Senior Experten Service in Aktion

Mongolei – Nomadenstaat im Spannungsfeld mit Urbanisierung

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Prof. Günter Nagel stellt die Mongolei vor, einen Nomadenstaat im Umbruch.

Kempten – Das Haus International erfüllte auch an diesem Abend seine Mission als interkulturelles Zentrum der Stadt Kempten. Der recht gut besuchte Vortrag vermittelte auf reich bebilderte Weise ein Gefühl für die Mongolei, die Kultur und Probleme dieses einzigartigen Nomadenstaats.

Der Auftrag, den Prof. Günter Nagel vom Ministerium für Bauwesen und Stadtentwicklung in der Mongolei bekam, klingt etwas sperrig: „Unterstützung bei der Realisierung einer nationalen Geodateninfrastruktur“. Doch genau das ist das Gebiet, auf dem der frühere langjährige Präsident des Bayerischen Landesamtes für Vermessung und Geodateninformation Experte ist. Und so ist er im Auftrag des Senior Experten Service (SES) 2013 und 2015 jeweils drei Wochen nach Ulan Baator gereist. In die kälteste und versmogteste Hauptstadt der Welt, in ein Land, das – viermal so groß wie Deutschland – wie ein rohes Ei zwischen die Großmächten Russland und China eingebettet ist. Das Riesenland hat etwa so viele Einwohner wie Berlin, die Hälfte davon wiederum lebt in der Hauptstadt Ulan Baator und das bedeutet, dass die ländlichen Gebiete äußerst dünn besiedelt sind.

Auch für Nagel hat die Mongolei, als eines der sogenannten „jungen Länder“, etwas Geheimnisvolles und so wollte der auslandserfahrene Referent mal wieder eine „andere Pünktlichkeit“, eine andere Lebensweise aber auch die spezifischen Probleme eines Nomadenlands im Umbruch kennenlernen.

Als die Russen ihren Sattelitenstaat vor etwa 85 Jahren räumen mussten, haben sie alles Material und auch das Wissen über Bauordnung, Landesvermessung und Stadtplanung mitgenommen: Nagels Rat war sehr gefragt.

Jeder hat Recht auf Land

Da in der Mongolei jeder und jede das Recht auf 700 Quadratmeter Land hat, was um die Hauptstadt herum zu unkontrolliertem und unübersichtlichem Wachstum von Jurtensiedlungen geführt hat, schlug Nagel der Ministerin Khurelshagai Ayurzana zum Beispiel das in Bayern übliche System der Baulandumlegung vor. Er fand in der Mongolei neben Englisch sprechenden auch einige recht gut Deutsch sprechenden Fachleute vor, die zum Teil in der ehemaligen DDR studiert hatten und ihm nun dolmetschend zur Seite standen; „beeindruckende Persönlichkeiten“, wie Nagel bestätigt.

Bei seinem zweiten Arbeitseinsatz hatte sich Nagel vorgenommen, für etwa 20 Personen einen Workshop abzuhalten und einen Ziel- und Strategieplan für eine nationale Geodateninfrastruktur zu entwickeln. Der Workshop sollte in einem 400 Kilometer von Ulan Baator entfernten „Ger-Camp“ in der Nähe des Changai Gebirges stattfinden, also in einem für Touristen aufgebauten kleinen Jurtendorf. Dass sich dieses Projekt zu einem organisatorischen Kraftakt auswachsen würde, ahnte er anfangs noch nicht. Als das Ministerium die Finanzierung versagte, musste improvisiert werden. Inzwischen hatten sich 50 Personen angemeldet, alle mussten ihre eigene Verpflegung mitbringen, die Fahrt selber organisieren und bezahlen und ein Wochenende dafür einsetzen. Kopfzerbrechen verursachte Nagel auch die Konferenzsprache. Schließlich erstellte er auf Englisch eine Art Film-Drehbuch, einen Aktionsplan, den er seinen beiden Ko-Moderatoren nahebrachte. „Wie wird das laufen?“, fragte er sich bangend. Doch siehe da, es lief und zwar hervorragend. Die Teilnehmenden arbeiteten „wie verrückt“, die Gruppenarbeit war intensiv, die Technik funktionierte und Rückmeldungen waren durchweg positiv!

Was wurde erreicht? Nagel zufolge sind in einem Land wie der Mongolei, wo sich unzählige Hilfsorganisationen aus den verschiedensten Ländern tummeln, technische Hilfeleistungen nicht so wichtig. Sie können eingekauft werden oder sind über das Internet verfügbar. Nagel kam es darauf an, den Leuten nichts überzustülpen nach dem Motto: Schaut her, so müsst ihr das machen! An diesem Wochenende ging es zwar um Vermessung, Geodaten und Stadtplanung, aber genauso und noch bedeutsamer um andere „weiche“ Ziele: Das Selbstbewusstsein der Teilnehmenden wurde gestärkt, ihre Eigeninitiative wurde geweckt, ein „Wir-Gefühl“ vermittelt und ihr Mitwirken an Entwicklungsprozessen gefördert.

Interessante Fragerunde

Bei der anschließenden Fragerunde wurde auch Fundamentalkritik an der Entwicklungshilfe laut: „Vielleicht sollte man diese anders entwickelten Länder einfach mal in Ruhe lassen!“ Auch Nagel räumte ein, manchmal am Sinn all dieser Bemühungen zu zweifeln, aber „Nichtstun ist auch keine Option“. Hoch gelobt wurde schließlich Entwicklungshilfeminister Dr. Gerd Müller für seine mutige neue Strategie der Entwicklungszusammenarbeit. Funktionierende Beispiele gibt es besonders im Bereich der Milchwirtschaft und des Handwerks, wie ein anderer Allgäuer Senior-Experte versicherte.

Fleisch, Fleisch, Fleisch

Die Bilder des Referenten vom weiten Land und den Leuten, vom Stutenmelken, von den Yaks, den gemütlichen Jurten und den dick eingemummelten Mongolenbabys etc. haben sicher das Interesse des Publikums an diesem Land geweckt oder verstärkt. Ein kulinarisches Reiseerlebnis konnte Nagel allerdings nicht versprechen: Mongolen und Mongolinnen essen Fleisch, Fleisch und nochmal Fleisch, das mal in Teigtaschen versteckt ist, mal in der Nudelsuppe schwimmt. Dazu kommen Joghurt, Milch und luftgetrocknete Quarkstückchen. Das Knabbern an Gurkenstückchen überlassen sie gerne den Europäern.

Senior Experten Service

Der Senior Experten Service (SES) ist eine Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit. Sie unterstützt seit 1983 die ehrenamtliche Weitergabe von Wissen und Erfahrung. Expertinnen und Experten im Ruhestand sind weltweit eingesetzt, um Brücken zu bauen. Sie kommen aus Handwerk und Technik, Verwaltung, Wissenschaft, Bildung und Gesundheitswesen. Ihre Auslandseinsätze dauern vier bis sechs Wochen. Die Fachleute unterstützen auch in Deutschland vor allem Firmen, Existenzgründer und junge Menschen in Schule und Ausbildung. Mail-Kontakt: ses@ses-bonn.de, mehr Infos unterwww.ses-bonn.de.

Elisabeth Brock

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