Sicherheitsstandard auf hohem Niveau

Die Straftaten sind rückläufig – Call-Center-Betrüger auf dem Vormarsch

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Mit einfachen Mitteln schaffen es Einbrecher immer wieder, in fremde Häuser einzudringen.
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Kempten/Allgäu – „Wer in Bayern lebt, ist sicher“, sagte Polizeipräsident Werner Strößner vom Präsidium Schwaben Süd/ West bei der Pressekonferenz zur polizeilichen Kriminalstatistik.

Am Dienstagvormittag legte der Polizeipräsident zusammen mit dem leitenden Kriminaldirektor Albert Müller die Zahlen von 2018 auf den Tisch. In einem Überblick gab es Informationen über die Straftatentwicklung, die Häufigkeitszahl, die Alters- und die Herkunftsstruktur der Täter. Außerdem wurde ein genauer Blick auf die Aufklärungsquote und die Tatverdächtigen geworfen.

Als Gradmessung für die Sicherheit wird die Kriminalhäufigkeitszahl herangezogen. Eine Zahl, die sich ergibt, wenn man die Zahl der bekanntgewordenen Straftaten auf 100.000 Einwohner hochrechnet. Zieht man so zum Vergleich die bereinigten Zahlen heran (also die Zahl, aus denen die Straftaten und Vergehen gegen das Asyl- und Ausländerrecht heraus gerechnet worden sind), liegt die Häufigkeitszahl im Präsidium Schwaben Süd/West bei 4023 und ist damit gegenüber Bayern mit 4571 deutlich geringer. Die Kriminalitätshäufigkeitszahl drückt letztendlich aus, wie groß die Gefahr ist, Opfer einer Straftat zu werden. Betrachtet man die einzelnen Regionen, so liegt Kempten bei 6403, Kaufbeuren bei 6417 und Memmingen bei 6230. Auf Landkreis-Ebene liegt Neu-Ulm bei 4911, Günzburg bei 4054, Oberallgäu 2900, Ostallgäu 3423, Unterallgäu 3097 und der Landkreis Lindau 6399. „Das sind hervorragende Werte, auch innerhalb Bayerns“, lobte Strößner. Den hohen Sicherheitsstandard führte er auf insgesamt 2100 Beschäftige zurück, die im Polizeipräsidium Schwaben Süd/ West auf 600 Quadratkilometern etwa eine Million Bürger betreuen.

„Im Schnitt geht alle fünf Minuten ein Notruf in der Einsatzzentrale ein“, sagte Strößner. Und durchschnittlich wird alle viereinhalb Minuten ein Einsatz gefahren. Insgesamt verzeichnete das Präsidium Schwaben Süd/West einen Rückgang der Straftaten von 43.193 (2017) auf 42.253 (2018) Straftaten. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einer Abnahme von 2,2 Prozent. In Bayern wurde dagegen ein leichter Anstieg von 0,9 Prozent festgestellt. Der Landkreis Neu-Ulm verzeichnete einen Anstieg von 9,4 Prozent und das Unterallgäu ein Plus von 10,3 Prozent. Die Straftaten in den Landkreisen Ostallgäu und Günzburg haben sich mit minus einem Prozent und plus 1,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr kaum verändert. Einen deutlichen Rückgang der Straftaten gab es in den Landkreisen Oberallgäu um 8,8 Prozent und in Lindau sogar um 17,7 Prozent. Die Stadt Kempten liegt hier um 2,5 Prozent besser als 2017 und Memmingen sogar um 6,2 Prozent. Einen leichten Anstieg von 0,9 Prozent gab es in Kaufbeuren. Von den 42.253 insgesamt ausgeführten Straftaten wurden 30.243 erfolgreich aufgeklärt. Bei den meisten Straftaten handelte es sich um Diebstahlsdelikte (22,7 Prozent), gefolgt von Vermögens- und Fälschungsdelikten (15,3), Straßenkriminalität (14), Rauschgiftdelikten (8,8), Gewalt(3,6) und schließlich Sexualdelikten (1,5). „Obwohl die Sexualdelikte anteilsmäßig nur sehr gering sind, sind sie uns dennoch zu viel“, bemerkte Strößner. 

