Seit 40 Jahren am Puls der Zeit

Seit 40 Jahren kämpferisch im Lindenberger Stadtrat: Helmut Böller (links) und Leo Wiedemann. Foto: cut

Demnächst gibt es ein ungewöhnliches Jubiläum im Lindenberger Stadtrat zu begehen. Helmut Böller und Leo Wiedemann sind seit 40 Jahren in diesem Gremium vertreten. Dass es sich neben Dr. Eduard Leifert und dem verstorbenen Dr. Karl Häberle auch um die profiliertesten Lindenberger SPD-Politiker handelt, zeigt, dass sie die politische Anteilnahme stets aus Leidenschaft betrieben haben.

Das ist wohl auch der große Unterschied in der politischen Landschaft von heute zu 1972, als die beiden erstmals in den Stadtrat gewählt wurden. „Heute muss man Leute eher überreden, dass sie sich für ein Stadtratsmandat zur Verfügung stellen. Damals war’s eine Ehrensache und die guten Listenplätze waren heiß umkämpft“, weiß Helmut Böller. Damals waren aber auch Unterschiede im Stadtrat ausgeprägter: Einerseits Unternehmer, Handwerker, Freischaffende, Beamte vorwiegend organisiert in der CSU und bei den erst allmählich Sitze gewinnenden Freien Wählern, andererseits abhängig Beschäftigte und Lehrer bei der SPD. Ein Generationswechsel hatte 1972 stattgefunden. Die Jusos stürmten mit vielen Idealen in die Politik. „Wir wollten Verbesserungen erreichen für die Arbeiterschaft“, charakterisiert Böller das Anliegen. Bei einer Sitzverteilung von CSU elf, Freie Wähler vier und SPD neun Mandate gab es im Stadtrat immer wieder heftigen Schlagabtausch. Anschließend aber habe man sich bei einem Bier zusammengehockt und doch recht gut verstanden, berichtet Leo Wiedemann. Kampf aber gab es bei vielen Gelegenheiten, etwa als Kraft sich aus Lindenberg zurückzog und die SPD den Eindruck hatte, Bürgermeister Dr. Helmut Krammel habe nicht genug dafür getan, um das wichtige Unternehmen in Lindenberg zu halten. Bisweilen ereigneten sich Szenen wie aus einem Don-Camillo-und-Peppone-Film, etwa beim Volksbegehren Rundfunkfreiheit: Abends, als die Abstimmungszeit zu Ende ging, drückte Krammel von innen die Türe zu, während Leo Wiedemann und Helmut Böller sich von außen dagegenstemmten, damit noch weitere Bürger unterschreiben konnten. Lindenberg erzielte dabei bayernweit prozentual das beste Ergebnis. Das zeigt die SPD-Hochburg Lindenberg. In dem kleinen Arbeiterstädtchen, das durch die engen Gemarkungsgrenzen kaum Landbevölkerung hatte, war die SPD stets ein wichtiger Faktor. Leo Wiedemann und Helmut Böller stammen auch aus alteingesessenen SPD-Familien. Beider Großväter hatten bereits 1919 für den Stadtrat kandidiert. Durch die starke Position der SPD in der Stadt war es ihnen gegeben, über Lindenberg hinaus zu wirken. Wiedemann war ein Jahr als SPD-Geschäftsführer im Allgäu tätig, wirkte zudem sechs Jahre im Kreistag, war ferner Mitglied im SPD-Parteirat – eine Funktion, die ihm Kontakte ebnet, wenn es um Kandidatensuche für den Sozialistenhut geht. Böller ist seit 1996 im Kreistag und dort seit Jahren SPD-Fraktionssprecher. Wichtige Beschlüsse Als mit Dr. Eduard Leifert ein SPD-Mann Bürgermeister in Lindenberg wurde, war das natürlich ein besonderer Erfolg. Wichtige Weichenstellungen in den damaligen eineinhalb Legislaturperioden dieses Bürgermeisters bezeichnet Wiede- mann deshalb auch als für ihn selbst als ganz wichtige Beschlüsse: Gründung der Sing- und Musikschule, Einrichtung des Kinderhorts, Teilprivatisierung der Städtischen Werke. Was sich nicht durchsetzen ließ in jenen 40 Jahren Stadtratsarbeit war die Umbenennung der Sedanstraße. Den alten Namen, der an das Schlachtfeld von Sedan mit Kapitulation der französischen Truppen erinnert, hält Wiedemann für einen Affront bei den heutigen gutnachbarschaftlichen Beziehungen mit einer französischen Partnerstadt. Von manchen aktuellen Projekten sind Böller und Wiedemann nicht überzeugt: Ein zentraler Kinderhort in der Lauenbühlstraße sei die falsche Lösung. Eltern benötigen wohnortnahe Einrichtungen, ergänzt Böller, in Kindergärten integrierte Krippengruppen. Beim Kulturzentrum Reich machen sie geltend, dass die Folgekosten für das favorisierte Museumskonzept, den Veranstaltungssaal im 5. Stockwerk und die Außenanlagen zu niedrig angesetzt sind und deswegen mit weit höheren Betriebskosten zu rechnen sei: „Fazit: Die notwendigen Investitions- und Folgekosten sind – bei aller Sympathie für das Projekt – von unserem 11 000 Einwohner-Städtchen nicht zu stemmen.“ Hartes Brot Nicht selten ist es ein hartes Brot, auf der Oppositionsbank zu sitzen, vor allem dann, wenn die Mehrheit die Muskeln spielen lässt. Solche Beschlüsse gehen unter die Haut und verletzen, berichten die Jubilare. Unlängst verlor Lindenberg durch rückläufige Schüler- zahlen einen Sitz im Schulverband. Obwohl die SPD darum bat, dass alle Fraktionen dort mit einem Vertreter präsent sein sollten, wurde Leo Wiedemann durch Stadtratsmehrheit abgewählt. Zu den beglückendsten Erlebnissen der beiden langjährigen SPD-Stadträte gehören vor allem jene Projekte, bei denen alle am gleichen Strang zogen, etwa Schulerweiterungen oder auch die Aufwertung Lindenbergs zum Mittelzentrum.

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