Denkmaltag befasst sich mit Kemptens NS-Vergangenheit

Unbequeme Fragen

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Auf großes Interesse stößt die Führung zum Thema „Zwangsarbeit in der NS-Zeit“ mit Markus Naumann, die auch Station in der Sheddach-Halle macht.

Kempten – Es waren die weniger ruhmreichen Punkte in der Kemptener Geschichte, die am Tag des offenen Denkmals auf der Agenda standen. Passend zum Motto „Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?“ stießen unter anderem zwei Führungen auf Interesse, die sich mit der Nazi-Zeit befassten.

Mit fundiertem Wissen fesselte Markus Naumann auf der Spurensuche an den Stationen Sheddachhalle und Allgäu Halle zum Thema „Zwangsarbeit in der NS-Zeit“. Er berichtete vom Leben der osteuropäischen Zwangsarbeiter – sie waren nicht inhaftiert, nur in Lagern untergebracht –, KZ-Häftlingen und französische Kriegsgefangenen. Von ihnen mussten 1944 rund 14 000 zwischen Lindau, Kempten, Kaufbeuren bis Memmingen als Ersatzarbeitskräfte für die zur Wehrmacht eingezogenen Männer herhalten. „Ohne Zwangsarbeiter wäre die Wirtschaft zusammengebrochen“; im Allgäu die Landwirtschaft und, da ab 1942/43 „im Allgäu ein Zentrum der Luftrüstung war“, auch die Rüstungsindustrie. 

 Im Gegensatz zu den Zwangsarbeitern aus Westeuropa waren die osteuropäischen, laut Naumann, einer Reihe von Schikanen ausgesetzt. So mussten sie Dokumente unterzeichnen, die ihre Ausgangszeiten regelten, ihnen untersagten deutsche Veranstaltungen und Gaststätten zu besuchen, ihnen vorschrieb sich jeden Sonntag – ihrem einzigen freien Tag – zwischen zehn und 15 Uhr bei der Polizei zu melden oder ihnen im Falle von sexuellen Verbindungen zu deutschen Frauen die Todesstrafe androhte. Bei Verstößen drohten Geld- oder Haftstrafen – mangels Geld allerdings meist Letzteres, wobei die Bestrafung „immer davon abhing, wer hinter dem Schreibtisch sitzt“, merkte Naumann einen in der Regel durchaus humanen Umgang miteinander an. Dennoch wusste er auch von einem negativen Beispiel aus Lenzfried zu erzählen: dort habe es ein 16-jähriger Zwangsarbeiter gewagt sich aufzulehnen, woraufhin er von seinem – nicht eben als Menschenfreund verschriener – Arbeitgeber angezeigt und daraufhin gehängt worden sei. Die Besichtigung der Sheddach-Halle vermittelte auch im Jetzt noch einen Eindruck, wie es damals gewesen sein mochte, als die ersten aus dem KZ Dachau in die Außenstelle Kempten verlagerten KZ-Häftlinge die Webstühle in den Keller räumten und die Halle mit Maschinen der Helmut Sachse K.G. bestückten. Ihr Hauptabnehmer war BMW. Ein abgetrennter Raum im hinteren Gebäudeteil wurde zeitweise auch zur Unterbringung der Arbeitskräfte genutzt. 

 "Gut Kommando" 

In größerem Stil waren die Unterkünfte in der Allgäu Halle, wo unter anderem in der Haupthalle dreistöckige Holzbetten die Arena gefüllt und die Tribünen als Aufenthaltsraum gedient hätten, während auf dem äußersten Umlauf die Wachen patrouillierten. Als „gut Kommando“ habe der Einsatz in Kempten unter den Gefangenen gegolten, da die Bedingungen hier erheblich besser gewesen seien als zum Beispiel die Unterbringung im Außenlager Kempten-Weidach. Dennoch „tut man sich in Kempten mit dem Umgang schwer“, wies Naumann auf die zweisprachige Gedenktafel am Eingang der Halle hin, die seit 1999 auf Betreiben einer Gruppe ehemaliger Häftlinge aus Frankreich auf die einst im dortigen KZ-Außenlager Dachau Inhaftierten hinweisen. 

Stolpersteine 

 Ein weiteres dunkles Kapitel der Kemptener Vergangenheit beleuchtete die Führung entlang der „Stolpersteine“, die namentlich an Juden, Sinti, Roma Jenische, Homosexuelle, sozial Diffamierte, politisch oder religiös Verfolgte sowie „Euthanasie“-Opfer des NS-Regimes erinnern. Über 20 solcher Stolpersteine befinden sich eingelassen im Bürgersteig vor dem vermutlich letzten freiwilligen Wohnort der Ermordeten allein in Kempten. An den ausgewählten Stolpersteinen, unter anderem von Siegfried Ullmann, Maria Grosselfinger oder dreier Mitglieder der Familie Walter, erzählten Martin Huss und Georg Gauter nicht nur von deren Biografie, sondern ebenso von den Stätten, an die sie deportiert worden waren. Neben Führungen zum so genannten Hexenprozess von 1775 war auch das einzig geöffnete Denkmal Beginenhaus einmal mehr beliebter Zielpunkt für Besichtigungstouren. Dort wurde die spannende Ausstellung „Verschwundenes Erbe – Abbrüche in Kempten zwischen 1800 und heute“ gezeigt.

Christine Tröger

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