Ein Jahr sammelt Selina Kettner Erfahrung in Westafrika

"Bonne arrivée!"

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Selina (rechts) zusammen mit Antoinette (li.) und Nora auf einen Felsen, von dem aus sie die die Aussicht über Duékoué genießen konnten.

"Am 1. September bin ich von Frankfurt über Addis Abeba (Äthiopien) nach Abidjan, der größten Stadt in der Elfenbeinküste gereist.

Mittlerweile befinde ich mich im Westen der Côte d’Ivoire, in Duékoué, mitten in Afrika. Irgendwie ist es immer noch komisch, zu wissen, dass ich dort nun für ein Jahr leben werde. Täglich prasseln neue Eindrücke auf mich ein, aber langsam gewöhne ich mich hier ein. Nun mal ganz von vorne: 

Im Gegensatz zu den Temperaturen morgens in Äthiopien, wo wir beinahe gefroren haben, ist uns in Abidjan sofort die drückende heiß-feuchte Luft entgegengeweht, als wir aus dem Flugzeug gestiegen sind. Es ist hier eigentlich immer ziemlich heiß, auch wenn die Sonne nicht zu sehen ist. Ich habe allerdings schon einen etwas frischeren Tag erlebt, denn zurzeit regnet es auch immer wieder stark. Wir wurden am Flughafen von Soeur Rosanna, der Direktorin unseres Projekts, abgeholt und sind mit einem kleinen Umweg zum Projekt der Don Bosco Schwestern und der Salesianer in Abidjan gefahren. Auf dieser Fahrt konnten wir uns einen ersten Eindruck von Abidjan, der Elfenbeinküste, dem wirklichen Afrika machen. Es gab so viel auf einmal zu sehen. Überall bunte Farben von den schönen Kleidungen dort, Menschen die riesige Schalen mit Früchten, Flaschen oder sonst was auf ihren Köpfen balancieren, laute Musik auf der Straße… Der Verkehr war ein echtes Chaos. Jeder hat versucht sich in jeden noch so kleinen Schlitz zu drängen, es wurde gehupt, was das Zeug hält und Roller fährt man hier auch ohne Helm. Ich hab auf der Reise nach Duékoué eine einzige Ampel gesehen. 

Überall werden wir herzlich willkommen geheißen. Ich habe schon um die 300 „Bonne arrivée“ gehört, selbst jetzt nach zwei Wochen noch. Es sind wirklich alle sehr nett. Ein paar Mädels haben uns in Abidjan sogar ein Lied gesungen. Bevor wir von Abidjan nach Duékoué fahren konnten, mussten von meiner Mitvoluntärin Nora und mir Passfotos gemacht werden, wegen der Visumsverlängerung. Wir hatten nämlich keine dabei. Also ist kurzerhand ein Fotograf gekommen. Wir wurden vor eine weiße Wand gesetzt und für umgerechnet 3,75 Euro mit seiner Digicam fotografiert. 

