, gibt es sicherlich in Kürze neue Informationen mit einem Termin, der dann bekanntgegeben werden wird. Genaueres kann ich da- zu heute nicht sagen, aber wir sind dran.“

Die Digitalisierung ist im Bund ein großes The- ma. Corona hat gezeigt, dass das Internet den modernen Anforderungen heute vielerorts nicht mehr gerecht wird. Was haben Sie diesbezüglich auf Ihrer Agenda?

Baier-Müller: „Man muss ja wirklich sagen, uns hat‘s doch überholt dieses Jahr. Jeder hat davon gesprochen, dass digitale Prozesse angeschoben werden müssen, und so richtig was vorangegangen ist aber nicht. Corona war jetzt wie ein Boost, ein Anschub. Das Thema „Digitale Behörde“ ist jetzt wirklich erkannt und da geht auch etwas vorwärts. Dadurch können die Bürger viel schneller und vermutlich auch transparenter sehen, wie das Landratsamt als Dienstleister agiert. Das zweite Thema ist: ‚Wie schnell sind die Leitungen im Oberallgäu?’ Da haben wir gar keinen Einfluss darauf. Es gibt keinen Bewilligungsprozess für die Anbieter, wenn sie bestehende Infrastrukturen aufrüsten. Dieser zweite Aspekt ist aktuell kein explizites Thema der Landrätin im Oberallgäu.“ 

Digital läuft momentan auch die Schule ab. Dort zeigt sich, dass Kinder aus ärmeren und bildungsfernen Familien weit abgeschlagen sind. Sind Bildung und Chancengleichheit durch Corona stärker in Ihren Fokus gerückt?

Baier-Müller: „Also dieses Thema werden wir aufnehmen. Wir haben über die Bundes- und Landesförderungen Computer erwerben können, die über die Schulen als Leihgeräte vergeben werden, damit auch Familien teilhaben können, die sich das vielleicht nicht leisten können. Neben der Technik und den Leitungen stellt sich die Frage: ‚Gewinnen wir die Aufmerksamkeit der Kinder, wenn wir sie nicht im Klassenzimmer haben?’ Ich glaube, das ist das größere Thema. Es gibt Überlegungen, dass wir im Sommer – in welcher Form auch immer, aber nicht in Form von Schulstoff – Sozialkompetenzen und Bildungskompetenzen vermitteln, um den Kindern die Rückkehr in das soziale Leben zu erleichtern.“

Gibt es etwas, worauf Sie nach einem Jahr im Amt mit Stolz zurückblicken?

Baier-Müller: „Ich glaube, – und das ist nicht mein Verdienst alleine –, dass wir diese Coronakrise seit rund einem Jahr schon gut hingekriegt haben. Die Finanzierung, die wir für die Besucherlenkung erwirken konnten, war auch keine Selbstverständlichkeit. Die Arbeit im Landratsamt ist aber immer eine Mannschaftsleistung.“

Ein Ausblick in die Zukunft: Was sind Ziele, Wünsche oder Projekte für die kommenden Jahre?

Baier-Müller: „Wir werden uns überlegen, wie wir mit Bundesfördermitteln zukünftig umgehen. Aktuell ist es so, dass der Bund relativ viel Fördermittel in verschiedenen Bereichen freigibt. Da werden wir gemeinsam mit den Gemeinden schauen, wie wir da möglichst viel für den Land- kreis Oberallgäu abschöpfen können. Auch das Thema Tourismus wird uns nach Corona beschäftigen. Alle hoffen, dass Corona in den nächsten Monaten ein bisschen an Brisanz verliert und wir in unseren Alltag reinkommen. Aktuell ist es so, dass 70 Prozent der Zeit für die Corona-Thematik gebraucht wird. Das Thema Sozialer Wohnbau lag mir ja während des Wahlkampfs sehr am Herzen. Da entstehen im Moment Projekte. Und nicht zuletzt sollte als Zukunftsprojekt sicherlich die Regionalität genannt werden: Unsere regionalen Produkte, wie Käse und Wurst, sind eine Chance.“

Und zum Schluss: Vermissen Sie denn auch manchmal Ihren alten Job, die Kollegen, das Büro, die Diakonie?

Baier-Müller: „Ich habe vor Kurzem die alten Kolleginnen und Kollegen wieder getroffen, bei der Einführung einer neuen Pfarrerin hier im Oberallgäu. Und das war schon sehr schön. Es war ein sehr herzliches Wiedersehen. Gleichzeitig muss ich sagen, ich habe hier im Landratsamt jetzt meinen Platz gefunden und das fühlt sich auch richtig an.“

Das Interview führte Lena Fuhrmann.

Zur Person 

Indra Baier-Müller (50) ist seit 1. Mai 2020 Landrätin des Kreises Oberallgäu. Zuvor war sie Geschäftsleitung der Diakonie in Kempten. Die studierte Sozialmanagerin und -pädagogin ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt in Immenstadt. 

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