Selina in der Elfenbeinküste

Auf in den Norden des Landes

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"Letzten Monat hatten wir die Chance in den tiefsten Norden unserer neuen Heimat zu reisen. In Korhogo fand eine dreitägige Fortbildung für die Animateure des Oratoriums statt. Wir drei Volontäre haben uns also zusammen mit Père Modeste, Soeur Thérèse und weiteren sieben Animateuren auf den Weg gemacht. Allein die Anreise war schon ein Abenteuer.

Wir sind mit einem Massa gefahren. Das sind die von außen schön verzierten und bemalten Kleinbusse, die in Abidjan „Gbaka“ genannt werden. So cool sie von außen auch aussehen, so ungemütlich sind sie innen. Nach einer halben Stunde hat mir schon der Hintern wehgetan und ich wusste nicht mehr, wie ich eigentlich sitzen soll. Das System der Massas und Gbakas ist immer das gleiche: ein „chauffeur“ und ein „apprenti“. Der „chauffeur“ hat nichts zu tun außer zu fahren, der „apprenti“ übernimmt alles andere: Während der Fahrt aus dem Fenster schreien, wo man hinfährt, um neue Fahrgäste einzusammeln, dem Fahrer sagen, wann er anhalten soll, wenn jemand aussteigen will oder ein neuer Fahrgast hinzukommt und das Geld einsammeln (die Scheine dann immer zwischen die Finger „gefädelt“). Das Ziel ist immer möglichst viel Profit zu machen. So wird der Platz des Massas auch völlig ausgeschöpft: Unter meinen Füßen waren die ganzen zwölf Stunden Fahrt ein großer Sack Reis, von oben ist fast das Gepäck auf uns heruntergefallen und was macht der apprenti als schon jeder Platz besetzt ist? Er lädt nochmal drei Fahrgäste ein. Wir sollen doch bitte zusammenrutschen. Das Wohl der Fahrgäste ist halt eher zweitrangig. Etwas schadenfroh war ich dann, als der apprenti selbst keinen Platz mehr im Massa hatte und deshalb, wie ein Müllmann, hinten auf der Stoßstange des Massas stehen musste.

Spät am Abend sind wir als letzte Gruppe in Korhogo angekommen. Insgesamt waren wir fast 70 Animateure glaube ich, aus Abidjan, Korhogo und Duékoué – den drei Standorten mit Salesianern und Don Bosco Schwestern in der Elfenbeinküste. Nach dem Abendessen (Nudeln. Wir haben schon angefangen die mit den Händen zu essen, was man ja sonst mit allem macht, als uns dann doch Besteck gegeben wurde), gab es kleine Spiele zum Kennenlernen. Zum Schluss sollte aus jeder kleinen Gruppe ein Mitglied in einer unterhaltsamen Art und Weise vorgestellt werden. Und natürlich hat meine Gruppe den „Toubabou“ (Weiße) ausgewählt. Den anderen hat es gefallen, mir wurde richtig zugejubelt als ich in die Mitte bin.

Todmüde sind wir dann ins Bett. Wir haben mit allen Mädels in einem großen Schlafsaal geschlafen. Irgendwann wurden Nora und mir zwei Moskitonetze reingeworfen. „Für die Weißen“. Aufgebaut haben wir die Netze die drei Nächte aber dann doch nicht. Wach wurden wir jeden Tag ab halb fünf – als das bunte Treiben zur Dusche losging, denn das hat ziemlich Zeit in Anspruch genommen: Es gab genügend Duschen, aber zu wenig Eimer – meistens war das Wasser weg. Gefühlte zwei Stunden musste man immer warten, bis ein Eimer frei wurde und dann, wenn man ganz Pech hatte, Wasser von draußen holen.

Die zwei Tage haben wir drei Vorträge gehört und danach in Kleingruppen zusammengearbeitet. Am zweiten Nachmittag haben wir einen Ausflug in ein nahe gelegenes Künstlerdorf unternommen. Zur besten Tageszeit, um 14 Uhr, sind wir alle in der knallenden Hitze etwa eine Stunde dort hin gelaufen. Aber die Anstrengung hat sich echt gelohnt. In diesem Dorf wurden traditionelle Stoffe gewebt und Schmuck aus Lehm hergestellt. Es war richtig bewundernswert, wie gearbeitet wurde, mit welchen Methoden, und was für schöne Sachen herauskamen. Zurück laufen mussten wir glücklicherweise nicht mehr. Ein kleiner Transporter der Gemeinde der Salesianer kam. „So und jetzt alle Mädchen“. Zu etwa 30. haben wir uns auf die kleine Ladefläche gequetscht. Damit wäre man in Deutschland sofort von der Polizei angehalten worden. Hier wurden wir ganz nett am Stadteingang zu Korhogo durchgewunken.

Obwohl wir von dem Ausflug alle schon total müde waren, wurde noch ein bunter Abend veranstaltet. Die Duékoué-, Abidjan- und Korhogo-Gruppen haben jeweils ein Theaterstück oder Tanz vorbereitet. Das Stück unserer Gruppe: Ein Mann will ein Schaf für einen hohen Preis verkaufen. Niemand will es. Kommt ein Verrückter. „Ja ich kaufs.“ Der Mann schlachtet das Schaf, bereitet alles zu. Der Verrückte schließlich: „Okay dann nehme ich davon ein Stück für 200 f CFA (30 ct).“ (Hier sagt man für die gewollte Menge nicht das Gewicht, sondern den Preis.) Und dann waren die zwei Tage auch schon vorbei.

 Ganz früh sind wir am nächsten Tag nach der Messe los. Bis nach Yamoussoukro, der Hauptstadt, ganz entspannt mit dem Fernbus. Dort angekommen sind wir zu einem anderen Bahnhof mit Bussen nach Duékoué gelaufen. Die ganze Zeit, wirklich etwa 20 Minuten, hat uns ein Mann verfolgt, der uns überreden wollte, bei seiner Busgesellschaft mitzufahren. Der war richtig hartnäckig und am Ende richtig angepisst, so ein Geschäft zu verpassen. Wir wollten aber nicht, da der Bus wahrscheinlich nicht klimatisiert gewesen wäre. Am Bahnhof angekommen, haben wir erfahren, dass kein Bus mehr direkt nach Duékoué fährt. Weil die anderen es dann für zu teuer hielten, in Daloa noch mal ein Ticket zu kaufen, haben wir uns nach zwei Stunden sinnlosem Rumsitzen ein Massa organisieren können, das versprochen hat, uns bis nach Hause zu bringen. Wir saßen hinten eingequetscht – ohne Klimaanlage – und wurden bei jedem Schlagloch in die Höhe geschleudert. War schon fast witzig, wie sehr sich alle über die Fahrweise des Chauffeurs aufgeregt haben. Und dann hieß es: „Wir fahren nicht bis nach Duékoué.“ Wir mussten also das Massa wechseln, und das gleiche dann später noch einmal! Da waren wir dann schon ein bisschen „fâché“ (wütend). Nach 14 Stunden Fahrt sind wir dann endlich angekommen. Obwohl die Verteilung von Fahrt und Korhogo-Aufenthalt etwa eins zu eins war, hat es sich dennoch gelohnt, finde ich.

Bis Bald,

Eure Selina"

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