Selina in der Elfenbeinküste

"Il est né le divin enfant"

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Kinderweihnachten in Duékoué.

"Ich melde mich wieder aus Duékoué! Viele von euch hat ja sicherlich interessiert, wie ich Weihnachten, hier in der Elfenbeinküste verbracht habe. Ich muss zugeben, Weihnachten war nicht wirklich schön für mich… Hier ist das kein besonderes Fest, ein Tag wie jeder andere. Ich als Deutsche, die mit Weihnachten Besinnlichkeit, Ruhe, „Stille Nacht“, Schnee, Kerzen, Christbaum, Plätzchen,… verbindet, wurde etwas enttäuscht… Allein beim Weihnachtsliedersingen mit Père Carlos und beim Plätzchenbacken für die communautés kam etwas Weihnachtsstimmung bei mir auf.

Auf der Mission wurde am Wochenende vor Heilig Abend „Kinderweihnachten“ veranstaltet. Fast alle Kinder aus Duékoué waren da. Den ganzen Vormittag wurden sie im Centre Culturel unterhalten. Krippe ausmalen, Sketche, Tanzwettbewerb, Misswahl… Mittags bekam jedes Kind etwas zu essen und danach ging es mit Spielstationen weiter. Am Ende wurde gezählt, wie viele Spiele jedes Kind gewonnen hat und jedes bekam dafür dann ein Geschenk. Das Ziel aller Kinder. Am Vormittag meinte schon ein kleiner Junge „Je suis venu pour mon cadeau.“ (Ich bin für mein Geschenk gekommen). Das war dann auch ein echtes Chaos. Wir Animateure haben uns in der Bibliothek der Mission eingeschlossen (!) und die Geschenke durch die Fenster gegeben. Draußen waren Animateure, um die Kinder zurückzudrängen. Es ist nämlich tatsächlich ein Fenster gebrochen. Außerdem gab es richtig dreiste Kinder, die auf ihren Zettel in die leeren Felder ein „oui“ reingeschrieben haben, um mehr gewonnene Spiele zu haben. Die haben wir aber alle enttarnt, weil diese „ja“ nur grün waren. Alles in allem, war das aber ein richtig gelungenes Fest.

Mit den Mädels haben wir ebenfalls Weihnachten gefeiert. In einem großen Kreis sind wir abends im Lernsaal zusammengesessen. Wir hatten einiges an Programm: eine Gruppe hatte ein Krippenspiel mit Liedern und Tänzen vorbereitet. Auch sonst wurde immer in den Pausen, am Anfang und am Ende getanzt. Da waren echt coole Tänze dabei: einer etwa, wo man immer in die Hocke geht und dann mit einem halben Spagat aufspringt. Bei einem anderen geht einer in die Hocke und der andere schwingt immer sein Bein über ihn drüber… Alles immer zur Tam-Tam und eigenem Gesang. Ist echt immer schön anzuschauen. Wir haben zusammen Weihnachtlieder gesungen, gebetet und danach durfte sich jedes Mädchen eine Karte nehmen, in der ein Spruch zur Barmherzigkeit drin war, passend zum „Jahr der Barmherzigkeit“. Die hatten wir vorher für alle gebastelt. Dann haben wir alle zusammen gegessen. Eine Gruppe hatte schon den ganzen Tag für alle gekocht, in Riesentöpfen auf offenem Feuer. Für jeden gab’s eine große Portion Reis mit Fisch. Danach folgte ein Wettbewerb. Schon Wochen vorher haben die Mädels alles über Don Bosco, Maria Mazarello, Dominikus Savio, Laura Vicunia und Co. gelernt. Jede, die ich abgefragt hatte, konnte mir alles perfekt sagen, sogar genaue Daten. Für das ganze Jahr sind die Mädels in „Compagnies“ eingeteilt, um etwa für den Putztag alles zu verteilen. Diese sind nun gegeneinander angetreten. Die Schwestern, Marie und wir Volontäre waren auf dem ganzen Gelände der Schwestern verteilt, bewaffnet mit 20 Fragen über eine der Persönlichkeiten. Die Mädels haben eine Nummer gezogen und mussten ihre Frage finden. Auf die Antwort haben sie dann Punkte bekommen. Das war richtig witzig anzuschauen. Die Mädels sind auf dich zugerannt und haben dir eine Nummer zugeschrien. Bei zehn Punkten für die richtige Antwort war die Freude riesig. Danach wurden Preise verteilt. Für die Besten waren sogar Armreifen drin. Zusätzlich wurden die geehrt, die besonders ordentlich und verantwortungsbewusst sind. Natürlich auch, um die anderen zu motivieren. Danach wurden die „amis invisibles“ (unsichtbaren Freunde) aufgelöst. Ich habe das letzte Mal ja schon erwähnt, dass wir uns gewichtelt haben. An diesem Abend hat jeder „ami invisible“ seinem Freund ein Geschenk übergeben. Die ganze Auflösung wurde von Gesang begleitet. Nach all den Fotoshootings mit den Mädchen konnten meine Mitvolontärin Nora und ich jedem Mädchen ein schönes Porträt von sich schenken.

