Eintauchen in den schwarzen Kontinent

Reise nach Abidjan

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Selina (2.v.r.) und ihre Mitvolontäre in Grand Bassam mit ein paar Enkeln der sieben großen Familien der N‘Zima.

„Vor drei Wochen haben wir drei Volontäre es uns nicht nehmen lassen, während der Ferien in die größte Stadt der Elfenbeinküste, nach Abidjan, zu reisen. Obwohl wir nur drei ganze Tage da waren und wahrscheinlich noch längst nicht alles gesehen haben, waren wir am Ende richtig froh, es gemacht zu haben.

Während diesen drei Tagen konnten wir in die ivorische Kultur eintauchen und haben unglaublich viel gelernt. Wir hatten richtig Glück, vorher in Duékoué schon Fabrice kennen gelernt zu haben. Dieser studiert in Abidjan Germanistik und hat gleich zugestimmt, unseren Guide zu spielen. Das war auch echt nötig, ohne ihn wären wir in diesem Großstadtdschungel mit seinen eigenen Gesetzen verloren gewesen. So hat er die Taxipreise für uns geregelt, hat uns beim Handeln geholfen und uns überall hingebracht, wo wir wollten.

Nachdem wir unseren Trip am Abend der Ankunft mit „Garba“ (Attieké (Couscous aus Maniok) mit Thunfisch – traditionell mit Händen gegessen) am Straßenrand eingeläutet haben, waren wir am nächsten Tag ganz touristisch unterwegs: Die wunderschöne Kathedrale St. Paul, die Notre Dame d’Afrique (wo sich bei der Aussicht über das prekäre Viertel die zwei Gesichter Abidjans zeigen), das Geschäftsviertel, eine Moschee und den Zoo. Weil es dann langsam dunkel wurde, haben wir beschlossen, Fabrices Geschwister in Yopougon, ein Viertel am Rande von Abidjan, zu besuchen. Die Fahrt dahin haben wir nicht in einem Taxi unternommen, wie schon den ganzen Tag, sondern mit den typisch afrikanischen „Gbakas“. Das sind Kleinbusse mit Platz für etwa 20 Leute. Dabei gibt es immer einen Fahrer und einen der alles drum herum macht: Er preist Mitfahrer an, hängt sich dabei halb aus dem Auto und sammelt das Geld ein. Hierbei hab ich wohl ganz schön Eindruck gemacht, wie ich letztens erfahren habe: Zunächst einmal kommt es so gut wie nie vor, dass „toubabous“ (Weiße) in einem Gbaka mitfahren. Dass dann sogar das weiße Mädel dem „apprenti“ das Geld gibt und für fünf Plätze zahlt, ist halt schon der Hammer.

Mit Fabrices Geschwistern und Freunden sind wir dann Essen gegangen: Attiéké mit Schweinefleisch. Attiéké mag ich mittlerweile ja echt gern, aber hier hat man eine ganz andere Definition von Fleisch… Ich hatte ein wirkliches Stück Fleisch, der Rest war eher Fett vermischt mit Knorpeln… Somit konnte ich mein Essen wenigstens mit gutem Willen teilen. :D

Am darauffolgenden Tag haben wir weniger gesehen, aber umso mehr über die Côte d’Ivoire gelernt. Da wir uns ja gerade in Abidjan aufhielten, haben wir spontan die Deutschenrunde in der deutschen Botschaft besucht, zu der wir regelmäßig über das Auswärtige Amt eingeladen werden. Uns hat vor allem auch das Thema dieser Runde interessiert: die Ethnien der Elfenbeinküste. So haben wir uns also in der Früh auf den Weg gemacht – ohne Fabrice, haben jedoch am Abend zuvor alles genau durchgesprochen, welches Taxi wir nehmen, welcher Taxipreis angemessen ist und was wir dem Taxifahrer sagen. Nach einem kleinen Umweg zum Domizil des Botschafters, sind wir schließlich doch bei dessen Arbeitsplatz angekommen. Nach uns ist eine bunte Mischung von Deutschen eingetrudelt. Der Vortag war richtig interessant, in der halben Stunde konnte man jedoch leider nur an der Oberfläche kratzen. Davon nun eine kleine Zusammenfassung:

60 verschiedenen Ethnien

In der Elfenbeinküste leben etwa 60 verschiedene Ethnien, die man grob in vier Gruppen einteilen kann: die Mandé, die Volta, die Krou und die Akan.

