Gleichgewicht zwischen Mobilitätsvarianten schaffen

Serie Beauftragte des Stadtrats 2020 - 2026 Dr. Stefan Thiemann (Bündnis 90/Die Grünen): Beauftragter für Mobilität

Auch in seiner Freizeit ist Stefan Thiemann zweirädrig unterwegs.

Kempten – Neu im Stadtrat und direkt zum Beauftragten für Mobilität gewählt wurde Dr. Stefan Thiemann.

Der Kemptener hat schon in vielen europäischen Städten gelebt und so einige Positivbeispiele in Sachen Mobilität kennengelernt. Kempten zähle er noch nicht dazu. Die Stadt habe sich in den letzten 40 Jahren mit dem Kraftfahrzeugverkehr im Fokus sehr einseitig entwickelt. Das Auto deshalb plötzlich überall zu verbieten, sei trotzdem nicht die Lösung. „Ich fahre selbst Auto. Wichtig ist, ein Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Mobilitätsvarianten zu schaffen“, so der Stadtrat, der sich als Mobilitätsbeauftragter für Fußgänger, Radfahrer, den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) sowie Autofahrer gleichermaßen zuständig fühlt. 

Auf die Frage, welche Städte es besser als Kempten machten, nannte Thiemann das als Fahrradstadt bekannte Freiburg, wenngleich die Topografie eine andere als in Kempten sei, wie der Stadtratsbeauftragte einräumte. Auch Tübingen sei ein Vorbild, was den Ausbau des städtischen Radverkehrs angehe. Im Austausch mit Boris Palmer, dem Oberbürgermeister der baden-württembergischen Stadt, habe Thiemann in Erfahrung bringen können, dass dort jährlich rund sieben Millionen Euro in den Radverkehr investiert würden, wohingegen es in Kempten nur bis zu 400.000 Euro pro Jahr seien. 

Hinsichtlich eines nahezu reibungslos funktionierenden ÖPNVs mit ausreichender Taktung führte der Politiker die Schweiz an. „Als ich dort lebte, konnte ich mein Auto fast immer stehen lassen“, erinnerte sich Thiemann zurück. Von der Fläche und Einwohnerzahl sei das Land vergleichbar mit Bayern. Der Unterschied bestünde einzig und allein im politischen Willen, größere Summen in den Ausbau des ÖPNVs zu investieren. Auf seine neue Funktion als Beauftragter habe er sich nicht im Speziellen vorbereiten müssen, da er als Berater für Nachhaltigkeitsfragen im Bereich der Umwelt bereits beruflich mit dem Thema Mobilität in Berührung komme, erklärte Thiemann. 

Außerdem habe er durch seine Parteikollegen Unterstützung bei der Einarbeitung erfahren. Neben seinem Sitz im Ausschuss für Mobilität und Verkehr gebe es über das Bündnis mit der SPD, der FDP, den FW und den Grünen eine gute Diskussionsplattform, um Themen anzustoßen. Auch zwischen Stadt und Landkreis sei bei der Zusammenarbeit in Zukunft mit mehr Harmonie als in der Vergangenheit zu rechnen. „Mit 14 Sitzen im Kreistag und acht im Stadtrat sind die Grünen in verschiedenen Ausschüssen breit vertreten, sodass ein größeres Miteinander zwischen Stadt und Land entstehen wird“, prophezeite Thiemann. Inhaltlich hat er sich in den ersten drei Monaten als Beauftragter für Mobilität vor allem mit Pop-up-Radwegen befasst, die beispielsweise in Berlin im Zuge der Pandemie entstanden sind. 

Gemeinsam mit der Stadtverwaltung würden derzeit verschiedene Umsetzungsmöglichkeiten für Kempten diskutiert. „Allgemein liegt mir der Ausbau des Radverkehrs besonders am Herzen. Ich halte es noch in dieser Legislaturperiode für realistisch, ein geschlossenes Radwegenetz zu schaffen, um von einer Seite der Stadt zur anderen durchradeln zu können“, gab sich Thiemann optimistisch, der auch die Umsetzung eines Drittels der rund 160 Aktivitäten des Mobilitätsplans in dieser Legislaturperiode für leistbar halte. Oft scheiterten Maßnahmen allerdings nicht nur an der Finanzierung – so sei es beispielsweise fraglich, ob eine Verbesserung des unzureichend ausgebauten Personennahverkehrs in Zeiten von Corona finanzierbar sei –, sondern zudem an juristischen Hürden. „Bestes Beispiel ist die Situation in der Memminger Straße. Der ursprüngliche Plan war, neben der Herabsetzung auf Tempo 30 einen Radweg zu bauen. Dies lässt die Straßenverkehrsordnung allerdings nicht zu, weshalb nun zeitlich befristet Tempo 30 gilt, um den neuen Radweg verwirklicht zu bekommen“, meinte der Mobilitätsbeauftragte. 

Als weitere Themen für diese Legislaturperiode führte Thiemann die Regionalbahn als Direktverbindung zwischen Oberstdorf und Kempten und ein bezahlbares Ticket für den ÖPNV an. Die Initiative des 100-Euro-Tickets sei grundsätzlich gut, jedoch zu niedrig angesetzt gewesen. Wie teuer ein solches Ticket tatsächlich sein müsste, sei aktuell nicht abschätzbar. Die Diskussion über einen günstigen öffentlichen Personennahverkehr werde auf jeden Fall in den kommenden Jahren wieder aufgegriffen werden. Insgesamt hoffe der Stadtrat auf ein Umdenken in der Bevölkerung, was alternative Fortbewegungsmittel zum Auto anbelangt. Dies werde vermutlich länger dauern, als diese Legislaturperiode lang sei. „Wenn ich schon als Kind mit dem Schulbus negative Erfahrungen mache, werde ich als Erwachsener vom ÖPNV Abstand nehmen, sobald ich den Führerschein habe. Deshalb muss es bereits für die Schüler attraktive Angebote auf dem Schulweg geben“, forderte Thiemann. 

Dominik Baum

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