Was meine Stimmung für Weihnachten wohl auch etwas runtergezogen hat, war, dass alle Mädels für die zwei Wochen in ihre Dörfer gefahren sind. Der Abschied von einem Mädchen war besonders schlimm. Etwa eine Woche vorher kam raus, dass sie schwanger ist. Mittlerweile schon die Zweite… Beide etwa 16. Ich kann es nicht verstehen warum, aber auch sie musste das Foyer verlassen. Unter ihren Umständen, unverheiratet und schwanger, war klar, dass ihr mit ihrer Tradition eine schwere Zeit bevorsteht. Ihr Vater hat für sie nun keine Verpflichtungen mehr, sie darf sein Geld nicht mehr anfassen, und ich glaube, sogar nicht mal ihr Dorf betreten… Laut Marie besteht aber die Hoffnung, dass er sie nach der Geburt wieder aufnimmt. Bis dahin sind es aber noch einige Monate… Bei dem anderen Mädchen führte all das dazu, dass sie Medikamente eingenommen hat, um abzutreiben… Ich finde es schlimm, dass diese Mädchen grade von den Schwestern gefallen lassen werden. In Benin gibt es ein Projekt der Don Bosco Schwestern für minderjährige Mütter, hier ist der Schein wichtiger… Um sie abzuholen kam nur eine Tante. Beinahe wie ein Trauerzug haben wir sie zum Bahnhof begleitet, eingestellt auf einen Abschied für immer und mit dem Wissen, wie schwer sie es jetzt haben wird. Glücklicherweise wohnt sie jetzt zusammen mit fünf anderen Mädchen in Duékoué. Kann also noch weiter auf die Schule gehen und besucht uns oft. Die Schwestern haben ihr, eine unserer Analphabetinnen, glücklicherweise erlaubt, dass sie unseren Alphabetisierungskurs weiter mitmacht. Davor hatte ich nämlich Angst, dass sie nun nie lesen und schreiben lernt. Das ist einfach die Basis.

Und dann war auch schon Weihnachten. Wie oben schon erwähnt, alles nicht sooo toll… Gerade am Heiligen Abend habe ich meine Familie total vermisst. Die Messe war schön, allerdings fehlte mir eben das „Stille Nacht“ am Ende nur bei Kerzenschein. Einmal war die Kirche wirklich nur von Kerzen erhellt, beim Evangelium, als der Strom ausfiel. Danach wurden Geschenke mit den Schwestern ausgetauscht. Anstatt, wie alle anderen noch wegzugehen, sind Nora und ich gleich ins Bett. Einfach gar nicht in der Stimmung nach Feiern. Den ersten Weihnachtsfeiertag haben wir zusammen mit beiden „communautés“ gefeiert. Das war wiederum richtig nett. Wir haben gut gegessen und Weihnachtslieder auf Französich, Italienisch, Spanisch, Catalan, Baskisch, Lateinisch und natürlich Deutsch gesungen (jaja wir sind hier multikulturell unterwegs). Unsere Plätzchen kamen auch sehr gut an. Nach dem riesen Berg Geschirr zum Abwasch, wie jedes Mal, wenn die Salesianer zu Besuch sind, haben wir Volontäre noch Geschenke ausgetauscht und unser „Stille Nacht“ bei Kerzenschein nachgeholt.

Zum Schluss möchte ich mich ganz herzlich bei allen bedanken, die bis jetzt gespendet haben! Ihr seid großartig! Den Mädels kommt jetzt schon eine beträchtliche Summe zu. Die Schwestern planen damit etwa das Foyer zu vergrößern. Hätten wir 100 Plätze, wären auch die alle besetzt, so groß ist die Nachfrage nach einem Platz hier.

Liebe Grüße und bis bald! Eure Selina"

Mehr Bilder auf Selinas Blog unter https://blogs.strassenkinder.de/selinainderelfenbeinkueste/

Teil 1: http://www.kreisbote.de/lokales/kempten/selina-kettner-jahr-lang-elfenbeinkueste-5362678.html

Teil 2: http://www.kreisbote.de/lokales/kempten/bonne-arrive-5559133.html

Teil 3: http://www.kreisbote.de/lokales/kempten/jahr-sammelt-selina-kettner-erfahrung-westafrika-5673841.html 

Teil 4: http://www.kreisbote.de/lokales/kempten/selina-elfenbeinkueste-5906159.html

Teil 5:  http://www.kreisbote.de/lokales/kempten/selina-elfenbeinkueste-6005702.html

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