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Shakespeares »Der Sturm« in einer eigenartigen Genremischung

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Prospero (Hans Piesbergen) mit seinem dienstbaren Luftgeist Ariel (Corinne Steudler). © Birgitta Weizenegger

Kempten – „Der Sturm“ von William Shakespeare „fegte“ durch den großen Theatersaal. Im hinteren Teil der Bühne sitzen die gut 80 Zuschauer – mit Blick in den Saal. Vor ihnen, im vorderen Drittel der Bühne, findet das zentrale Geschehen statt. Der Saal ist die Insel und wird immer mal wieder ein bisschen mitbespielt.

Auch wenn die Kostüme wechseln, ist es bisweilen verwirrend und anstrengend, den gleichen Gesichtern in ihren unterschiedlichen Rollen zu folgen: Hans Piesbergen ist als Prospero und Triculo zu sehen; Corinne Steudler als Ariel, Miranda und Stephano; Sebastian Strehler als Caliban und Prinz Ferdinand. Für die Figuren Alonso, König von Neapel, dessen Bruder Sebastian und den Verräter Antonio, werden kurzerhand drei Personen aus den Zuschauerreihen erkoren. Mit den ihnen zugeteilten Schachfiguren in der Hand nehmen sie, stillen Beobachtern gleich, am linken Rand des Geschehens auf drei Stühlen Platz. Nur in Momenten wie dem kurzen Verlesen eines Textes rücken sie ins Bewusstsein. Der im Grunde unspektakuläre Plot kehrt die Wandlungsfähigkeit des Menschen von der zerstörerischen Kraft hin zum Guten und schöpferischen heraus, setzt Realität versus Illusion, Rache gegen Vergebung und endet schließlich mit der befreienden Erlösung aller. 

Der Plot 

Prospero, ehemals Herzog von Mailand, wird von seinem Bruder Antonio und dem König von Neapel entmachtet, auf hoher See ausgesetzt und strandet zusammen mit seiner Tochter Miranda auf einer Insel, die lediglich von einem boshaften, blutrünstigen Wilden namens Caliban und dem Luftgeist Ariel bewohnt wird. Beide macht sich der an Macht gewöhnte Prospero untertan und sinnt auf Rache. Zwölf Jahre muss er warten. Als die Feinde an der Insel vorbeisegeln, entfacht der mit magischen Kräften ausgestattete Prospero mit Hilfe seines Luftgeistes Ariel einen heftigen Sturm, der das Schiff kentern und die Schiffbrüchigen verstreut an Land spülen lässt. Prospero startet ein qualvolles Illusionsspiel und verkuppelt seine Tochter Miranda mit Ferdinand, dem Sohn des Königs von Neapel, um seiner Familie wieder den Thron zu sichern. Und dann – plötzlich ist das Gefühl der Rachsucht dem Mitgefühl für die Feinde gewichen. Alles ist also gut. 

Die Inszenierung 

Theaterdirektorin Silvia Armbruster hat in ihrer Inszenierung eine Mischung aus (etwas) Original-Shakespeare, aus Akrobatik und Kindertheater (das streckenweise stark an ihre Inszenierung des „Räuber Hotzenplotz“ erinnert) auf die Bühne gebracht, die man nur vage einzuordnen vermag. Es wird gerappt, gedenglisht – „Bitte quält mich nicht mit Eurem Denglish“, sagt Caliban zu den Matrosen –, geenglischt (à la Shakespeare) und gedeutscht, von Ariel mit piepsigem Kinderstimmchen und schrillen Schreien das Ohr strapaziert, gezaubert, intrigiert, gehasst, geliebt und versöhnt. Einmal mehr als Meister seines Fachs bewegte sich der grandios wandlungsfähige Hans Piesbergen durch das Stück, jederzeit überzeugend, vom hasserfüllten bis zum geläuterten Prospero, als liebevoller Vater wie machtbesessener Herrscher und auch als trinkfreudiger Matrose Triculo im Duo mit Corinne Steudler als gleichermaßen dem Alkohol zugeneigter Stephano. 

Fantastische Zauberwelt 

Ein zweifelsfreier Hingucker: die grazile Vertikaltuchakrobatik von Steudler in der Rolle des Luftgeists Ariel in fantasievollen Kostümen (Kostümbild Miachel S. Kraus); leider von erwähnter, etwas nerviger Piepsstimme begleitet, die in ungleich angenehmerer Frequenz aus dem Munde Mirandas erklingen durfte. Den beiden auf jeweils ihre Art ätherisch anmutenden Rollen setzt Sebastian Strehler in furiosem Outfit einen Kontrapunkt als das polternde, grobschlächtige, wilde Ungeheuer Caliban und überzeugt nicht weniger als für Miranda in glühender Leidenschaft entbrannter Ferdinand. Nur wenige Requisiten beanspruchen Raum auf der Bühne. Im Wesentlichen sind es rechts die von der Decke herabhängenden Akrobatiktücher; mittig links ein Schreibtisch. Der hat einen tieferen Sinn, denn da Prospero oft als Alter Ego von Shakespeare betrachtet wird, ist er in Armbrusters Inszenierung ein schreibender Regisseur, dessen Zauberkräfte in seiner Kreativität liegen. So stachelt Caliban die beiden Matrosen zum Mord seines Herrn mit den Worten an: „Vernichte erst die Bücher. Ohne die ist er so dumm wie ich.“

Christine Tröger

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