Die Aufklärungsquote lag bei 71,6 Prozent (bereinigt: 69,2 Prozent) und damit über dem bayerischen Wert von 66,7 Prozent (bereinigt: 64,5 Prozent). „Außerdem ist es der zweitbeste Wert seit Bestehen des Präsidiums“, sagte Strößner. Insgesamt konnten 23.147 Tatverdächtige (bereinigt: 20.169) ermittelt werden, das sind insgesamt 4,4 Prozent (bereinigt: 2,4 Prozent) weniger als im Vorjahr. Bei den Tatverdächtigen handelte es sich nach den bereinigten Zahlen bei 68,2 Prozent um Deutsche und bei 31,8 Prozent um Nichtdeutsche. 18,7 Prozent waren Jugendliche und Heranwachsende im Alter von 14 bis 21 Jahren. In Dreivierteln Fälle waren die Täter männlich und nur in einem Viertel weiblich. „Die Gewaltkriminalität ist trotz einem Höchststand von 1501 auf einem niedrigen Niveau“, so Kriminaldirektor Albert Müller. Gegenüber 2017 ist die Zahl um 54 Fälle und damit um drei Prozent gestiegen. Die Häufigkeitszahl im Bereich der Gewaltkriminalität (Anzahl der Straftaten gerechnet auf 100.000 Einwohner) liegt im Präsidium Schwaben Süd/West bei 155 und damit unter dem bayerischen Durchschnitt mit 160 und dem des Bundes mit 229. „Die Wahrscheinlichkeit, dass man bei uns also Opfer eines Gewaltdeliktes wird, ist um ein Drittel geringer als im Rest der Bundesrepublik“, stellte Müller fest. Der größte Teil der Gewaltdelikte, etwa 80 Prozent, betraf Körperverletzungen. An zweiter Stelle steht Raub,der mit insgesamt 121 Fällen gegenüber dem Vorjahr um 23 gesunken ist. Dass es sich bei den Tatverdächtigen der Gewaltdelikte bei 28 Prozent um Jugendliche und Heranwachsende handelte, verwundert den leitenden Kriminaldirektor nicht. „In dieser Phase werden einfach noch Kräfte gemessen“, sagte Müller. Bei 44 Prozent der Tatverdächtigen handelte es sich um Nichtdeutsche. Eine weitere Rolle bei den Gewaltdelikten spielte auch der Einfluss von Drogen und Alkohol, so waren 13 Prozent der Tatverdächtigen alkoholisiert. Betrachtet man die Straßenkriminalität der letzten zehn Jahre, so konnte diese um 2300 Fälle und damit um ein Drittel gesenkt werden. Kriminaldirektor Müller ist stolz auf den Rückgang und führte dies auf eine vermehrte sichtbare Präsenz zurück. Der Hauptanteil der Straßenkriminalität seien Diebstähle gewesen, aber auch diese wären um 23,5 Prozent gesunken. Die Sachbeschädigungen an Kraftfahrzeugen seien dagegen um 12,5 Prozent gestiegen. 

Die Aufklärungsquote in diesem Bereich wäre allerdings nicht so gut und liege nur etwa bei einem Viertel. Die Einbruchsdiebstähle in Wohnungen konnten seit 2016 nun zum zweiten Mal in Folge von 503 Fälle auf 360 Fälle gesenkt werden, was einen Rückgang von 16,1 Prozent bedeutet. So habe man seit dem Höchststand doch immerhin schon einiges erreicht. Kriminaldirektor Müller führte den Erfolg auf das Wirken von Präventionsmaßnahmen zurück. Schließlich wären 48,1 Prozent aller Einbrüche fehlgeschlagen. Solche Erfolge ließen sich auch auf Hinweise aufmerksamer Bürger zurückführen. Kriminaldirektor Müller unterstrich dabei nochmals die Wichtigkeit, „beim geringsten Verdacht, ohne Scheu die 110 anzurufen.“ Eingebrochen werde hauptsächlich in Einfamilien-, Reihen- und Doppelhäuser, die sich meist in der Nähe der Autobahnen oder an den Bundesstraßen B300 und B308 befinden. Sorge bereitete dem Polizeiprä- sidenten und dem leitenden Kriminaldirektor immer noch die Entwicklung der Betrugsfälle die in Verbindung mit Call-Centern, Falschen Polizeibeamten, Schockanrufen in Verbindung stehen. 