Mandé: die Mandé du nord sind eher islamisiert, bei den Mandé des Südens findet man mehr Christen. Ursprünglich sind sie Händler und sind wohl auch heute eher die, die ein Geschäft besitzen. Die Frauen haben hier keine hohe Stellung, sodass etwa Hochzeiten arrangiert werden. Bei den Akan dagegen sind die Frauen stark. Hier gilt das Materialsystem, das heißt, das Kind gehört zur Mutter, nicht zum Vater. Hier wird nicht der Sohn des Königs der Nachfolger, sondern der Neffe, also der Sohn der Schwester des Königs. Bei ihr kann man sich nämlich sicher sein, dass es auch wirklich ihr Kind ist. Außerdem wendet man sich für Ratschläge an Frauen. Die Akan sind vor allem in Südosten der Elfenbeinküste und machen etwa 30 Prozent der Bevölkerung aus. Zu den Krou gehören unter anderem die Guéré, die in Duékoué sind. Hier sind es wieder die Männer, die sich um das wirtschaftliche, soziale und politische kümmern. Da sich die Krou hauptsächlich im Südwesten des Landes befinden, in einer hügeligen Landschaft, waren sie lange isoliert von der Außenwelt und auch heute noch leben die Dörfer eher für sich. Ihre Kultur beinhaltet vor allem Tanz, Musik und Schnitzkunst. Die Volta sind die älteste Gruppe der Côte d’Ivoire. Seit etwa 2000 Jahren befinden sie sich in Nordosten des Landes.

Anhand der Namen kann man einen Menschen einer der Gruppe zuordnen. Jede Ethnie hat für den Wochentag, an dem man geboren ist, bestimmte Namen. Man bekommt also den Wochentag der Geburt als Namen, ebenso den des Vaters, dazu meist einen christlichen Namen und den Namen einer wichtigen Person für die Eltern. Ebenso gibt’s Namen für Zwillinge, oder wenn man nach Zwillingen geboren ist. Somit kommt hier also alles ziemlich oft vor. Auf den Studentenlisten von der Felix-Houphouet-Boigny-Universität, die wir uns auch noch angeschaut haben, haben wir dann immer K gesucht: Kouassi Kouassi Kouassi… Koffi Koffi Koffi… Jede Gruppe hat auch ihre Essgewohnheiten, sodass man es den Menschen in einem Flüchtlingslager in Burkina Faso also nicht übel nehmen kann, wenn diese den für sie gelieferten Reis nicht essen wollen.

Das Thema Polygamie ist auch aufgetaucht, allerdings weiß ich nicht mehr welcher Gruppe man das zuordnen muss. Dass man hier zwei Frauen heiraten kann, hab ich auch schon in Bezug auf mich gehört.

Stammesrecht über dem Zivilrecht

Nach der Deutschenrunde haben wir uns Blockoss angesehen, das Dorf, aus dem Abidjan entstanden ist. Richtig interessant ist hier, dass das Stammesrecht über dem Zivilrecht steht. Will man etwa ein Grundstück kaufen, wird hier erst der „chef du village“ (Dorfchef) aufgesucht. Ebenso fragt auch die Polizei, ob man schon beim chef du village war. Das alles hat uns ein Herr erzählt, der mit ebendiesem zusammenarbeitet. Die Ethnie dieses „Dorfes“ heißt „Ebrié“. Diese sind sehr stolz, lassen die „Fremden“ etwa keine Moschee in ihrem Viertel bauen.