Der Weg führte uns am Regenwald vorbei durch die Savanne der Elfenbeinküste. Wir haben viele Kleinbusse überholt, die das ganze Gepäck auf dem Dach festgebunden hatten, sind seeeeeehr vielen Schlaglöchern ausgewichen und haben am Straßenrand immer wieder Menschen gesehen, die Schüsseln (natürlich auf dem Kopf) transportieren oder Bananen verkaufen. In Yamoussoukro, der politischen Hauptstadt der Elfenbeinküste, haben wir eine Pause gemacht, um die „Notre-Dame-de-la-Paix“ zu besichtigen. Diese Kathedrale hat, wenn man das Kuppelkreuz mit berechnet, die größte Kuppel der Welt. Sie ist nach dem Vorbild des Petersdoms gebaut und ist von innen, sowie von außen wunderschön. In Duékoué wohne ich auf dem Gelände der Katholischen Mission. Es ist riesig! Dort gibt es eine Kirche, die Salesianer und die „Soeurs Salésiennes“ wohnen dort, es gibt einen Sportplatz, ein Mädchen- und ein Jungeninternat, Klassenräume und sogar eine eigene Plantage, wo Kautschuk gewonnen wird, oder auch Mangos und Bananen wachsen. 2011 kamen hier in der „mission catholique“ 30.000 Flüchtlinge unter. Nach den Präsidentschaftswahlen 2010 wurde das Land in einen bürgerkriegsähnlichen Zustand versetzt, wobei es in Duékoué sogar zu einem Massaker kam. Über mehrere Monate bot das Gelände den Menschen Schutz. Es ist sehr komisch, wenn ich mir das alles vorstelle und gleichzeitig durch das Zentrum laufe. Zurzeit sind noch Ferien und meine eigentliche Arbeit hat noch nicht begonnen. Zusammen mit meiner Mitvoluntärin Nora und Marie, einer Ivorerin, bin ich für die Mädchen im Internat „Foyer Marie Auxiliatrice“ verantwortlich. Jeden Vormittag muss ich für die Mädchen einfach immer da sein. Montags und freitags werde ich allerdings zusammen mit Père Carlos Matheunterricht im Ausbildungszentrum der Salesianer Don Boscos (CPAR: Centre professionnel artisanal rural) geben. Berufsschule sozusagen. Ich bin ganz froh ihn da an meiner Seite zu haben. Mathematik auf Französisch klingt jetzt nicht so einfach… Abwechselnd mit Nora werde ich jeden Tag entweder nachmittags oder abends mit den Foyermädchen lernen und Nachhilfe geben. Jeden Mittwochnachmittag (ebenfalls abwechselnd) gibt es für Vorschulkinder die Vorkatechese. So eine Art Bibelstunde, wo danach immer was ausgemalt werden darf. Jeden Sonntag gibt es das Oratorium. Dies findet sich in jeder salesianischen Einrichtung. Alle Kinder aus der Stadt dürfen kommen, um dort zu spielen und zu lernen. Dort werde ich ein Karatetraining anbieten. Das freut mich wirklich. Sr. Rosanna hat schon gemeint, dass ich ganz viele Kinder haben werde. Es ist sehr lustig zu sehen, wie die Menschen, vor allem Kinder, auf unsere weiße Haut reagieren. Bei einem Spaziergang durch Duékoué sind wir einer Frau begegnet, die etwa eine halbe Stunde auf uns eingeredet hat, dass wir ihr helfen sollen nach Europa zu kommen. Meinen Arm unter ihre Achseln geklemmt, Nora am Arm haltend, hat sie uns zu ihrem Haus geführt und uns dort beinahe festgehalten. Wirklich erklären, dass das nicht geht, ging nicht. Es half nur ein „on verra“ („wir werden sehen“). Während dieses Gesprächs sind immer mehr Kinder gekommen. Anfangs haben sie sich vor uns versteckt und immer vorsichtig gespitzelt. Als ich dann meine Kamera gezückt habe, wurden sie mutiger. Alle haben später dann sogar meine Haare angefasst. Ein Mädchen meinte, ich hätte „Traumhaare“, dabei bin ich doch die, die so von den ganzen Frisuren hier fasziniert ist. Ich freue mich schon, wenn mir die Haare so geflochten werden. Leider haben wir mit unserer Erscheinung schon ein Baby zum Weinen gebracht. Die Kleine konnte sich gar nicht mehr beruhigen. Ein kleiner Junge hat ganz große Augen gemacht und ist gleich mal zwei Schritte zurück gestolpert, als er uns gesehen hat. Eine Gruppe von Kleinkindern ist uns entgegengerannt und jeder hat unsere Beine umarmt. Als wir einen Felsen am Rande Duékoués hochgelaufen sind, haben wir eine Gruppe Jungs getroffen, die sich dann einfach neben uns beim Fotomachen gesetzt haben. Überall wird dir gehupt, gewunken und man hört immer wieder „la Blanche“, also „die Weiße“. Viele denken auch, wir seien Don Bosco Schwestern, da alle anderen Weißen hier ebensolche oder Priester sind, und grüßen uns mit „Guten Tag, meine Schwester“. Die Weiße zu sein, ist aber nicht immer so gut. Wie Père Carlos so schön meinte, gelten wir hier mit der hellen Haut und den blonden Haaren, für die Männer als „größtes Glück“. Jeder will deine Handynummer haben, egal welches Alter. Dabei können die echt hartnäckig sein. Davor hat mich meine Vorgängerin schon gewarnt. Bis jetzt hat es aber immer ganz gut geklappt, so zu tun, als wüsste ich sie nicht. Dafür habe ich halt jetzt schon ein paar Nummern eingesackt, die ich zurück rufen soll. 

In unserer „communauté“ sind wir mittlerweile zu Zehnt. Fünf Schwestern, Marie, wir zwei Voluntäre und zwei Aspirantinnen. Diese überlegen sich, auch Don Bosco Schwestern zu werden und werden, wie wir, ein Jahr hier in Duékoué verbringen, um das Leben bei den Schwestern kennen zu lernen. Alles in allem, fühle ich mich hier wohl. Die Menschen sind alle nett, die Landschaft wunderschön mit seinem saftigen Grün und der roten Erde. Ich freue mich, wenn jetzt die Mädchen kommen und ich von meiner richtigen Arbeit berichten kann. Soviel wie ich hier erlebe, gibt es dann bestimmt wieder genug. (Mehr Bilder gibt es auf meinem Blog: http://www.blogs.strassenkinder.de/selinainderelfenbeinkueste)  Eure Selina"

Teil 1: //www.kreisbote.de/lokales/kempten/selina-kettner-jahr-lang-elfenbeinkueste-5362678.html

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