"Sie haben es nicht leichter gemacht"

Bei großen Parteitagen misst man die Zustimmung der Basis an Dauer und Intensität des Applaus für einen frisch Gewählten. Wendet man diesen Indikator auf die Bürgerversammlung „Jetzt red i“ am vergangenen Mittwoch im Kornhaus an, dann sind die Pläne der Stadtspitze für den Bau einer Tiefgarage unter dem Hildegardplatz beim Wähler wohl durchgefallen. Während Redebeiträge gegen das Vorhaben mit kräftigem Applaus der Anwesenden belohnt wurde, war bei Wortmeldungen für eine Tiefgarage nur spärliches Klatschen zu vernehmen. OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) machte am Schluss der Veranstaltung trotzdem keinen Hehl aus seinen Präferenzen: „Wenn ich die fünf Ziele ernst nehme, bin ich bei der Tiefgarage“, sagte er.

Nachdem seinerzeit im Juni von vielen Seiten zum Teil deutliche Kritik daran geübt wurde, dass bei der Bürger-Informationsveranstaltung zum Hildegardplatz keine Diskussion stattfand, hatte die Stadtverwaltung am Mittwoch zur Diskussionsrunde ins Kornhaus eingeladen. Nach der fast dreistündigen Debatte stand fest: Die Verwaltung wird sich noch gehörig anstrengen müssen, die Mehrheit der Anwesenden von ihren Tiefgaragen-Plänen (siehe Info-Kasten) zu überzeugen. Schnell kristallierte sich heraus, dass die Kemptener in drei Lager gespalten sind: Zum einen diejenigen, die die jetzige Zahl der Parkplätze auf alle Fälle erhalten wollen, egal ob unter- oder oberirdisch. Auf der anderen Seite stehen all jene, die alles so lassen wollen, wie es ist. Ihnen gegenüber wollen wiederum andere die historische Bedeutung des Platzes hervorheben – was ihrer Ansicht nach nur mit Hilfe einer Tiefgarage zu bewerkstelligen ist. Tatsächlich neue Argumente konnte am Mittwochabend jedoch keine der Parteien liefern. So führten die Gegner einmal mehr das Verkehrsgutachten von Modus Consult an, aus dem hervorgeht, dass über 90 Prozent der Parker am Hildegardplatz Kurzzeitparker sind. „Und welcher Kurzzeitparker benutzt schon eine Tiefgarage?“, brachte ein Anwesender die Zweifel vieler auf den Punkt. Nackte Existenzangst Sorgen um ihre Existenz äußerten erneut einige benachbarte Geschäftsleute. Sie gehen bei einer Bauzeit für die Tiefgarage von ungefähr zwei Jahren von Umsatzeinbußen um die 50 Prozent aus. „Übernehmen Sie meinen Umsatzeinbruch über zwei Jahre hinweg?“, wollte beispielsweise Margit Epple vom Feinkostladen von OB Netzer wissen. Auch Ralf Oberbauer von der St.-Lorenz-Apotheke ließ keine Zweifel aufkommen: „Ich kann an einer Tiefgarage nichts erkennen, was deutlich besser ist“, sagte er. Ein weiteres Argument der Tiefgaragen-Gegner ist die Sicherheit der Basilika, die sie durch die Arbeiten gefährdet sehen. „Wenn man das wirklich sicher machen will, werden Ihre sieben Millionen Euro nicht ausreichen“, sagte stellvertretend Walter Bucher. Andere wiederum störten sich an den hohen Kosten einer Tiefgarage in Zeiten wegbrechender Steuereinnahmen und leeren öffentlichen Kassen. Die Befürworter verwiesen dagegen auf die wenigen Parkplätze auf dem Hildegardplatz. „120 Parkplätze reichen für uns nicht“, appellierte zum Beispiel Dekan Michael Lechner. Joachim Rall störte sich daran, dass zu Marktzeiten die komplette Stiftsstadt zugeparkt sei. Abhilfe könne hier nur eine Tiefgarage schaffen. Herbert Klaus erinnerte an die Zeit vor dem Krieg, als der Platz noch komplett Auto frei gewesen sei. „Heute haben wir zwar einen Parkplatz gewonnen, dafür einen schönen Platz verloren“, erklärte er. „Es sollten die Menschen vorherrschen, nicht die Autos – also bleibt nur die Tiefgarage“, sagte hingegen Markus Hatt von der Jungen Union. Baubeginn 2011 Doch wie konkret sind eigentlich die Pläne zur Umgestaltung des Hildegardplatzes? Offenbar recht konkret, denn schon heuer sollen die Planungskosten im Haushalt 2010 berücksichtigt werden, kündigte OB Netzer an. Archäologische Grabungen und andere Vorarbeiten könnten dann 2011 erfolgen und 2012 würde dann gebaut werden. „Das ist realistisch, unabhängig davon, welche Variante die Mehrheit findet“, erläuterte das Stadtoberhaupt. „Spätestens 2012 muss das aber realisiert werden.“ Die endgültige Entscheidung muss nun der Stadtrat fällen. Dass das nach der Bürgerversammlung nicht ganz einfach wird, ließ Netzer bereits zum Schluss durchblicken. „Sie haben es uns nicht leichter gemacht“, sagte er.

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