Was immer interessant ist: No-goes und Verhaltensregeln:

– Niemals Wasser ablehnen

– Bei einer Einladung niemals mit Essen auftauchen

– Niemals den Besuch fragen, wie lange er bleibt

– Erst nachdem man das dritte Mal nach dem Weg gefragt hat, kann man wirklich gehen.

– Der Smalltalk: Der Gastgeber fragt den Jüngsten nach den Neuigkeiten. Dieser sagt zu den älteren Gästen: „on demande des nouvelles“ (Man verlangt nach den Neuigkeiten), die älteren: „gib die Neuigkeiten“, der Jünste: „Y a rien de grave“ (Nix schlimmes). Danach redet man über die Gesundheit, die Ernte, die Kinder… nimmt sich also sehr viel Zeit. Erst danach rückt man mit der wirklichen Neuigkeit heraus, was ein Todesfall, eine Hochzeit usw. sein kann.

– Um Respekt auszudrücken, nennt man seinen Gegenüber, dem Altersunterschied entsprechend, „Maman“/„Papa“, „Soeur (Schwester)“/„Frère (Bruder)“… So hat auch Fabrice bei den Studenten unter ihm von „nos petits frères“ (unseren kleinen Brüdern) gesprochen.

– Man wird niemals direkt mit einem König sprechen können. Der hat immer einen Zwischensprecher, der ihm alles in seine Stammessprache übersetzt, selbst wenn er selbst perfekt Französisch spricht.

Die etwa 60 Ethnien mit ihren verschiedenen Sprachen haben mit dem Französisch offiziell eine gemeinsame Sprache. Die wirkliche Sprache, die sie aber alle verbindet, ist „Nouchi“ – wörtlich übersetzt „Nasenhaare“. Das ist eigentlich Französisch, aber für viele Wörter gibt’s einen anderen Ausdruck, der aus den verschiedenen Sprachen kommt. Irgendwie schön: man vermischt alles ein bisschen und teilt es sich.

Wir hatten Glück, gerade zu dieser Zeit nach Abidjan zu fahren: wir sind am nächsten Tag nämlich nach Grand Bassam. Die ehemalige Kolonialstadt liegt direkt am Meer. Mit ihren alten Kolonialbauten gehört sie heute zum UNESCO-Welt-Kultur-Erbe. Doch das Beste: Es war zurzeit ein Festival: „Abissa“. Es wird von den N’Zima (Gruppe der Akan), die ursprünglich aus Ghana kommen, gefeiert. Es geht um Gesellschaftskritik, es wird also alles Schlechte dieses Jahres kritisiert. Dafür malen sich alle an und es wird getanzt. Wir waren glücklicherweise auch gerade am Höhepunkt da, wo der König kommt und die Enkel der sieben Familien der N’Zima vor ihn treten.

So wie wir unseren „séjour“ in Abidjan begonnen haben, so haben wir ihn beendet: Beim gleichen Stand haben wir wieder „Garba“ gegessen. Es waren wirklich wundervolle Tage!

Zurück in Duékoué haben wir uns im Vergleich zu Abidjan wie in einem Dorf gefühlt, wo nichts los ist. Trotzdem hab ich jetzt schon wieder genug, worüber ich schreiben kann. On s’attrape! (Nouchi für „bis bald“)

Eure Selina“

(Diesen Artikel findet ihr ausführlicher und mit vielen Bildern auf meinem Blog: https://blogs.strassenkinder.de/selinainderelfenbeinkueste/)

Teil 1: //www.kreisbote.de/lokales/kempten/selina-kettner-jahr-lang-elfenbeinkueste-5362678.html

Teil 2: //www.kreisbote.de/lokales/kempten/bonne-arrive-5559133.html

Teil 3: //www.kreisbote.de/lokales/kempten/jahr-sammelt-selina-kettner-erfahrung-westafrika-5673841.html 

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