Dietmannsriederin gründet Selbsthilfegruppe für neurologisch Erkrankte aus der Region

Mut schöpfen durch "Neurotalk U60"

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Jutta Sulzer mit ihrer heute achtjährige Tochter Pia.

Dietmannsried/Kempten – Am 2. November 2013 wurden Jutta Sulzer und ihre Familie von heute auf morgen aus ihrem normalen Leben gerissen. Damals wurde die dreifache Mutter mit einer eitrigen Gehirnentzündung in die Notaufnahme eingeliefert. Ihre Überlebenschancen lagen wochenlang bei 20 Prozent. Heute, mehr als zwei Jahre später, ist die 44-Jährige wieder weitestgehend gesund. Jetzt ruft sie eine Selbsthilfegruppe ins Leben, in der sich Menschen unter 60 Jahren, die von neurologischen Erkrankungen betroffen sind oder waren, austauschen und Zuversicht schöpfen können.

Jutta Sulzers Leidensweg begann ganz harmlos, mit Schnupfen, Husten, Glieder-, Ohren- und Kopfschmerzen. Doch die vermeintliche ganz normale Erkältung führte nach nur einer Woche dazu, dass die damals 42-Jährige eines Morgens aufwachte und halbseitig gelähmt war. Im Klinikum Kempten wurde festgestellt, dass Jutta Sulzer eine Gehirnentzündung hatte. „Mein Gehirn war wegen einer dicken Eiterschicht um sieben Millimeter nach links verschoben“, erinnert sie sich an die schreckliche Diagnose. Es folgte eine Verlegung in die Uniklinik Ulm. „Normalerweise wird in so einem Fall zur Entlastung der Schwellung ein rundes Loch in die Schädeldecke gebohrt, der Knochen eingefroren und später wieder eingesetzt. In meinem Fall ging das nicht, weil die Schädeldecke bereits vom Eiter angefressen und porös war. So musste ein mehr als Handteller großes Stück komplett entfernt werden. Das Gehirn selbst musste vom Eiter befreit, gespült und desinfiziert werden. Es hatte schon matschige Stellen“, erzählt Jutta Sulzer mit Tränen in den Augen. Zwei Wochen lang schwebte sie im künstlichen Koma in einem Zustand, näher am Tod als am Leben. Es erwies sich als schwer, den Auslöser der Krankheit zu bekämpfen, denn bis heute konnte nicht nachgewiesen werden, um welche Art von Bakterien es sich bei der Infektion handelte. Daher verabreichten ihr die Ärzte in der Folgezeit drei Monate lang die Höchstdosis an Reserve-Antibiotika. „Dass ich das akute Stadium überhaupt überlebt habe, grenzt an ein Wunder“, sagt Jutta Sulzer heute. „Das noch größere Wunder ist, dass ist heute fast komplett wiederhergestellt bin!“

Die OP war nur der Beginn eines fast zwei Jahre dauernden Albtraums. Fast ein Jahr lang musste die Dietmannsriederin mit offener Schädeldecke leben, die nur von der Kopfhaut bedeckt und durch einen Schutzhelm aus dem Sanitätshaus geschützt war. „Das war fürchterlich. Jeder kleine Druckunterschied und jede Bodenwelle beim Autofahren verursachten höllische Schmerzen.“ Zudem bestand in der ganzen Zeit die Gefahr, dass nicht alle Bakterien erwischt worden waren und die Infektion wieder aufflammen könnte. Als ein halbes Jahr lang trotz 8-10 Ergo- und Logotherapiestunden pro Woche nahezu keine Fortschritte festzustellen waren, fiel Jutta Sulzer in tiefe Depressionen. „Alles, was ich je gern gemacht hatte, ging nicht mehr“, erinnert sie sich an ihre finstersten Stunden. Erst die zufällige, kurze Begegnung mit einem früheren Kollegen bedeutete für die mittlerweile pensionierte Finanzbeamtin die große Wende. „Mein Kollege hatte mit Mitte 50 Jahren einen schweren Schlaganfall erlitten. Er konnte ohne Worte verstehen, was ich durchmachte. Zu sehen, dass es einem, wie ihm, trotz zwischenzeitlicher Stagnation irgendwann wieder besser gehen kann, machte mir unglaublich Mut. Ohne es selbst zu merken, gab er mir enorm viel Kraft und Zuversicht. Er war in dem Moment wirklich mein Stern am Himmel.“

Das Einsetzen der Schädelplatte aus Kunststoff war ein weiterer Quantensprung in ihrer Genesung. „Zwar hatte ich beim ersten Frühstück zu Hause nach der OP einen epileptischen Anfall, doch der wurde von den Ärzten als `normale´ Reaktion auf den Eingriff eingestuft“, sagt sie. Danach machte sie sich erneut mit eisernem Willen und der Hilfe ihrer drei Ergotherapeutinnen, ihrer Neuropsychologin sowie ihrer Logopädin daran, alte Fähigkeiten wieder zu erlangen. Dazu gehört auch ihr geliebtes Hobby und Nebengewerbe, das Nähen von Kinderschühchen aus hochwertigem Leder. Heute ist die 44-Jährige wieder in der Lage, ihren Haushalt und ihre Familie zu versorgen. Für Letztere war die Situation eine extreme Belastung. Umso glücklicher sind alle, ihre Mama und Ehefrau so gut wie gesund wieder zu haben. Seit einem halben Jahr funktionieren auch Jutta Sulzers linker Arm und die Hand wieder. Nur erschöpft sei sie schnell, sagt sie.

Seit es ihr wieder gut geht, widmet sich Jutta Sulzer mit Unterstützung ihrer Therapeutinnen der Idee, die bei dem Treffen mit dem Ex-Kollegen gekeimt war: Die Gründung einer Selbsthilfegruppe für jüngere Menschen mit neurologischen Erkrankungen. „Angesprochen sind alle unter 60 Jahre, die in irgendeiner Form neurologisch erkrankt sind oder waren“, erklärt sie. Sei es durch einen Schlaganfall, ein Hirntrauma, eine Gehirnblutung, Gehirnentzündung, Wirbelsäulenentzündung, Hirnaneurysma, chronischer Borreliose oder was auch immer. Sei es akut, in der Reha-Phase oder chronisch. Herzlich willkommen sind auch Menschen, die eine solche Erkrankung überstanden haben. „Wir wollen Austausch ermöglichen und Ermutigung spenden“, sagt Sulzer und ergänzt: „Bei älteren Schlagabfallpatienten sind die Probleme häufig anders. Junge Betroffene stehen mitten im Leben, haben oft Familie mit kleinen Kindern zu versorgen, geraten u.U. durch die Krankheit finanzielle Schwierigkeiten. Genau sie wollen wir abholen. Aber vielleicht erwächst aus der ursprünglichen Gruppe schnell eine reine Schlaganfallgruppe, eine Gruppe für andere Altersklassen oder eine Selbsthilfegruppe für die Angehörigen von Patienten.“ Wie sich zeigt, ist der Bedarf riesengroß. Schon jetzt haben 15 Betroffene ihre Teilnahme zugesagt. Die Treffen finden ab dem 21. Januar 2016 jeweils am 3. Donnerstag im Monat von 17-18.30 Uhr im Klinikum Kempten Robert-Weixler-Straße 50 im E-Bau, Zimmer E 1.38 statt. Informationen gibt es unter www.neuro-talk.de.  E-Mail: Info@neuro-talk.de.

Sabine Stodal

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