Und auch der dreiste Enkeltrick tauche vermehrt wieder auf. Seit 2016 sind die Fälle von zehn auf 1340 Fälle im Jahr 2018 gestiegen. Trotz des Anstiegs, betrug der Beuteschaden 2018 nur 500.000 Euro, im Vergleich zu 2017 wo der Schaden bei 700.000 Euro lag. „Betrachten wir den Vergleichszeitraum vom letztem Jahr, so haben wir bereits jetzt schon seit erstem Januar bis heute früh 6 Uhr eine Steigerung von 100 Prozent“, gab Strößner einen beunruhigenden Ausblick auf die Entwicklungen für 2019. So wären es allein in den letzten 24 Stunden vor der Pressekonferenz sechs dieser betrügerischen Anrufe gewesen – einer davon sogar erfolgreich. Obwohl die Polizei in ermittlungstechnischer Hinsicht viel tue und auch an der Prävention sehr aktiv arbeite, wären sie auf die zeitnahe Mithilfe der Bürger angewiesen. So müssten aber auch Bankangestellte aufmerksam sein und reagieren, wenn jemand sein gesamtes Erspartes abheben wolle. Die Täter rufen vorwiegend nachmittags bis nachts aus Call-Centern, meist aus der Türkei an. Auf dem Display des Angerufenen erscheint die Notrufnummer 110 oder eine bekannte Vorwahl aus Kempten, Stuttgart oder München in Kombination mit der Notrufnummer. 

Teilweise melden sich die Betrüger mit den Namen echter Polizisten. Mit ganz perfiden Tricks versuchen die Betrüger nun die älteren Menschen zu verunsichern und an ihr gesamtes Erspartes zu kommen. Sie spielen mit der Gutgläubigkeit und auch mit der Existenzangst der Menschen. Mit Geschichten von Einbrechern, die beim Nachbarn gefasst wurden und einen Zettel mit der Adresse des Angerufenen bei sich trugen, beginnt die erste Verunsicherung. Aufgrund von Erfahrung und Präventionsarbeit reagiert so manch Angerufener ganz pfiffig: „Einen Augenblick mal, ich rufe sie gleich zurück.“ Allerdings, was die Angerufenen nicht wissen können, halten die Betrüger währenddessen die Leitung und sind beim Rückruf gleich wieder verbunden. „Dann stimmt es also doch!“ Der Schock bei den Angerufenen ist groß. Jetzt hat der Betrüger leichtes Spiel. Telefonisch erkundigt er sich nach Wertgegenständen in der Wohnung. Der vermeintlich „echte“ Polizist stellt in Aussicht, dass er diese sichern und in Verwahrung nehmen werde. Er käme und würde sie persönlich abholen. Es wird ein Ablageort vereinbart, an dem das Opfer die Wertgegenstände deponiert. So kommt der Betrüger schließlich an die Wertgegenstände. Ausgesucht werden die Opfer anhand von alten Vornamen und kurzen Telefonnummern. Daneben gibt es auch die Geschichte vom Bankmitarbeiter, der Geld abbucht oder gefälschte Geldscheine ausgibt. Zum Test solle der Angerufene doch Geld abheben und für den vermeintlich „echten“ Polizisten zur Untersuchung der Echtheit wieder deponieren. Ähnlich läuft es mit Preisausschreiben oder angeblich eingeleiteten Strafverfahren, zu deren Auszahlung oder Aufhebung erst mal ein Geldbetrag fällig wird. 

Sollten solche und ähnliche Fälle auftauchen, bittet Polizeipräsident Strößner darum, die Polizei sofort zu informieren. Wer von einem Betrüger angerufen wurde, sollte allerdings zu einem anderen Telefon oder zum Handy greifen, um so die echte Polizeidienststelle zu erreichen. Übrigens ruft die Polizei niemals mit der Nummer 110 an. „Erschreckend ist außerdem die Tatsache, dass die Menschen auch uns, den echten Polizisten nicht mehr trauen und vor uns die Türe verschließen“, gab er bei der Pressekonferenz zu Bedenken. 

Tamara Lehmann

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